Polnische ehm. Schüler im KLV-Lager 1943 westpr.


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Abgeschickt von gerhard Jeske am 03 Mai, 2009 um 09:08:07

Danziger ehemalige polnische Schüler
im KLV-Lager Adolfs - Dorf - Kr. Wirsitz.1943-
von Gerhard Jeske
Nach dem Einsatz in der Kartoffelernte bei Konitz, erhielten wir anfangs November 1943 den Bescheid mit gepackten Affen ( H-J-Rucksack) oder Koffer im Hauptbahnhof anzutreten.
Wir wurden von unseren Müttern und Geschwistern verabschiedet, bestiegen den Zug und fuhren einem unbekanntem Ziel entgegen. In Bromberg und Nakel mussten wir umsteigen. dann fuhren wir mit einer Kleinbahn weiter. Abends hielt der Zug auf freier Strecke und wir stiegen aus. Gegenüber.des Kleinbahndammes stand eine alte Schule und im Garten sahen wir ein zweites flaches Gebäude. Zur linken Seite war die Schule einen Kilometer vom Schloss Herreneichen entfernt, ein polnischer Graf war vor 1939 der Besitzer gewesen, den hatte man enteignet, Zur rechten Seite lag an der Landstrasse und vor der Kleinbahnstation ein polnisches Dorf, jetzt war es umbenannt in Adolfs - Dorf. Die Polen waren vertrieben worden und Bauern aus Bessarabien wohnten in den bescheidenen Häusern. Drei km weiter befand sich das Rittergut derer von Witzleben, die sich überhaupt nicht um uns gekümmert hatten. Bei schlechter Verpflegung, ohne Elektrisches Licht und fließendem Wasser, hausten wir mit je 40 Schülern in zwei Klassenräumen. Wir waren ein zusammen gewürfelter Haufen aus drei Schulen: Schleusengasse, Lastadie und Schwarzes Meer. Als der Frost 8 - 12 Grad minus erreichte, fror der Brunnen zu, und wir mussten für die Küche das Wasser in Bottichen auf Schlitten vom Dorf holen. Zum Waschen reichte es nicht. Nur am Sonnabend gab es, nach dem Abendessen, heißes Wasser, für jeden eine halbe Blechschüssel voll. Ich meine, dass die letzten Polenkinder, die beim Gut wohnten und zu Hause waren,es besser hatten, als wir Beutegermanen.
Im Januar mussten wir nachts in der Kälte Wache gehen. (es gab dort pol. Partisanen) Nicht zu zweien, sondern einzeln patrouillierten wir draußen herum. Da ich schon mit dreizehn Jahren nicht furchtsam war, erlebte ich einsame Stunden unter funkelnden Sternen oder fahlen segelnden Wolken bei kaltem Mondlicht, der manchmal den Schnee vergoldete. Leider war unsere Winteruniform so dünn, dass die Kälte bis auf die Haut durchdrang, nach zwei Stunden waren wir durchgefroren, bis auf die Knochen. Bis Ende März 1944 hausten wir in dieser flachen, trostlosen Gegend.
Im KLV Lager Adolfdorf im Kreis Wirsitz, war auch mein Freund von der polnischen Minderheit dabei. Der besuchte dort, mit drei oder vier Jungens, in der HJ Uniform, den polnischen Schuster. Den hatten die Nazis nicht deportiert, denn auch den angesiedelten Bauern aus Bessarabien mussten die Schuhe besohlt werden. Hans Olschewski nahm mich eines Abends mit, um mich der Familie vorzuführen. Warum, dass erzähle ich ihnen jetzt. Ich war ein kleiner zäher, nicht unbegabter Junge, schön anzusehen, mit einem zarten Milchgesicht. Der Gefolgschaftsführer im KLV-Lager schikanierte mich. Er fand jeden Tag einen Grund, um mich und einige andere Jungens, nach dem Abendessen auf sein Zimmer zu bestellen. Hier mussten wir zur Strafe jede Menge Kniebeugen, Liegestütze und in der Hocke den Entengang machen, manchmal mit einer halbvollen Waschschüssel in den vorgestreckten Händen. Ein Junge nach dem anderen fing an zu keuchen, bis er sagte „ Gefolgschaftsführer, ich kann nicht mehr.“ Der nannte ihn einen Schwächling und lies ihn gehen. Ich machte diese Strafgymnastik weiter und gab nie auf, bis es ihm zu viel wurde und er mich rausschmiss.
