Montag, 27. Oktober 2003

Hamburg

Schüler lernen mit Senioren
Bergedorf: Jugendliche bekommen lebendigen
Geschichtsunterricht - gegen Internet-Kenntnisse.


Von Jule Bleyer 

"Der Beschuss auf unsere Stallungen wurde immer heftiger.
Wir wagten kaum, unsere Köpfe aus den Erdlölchern zu
stecken. In der Ferne hörten wir Panzergeräusche. Damit
stand ein Frontalangriff kurz bevor." Wenn Heinz Schäffer
(77) von seinen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg
erzählt, hören die Schüler und die anderen Senioren gebannt
zu. Schließlich müssen sie kontrollieren, ob auch alles richtig
ist, die Fakten und Zahlen stimmen. Denn die Geschichte
von Heinz Schäffer wird im Internet veröffentlicht - damit
jeder sie lesen kann. 

Individuell erlebte Geschichte für die nachfolgende
Generation zu erhalten - das ist die Idee des "Kollektiven
Gedächtnisses", einer Sammelstelle von Zeitzeugenberichten
im Internet, die im März 2000 entstand. Damals besuchten
Senioren zum ersten Mal den Geschichtsunterricht einer
zehnten Klasse am Gymnasium Lohbrügge und erzählten aus
ihrem Leben. "Diese Berichte haben wir aufgeschrieben und
im Internet veröffentlicht", sagt Manfred Schulz (51),
Geschichtslehrer am Gymnasium Lohbrügge. Eine Idee war
geboren: "Um weitere Berichte ins Internet zu stellen, haben
wir ein Redaktionsteam gegründet", sagt Schulz. "Bestehend
aus Schülern - und aus Zeitzeugen selbst." 

Seitdem trifft sich das Team von elf Schülern und neun
Senioren aus dem Haus im Park der Körber-Stiftung, einer
Begegnungsstätte von Menschen ab fünfzig Jahren, einmal
im Monat, koordiniert die Berichte, prüft sie auf ihre
Richtigkeit und veröffentlicht sie im Internet. Das Projekt ist
zu einem Teilvorhaben im Förderprogramm der
Bund-Länder-Kommission "Lebenslanges Lernen" im
"Netzwerk Lernkultur" geworden. "Die Senioren geben ihre
persönlichen Erfahrungen wieder, es entwickeln sich
lebendige Diskussionen, die die Schüler dazu bringen, noch
weiter nachzuforschen", sagt Ute Ising (58), Leiterin der
Akademie im Haus im Park. 

Wie spannend das sein kann, wissen die Sch�ler nur zu gut.
"Es ist aufregend zu h�ren, was die Menschen wirklich erlebt
haben", sagt Nicole Vo� (16). Doch nicht nur die
Jugendlichen lernen etwas aus den Zusammentreffen der
Generationen. Im Gegenzug helfen die Sch�ler den Senioren
beim Benutzen eines Computers und wie man sich im
Internet zurechtfindet. "Ich habe durch das Projekt viel im
PC-Bereich gelernt", sagt Ursula Tenne. Die 65-J�hrige ist
mittlerweile Webmasterin und f�r die Seite
www.kollektives-gedaechtnis.de verantwortlich. 

Und wenn es Probleme gibt, springen die anderen ein. "Wir
sind ein tolles Team, in dem alle gleichberechtigt sind", sagt
Gehrd Fahl (75). Die positiven Erfahrungen m�chte die
Gruppe weitergeben. "Wir w�rden uns freuen, wenn sich
weitere Gruppen bilden w�rden", so Lehrer Schulz. "Unser
Traum ist ein gro�es Netzwerk." 

erschienen am 27. Okt 2003 in Hamburg