Vor Weinachten durfte ich mit einem Kameraden nach Danzig fahren, um selbst gebasteltes Spielzeug für Kriegswaisen in der KLV- Lager Leitstelle auf der Fröbelwiese abzugeben.
Es war schon gegen 20 Uhr als wir dort ankamen. Wie ich mich dort meldete, und der HJ- Führer den Namen unseres Lagers hörte, lief er zu einem Zimmer, er riss die Tür auf und schrie hinein. „ Da sind zwei aus Adolfs - Dorf. Sofort erschienen einige HJ – Unterführer, um die frechen Lümmel anzustaunen. Die waren aber erstaunt, als sie die kleinen Luntrusse vor sich sahen. Na, wir mussten eine Stunde warten und dann übergab uns ein Kamerad unsere Koffer, die waren vollgefüllt, mit Sachen, die wir nicht kannten. Wir schleppten die zwei Koffer zur Straßenbahn-Haltestelle und fuhren bis zum Hauptbahnhof. Dort stiegen wir aus, schleppten die Koffer zur Gepäckannahme und gaben sie als Wartegut auf. Dann fuhren wir nach Hause. Mein Kamerad mit der Lore 4 bis Ende Langgarten, dort wohnte er und ich mit der Linie 5 bis zur Endstation Ecke Hühnerberg – Thornscher Weg, Von dort musste ich noch fünfzehn Minuten durch die Dunkelheit nach Walddorf gehen. Meine Mutter war überrascht als ich die Wohnung betrat. Aber wie sah es dort aus? Das elektrische Licht leuchtete nur mit schwachem Strom. Mein kleiner Bruder röchelte mir mit einer Lungenentzündung aus dem Bett entgegen. Damals kam man damit nicht ins Krankenhaus. Ein kleines Tannenbäumchen stand auf der Nähmaschine. Der älteste Bruder leistete nächtlichen Luftschutzdienst auf einem Speicher. Der Vater auch nicht zu Hause. Das wirkte sehr miserabel auf mich. Schnell hatte meine Mutter Brot und geräucherten Pomuchel aufgetischt, dabei erzählte ich ihr einiges aus dem Lagerleben und warum wir nicht den Konfirmanden Unterricht auf dem Rittergut derer von Witzleben besuchen wollten, und das ich morgen noch Urlaub hätte und die Familie Olschewski besuchen wollte.
Am Vormittag des anderen Tages sah die Umgebung freundlicher aus. Im Garten lag heller Schnee, gegen das westliche Himmelsblau schickte die Sonne ihre goldenen Strahlen durch die Äste der Obstbäume. Ich verließ unser Haus und spazierte bis zu Spielplatz. Stille ringsherum. Kein Hund bellte, die waren, um Lebensmittel zu sparen, längst liquidiert worden. Weit und breit kein Nachbar zu sehen. Walddorf wirkte menschenleer, wie ausgestorben. Nach dem Mittagessen machte ich mich fertig um Frau Olschewski und ihre Tochter aufzusuchen. Nun erfuhr ich von meiner Mutter, dass der Vater von Hans im KZ.- umgekommen war und dass seine Schwester und Mutter auf dem Bodenzimmer eines Speichers in der Hopfengasse leben mussten, Sie sollten dort Tag und Nacht Feuerwache halten. Abends wurde die Tür unten abgeschlossen, niemand konnte sie deshalb besuchen. Ich hatte die schwarze HJ-Winteruniform angezogen und meine Mutter fragte erstaunt, ob ich so angezogen dorthin gehen wollte. Warum nicht „ meinte ich, wenn ein Zivilist die Beiden besucht könnte das einen üblen Verdacht auslösen.“ In einem kleinen Zimmer mit winziger Küche hauste die Mutter und Schwester auf dem Speicherboden. Die Schwester, eine ehemalige Abiturientin, beherrschte schon vier Sprachen. Beide waren sehr mager, denn sie erhielten nicht die vollen Lebensmittelmarken. Ich nahm, nach unserer Unterhaltung, ein Buch mit Zauberkunst-Stückchen mit. Angeblich wollte Hans Olschewski uns daraus etwas vorführen. Das hatte er nie getan, denn das Buch war sicherlich für Andere bestimmt. zum Beispiel, wie man sich aus einer Fessel befreien konnte. Ich hatte es mir im Zug genau angesehen.
Am anderen Tag verabschiedete ich mich vom Rest der Familie und fuhr zum Hauptbahnhof. Wir hatten uns um 11,30 dort verabredet. Nachdem wir die Koffer ausgelöst hatten, reihte ich mich in die Schlange am Fahrkartenschalter an. Als ich am Schalterfenster stand, fragte mich die Beamtin nach der Reiseerlaubnis. Ich war baff. Sie erklärte mir, das ab 24 Uhr diese Verordnung gilt, deshalb durfte sie mir keine Fahrkarten verkaufen. Ich schaltete sofort einen Schnellgang im Gehirn ein. Lief schnell über die Straße zur Elisabethgasse zur Polizeiwache und erklärte dem Polizisten meine Lage. Der schrieb einen Antrag aus, genehmigte die Abfahrt und damit versehen peste ich zurück und erhielt die Fahrkarten, der Zug sollte , wenn ich es richtig erinnere um 12,o5 abfahren nach Bromberg. Wir hatten fünf Minuten Zeit um den richtigen Bahnsteig zu erreichen. Das klappte auf die Sekunde genau. Kaum hatten wir die Koffer durch die Tür gewuchtet, pfiff der Beamte die Abfahrt an. Wir waren vorerst beruhigt, nach zweimaligen umsteigen erreichten wir gegen 19.00 Adolfs - Dorf. Jetzt begann das Kofferschleppen, über den Bahndamm zur Lager-Schule. Der eine Henkel vom Koffer war abgerissen, meinen Schulterriemen hakte ich in die Metall- Öse ein und zog den Koffer, wie einen Schlitten über den Schnee hinter mich her.
Wie erstaunt waren wir, als die Koffer geöffnet waren und wir erkannten, was darinnen lag. Eine Menge Kriegsbücher, die niemand lesen wollte, ein kleines Repetiergewehr. Und ein Radio, das wir nicht gebrauchen konnten, weil wir keinen Elektrischen Anschluss hatten. In unserem Zimmer brannte nur noch eine Petroleum-Lampe mit halbem Zylinder.
Am Nächsten Morgen landete ich meine große Überraschung und es sollte mein erster, gefährlicher politischer Witz werden. Ich hatte eine Landkarte von Russland mitgebracht, dazu kleine Nadeln mit roten Fähnchen. Die Karte heftete ich an die rechte Seite der Wand vor der Tür, die zum Frühstücksraum führte. Dann steckte ich die roten Fähnchen in den Frontverlauf ein, der sich im Mittelabschnitt auf der Linie Kiew- Shitomir abzeichnete. Nach der primitiven Weihnachtsfeier, wurden die letzten Briefe verteilt einige Jungen ergriff das Heimweh und sie heulten los.. Ich interessierte mich für die Zeitung aus Danzig, die auch eingetroffen war und rückte die Fähnchen bis zur Markierung der Stadt Shitomir vor. Die Stadt war von der deutschen Armee im November zurückerobert worden. Aber wie es aussah, wogten um die Stadt schwere Kämpfe hin und her. Anfang Januar, in der nächsten Zeitung, las ich, dass Shitomir , im Verlaufe einer Frontbegradigung aufgegeben worden war. Nun gibt es ein Wortspiel. Im Plattdeutschen heißt ein Spruch.“ Schiets du mir, so ich Dir“ also - scheißt Du mich an, so ich dich auch.“ Und Schiet, in deutsch und schitomir im russischen, klingen sehr ähnlich. Ich stecke morgens die Fähnchen um. Hinter mir staand der Gefolgschaftsführer, und einige Pimpfe, die am Frontverlauf sehr interessiert waren. Darunter waren Jungens von der polnischen Minderheit, wie ich einige Tage später erfahren sollte. Der Gefolgschaftsführer fragte mich „“ Na, wie sieht die Lage aus.“ Ich ziehe ein Fähnchen heraus und stecke es um und sage.“ Shitomir so ich dir !“ Ruckartig wendete der Gefolgschaftsführer sich ab und ging in den Frühstücksraum. Der hatte das Wortspiel begriffen, denn er kam aus einer Stadt in Westfalen, wo man auch Niederdeutsch verstand. Am nächsten Tag war die Karte entfernt worden und ich noch mehr in Ungnade gefallen.
Jetzt wollte der Gefolgschaftsführer mir eins Auswischen. Beim Mittagessen verlangte er absolute Ruhe. Plötzlich sprach ein Junge, ein oder zwei Worte. „ Wer hat da gesprochen“ fragte der Gefolgschaftsführer mit harter Stimme. Niemand meldete sich. Er wiederholte seine Frage. Wieder meldete sich kein Junge. Nun schrie der Gefolgschaftsführer los „ Jeske du warst es. Was hast du gesagt?“ Ich schwieg. Er wiederholte die Frage und dann kam der Hammer, er wollte mich einer Dienstverweigerung überführen. Also sagte er. „ Ich gebe Dir den dienstlichen Befehl: Was hat Du gesagt.
„ Nichts sagen, hieß einen Befehl verweigern. Ich musste etwas antworten und sagte „ leck mich am Arsch“ Stille war, einen Floh hätte man husten hören können. Nach einer Atempause. „ Du solltest mal Deine Personalakte sehen. Aus Dir wird nichts mehr werden.“ Nun konnte ich allezeit hoffen, dass wir so schnell wie möglich den Krieg verlieren müssen.
Ein oder zwei Tage später lud mich Hans Olschewski ein, ihn abends zu begleiten. Nach dem Abendessen gingen wir über das Schneefeld zum Dorfrand. Unvermittelt sagte Hans, dass sein Vater an einem Hirntumor verstorben war. Ich wusste Bescheid, dass war sicherlich ein Schlag über den Schädel oder eine Pistolenkugel gewesen, sagte aber nichts. Vor einer Kate blieben wir stehen. Er öffnete die Tür und schob mich hin ein. Mattes gelbliches Licht umfing mich , vermischt mit Dampfschwaden, die aus der Tür in die Kälte schwebten. Ich befand mich in der Wohnküche. In der Mitte des Raumes stand ein 3-4 jähriges Mädchen in der Wanne, die Mutter seifte den nackten Körper ein. An der rechten Seite stand der aufgeheizte Herd. Die Oma bereitet das Abendessen vor. Links an meiner Seite standen drei oder vier Jungens, angezogen mit der HJ- Winteruniform. Das waren sie also, die Bowkes von der illegalen polnischen MINDERHEIT: In der linken Ecke des Raumes saß der Schuster an seinem Arbeitstisch. Er schaute mich prüfend an, legte den Hammer aus der Hand und sprach dann leise mit Hans Olschewski. Was er erzählte weiß ich nicht, darüber schwieg Hans sich aus. Hier suchten die polnisch-katholischen Jugendlichen etwas Familienersatz. Hier erlebten sie das, was die Hitlerjugend ihnen verweigerte und auch nicht ersetzen konnte.
Nach einigen Minuten drehte sich Hans zu mir um, nickte mit dem Kopf und wir verließen die Familie., Aus der gemütlichen feuchte Wärme in die sternenklare Winternacht zu treten schockte uns und ließ uns die Kälte bis auf die Rippen fühlen. , schnell zog die Ohrenklappen herunter, und steckte meine Hände in die Hosentaschen. Schweigend schlurften wir über den Schnee der alten Schule entgegen, die mir jetzt wie ein Straflager für deutsche Jugendliche vorkam. g.jeske copyr.






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