Der Bombenangriff Danzig 45


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Abgeschickt von Gerhard Jeske am 16 Mai, 2009 um 19:19:10:

Gerhard Jeske Franzosenkoppel 32, 22457 Hamburg copr.. 1


Der Bombenangriff - Danzig 1944
Die nationalistische Ideologie entpuppte sich immer mehr als Betrug am Einzelnen und am deutschen Volk. Angeblich sollte das Deutsche Volk wachsen und gedeihen. Tatsächlich wurde es jeden Tag dezimiert und zerstört. Angeblich sollte die Familie den Mittelpunkt der "Völkischen Erneuerung" ausmachen, in Wirklichkeit wurde sie, in der Leibeigenschaft des NS-Staates entmündigt und vernichtet. Auch die Familie Jasko hatte das wieder schmerzlich erfahren. Heinrich , der älteste Sohn, musste seinen Arbeitsplatz bei der Schiffs - Speditions Firma Ick aufgeben. Er wurde von der Gebietsführung der HJ zur Leitstelle der Kinderlandverschickung nach Podibrad in die Tschechoslowakei abkommandiert.
Hinter dem Namen der Kinderlandverschickung "KlV" verbarg sich ein breit angelegter Betrug. Sollte sich jemand einbilden, dass es sich um Erholungsheime für die Jugend handelte, dann hatte er sich gründlich geirrt. Aus den schon zerstörten Großstädten
wurden die Kinder in die Lager verschickt, weit von ihren Familien getrennt, lebten sie in Gemeinschafts-Unterkünften. Die weite Anreise, nach Ungarn oder in die Beskiden verhinderten den persönlichen Kontakt der Mütter mir ihren Kindern. Dadurch entfremdeten sie sich mehr und mehr. In diesen KLV-Lagern waren die Jugendlichen schutzlos den NS-Ideologen ausgeliefert, hier wurde ihnen die Todesbereitschaft anerzogen, zu sterben
für: " Führer, Volk und Vaterland."
Das Jungchen konnte davon ein Lied singen.
Gewisse demokratische Grundsätze die sich in der Familie erhalten hatten, bewahrten ihn im KLV-Lager Adolfsdorf vor der völligen Gleichschaltung und Abnabelung. Bisher hatten sie von Heinrich, kein Lebenszeichen erhalten. Post vom Vater aus dem Westen war nicht zu erwarten, der durfte, aus Gründen der Geheimhaltung des Standortes seiner Einheit, nicht schreiben.
Die herannahende russische Winteroffensive, das schnelle Vorpreschen ihrer Armeen, verstärkte ihre Sorgen. Ängstlich geworden, spürten sie die Katastrophe auf sich zukommen.
Die geschrumpfte Familie beendete das Abendessen. Der kleine Jörn hustete sich heiser, eine schwere Erkältung machte sein junges leben fiebrig zu schaffen. Die Vitamin und einweißlose Kost schwächte die Kondition aller heranwachsenden Kinder.
Mutter Jaskos Gesicht verdüsterte sich zusehends. Da hatte sie sich eine gesunde Familie geschaffen, vier Söhne geboren, das kleine Haus gebaut, in Danzig Wurzeln geschlagen. Sollte das alles umsonst gewesen sein?
Mutter Jasko stand vor dem Schreibtisch. In ihren Armen wiegte sie den Kleinen hin. und her. Mit - eiapopeia - wollte sie ihn beruhigen. Das Jungchen war in der Küche und putzte die Schuhe.
Plötzlich ließ er die Bürste fallen .Vor dem anschwellenden Heulen sprang er durch die offene Tür in die Stube hinein. „Mund auf, 0hren zu, hinwerfen !"schrie er los. Mit gutem Beispiel machte er alles vor. Henry ließ sich neben das Sofa fallen, Mutter Jasko schaffte es nur bis in die Hocke.
Jetzt donnerte es heran, brummte, pfiff und jaulte über sie hinweg.
Harte Explosionen erschütterten das Haus.
Das Geschirr schepperte im Küchenschrank, die Lampe fing an zu pendeln, dann war der Elektrische,- Strom weg. „Schnell, schnell!"rief sie, „Rüber zu Rhode in den Bunker!" Durch die Veranda rannten sie in den Garten.
Vor der Pforte lag die Döhring'sche im Schnee. Sie blieben stehen um der

Nachbarin zu helfen. "Frau Döhring, sind sie tot?" wollte Henry wissen.
„Dumme Frage!" bemerkte Mutter Jasko lachend.
In den schwierigsten Situationen konnte sie sich über die Komik des Augenblickes noch amüsieren. Frau Döhring hob verdutzt den Kopf. Verwundert schaute sie die dunklen Gestalten an, die sich wie Schattenrisse vor dem abendlichen Sternenhimmel abzeichneten. "
"Ach, Ihr seid es!“ Noch ganz benommenen rappelte sie sich hoch.
Das Jungchen stieß mit dem Fuß gegen einen gefrorenen Erdklumpen
"Den haben sie gegen den Deez (Kopf) bekommen!“ stellte er fest. Dann packte
er Frau Döring am Arm und zog sie mit sich fort.
Herr Rhode kam ihnen entgegengehumpelt. "Solche Mistkreeten, da
laden sie den ganzen Klumppatsch über uns arme Leute ab. Ich habe ihnen
doch nichts getan!“ schimpfte er. In dem kleinen Spitzgiebligen Zement-Bunker hockten sie sich auf die, an der Wand stehenden Kartoffelkisten. Nach einigen Minuten erhob sich das Jungchen. Er öffnete die Eisentür.“ Wo willst Du hin?"
Jeder versuchte ihn zurückzuhalten. „Dir fällt noch ein Eisensplitter auf den Kopf, " unkte Inge..„Ich setz mir n'en Pisstopf auf. "witzelte er. Mit schnellen Schritten beförderte er sich nach draußen.
Über den glitzernden Schnee lief er in den hinteren Teil des Döhringschen
Garten..
Die explodierte Bombe hatte die Obstbäume geköpft .Trümmer des
Kaninchenstalles lagen sperrig im Garten herum. Ein totes Kaninchen hing
aufgespießt an einem Ast. Im hellen Schneelicht konnte er ziemlich
genau das Ausmaß der Zerstörung registrieren. Wäre die Bombe zwanzig
Meter weiter geflogen, hätte sie das Haus getroffen; und womöglich wäre
dann ihre Nachbarin in einem Baum gelandet. An dem drei bis vier Meter
breiten Bombentrichter vorbei, lief er zur Landstraße hin.
Über den zugefrorenen Teich rannte er zum Deich des Mottlau-Umfluters
Oben, auf der verlassenen Flakstellung, bewegte sich ein schwarzer
Schatten hin und her. Wer konnte das sein? Natürlich, Lothar. Sein Schulfreund war ihm zuvorgekommen, er hatte schon die Einschläge begutachtet.
In der rechten Hand fuchtelte er mit seiner großen 0,8,15Pistole herum,
wie wenn er einen unsichtbaren Feind abknallen wollte.
"Hierher!“ rief er ihm zu. "Hier ist ein Blindgänger reingesaust".
Er zeigt auf einen dunklen Spalt im Schnee ."Da kannst Du den ganzen Arm reinstecken. Pass auf, dort schieß ich jetzt rein. „Er trat einen Schritt zurück und legte an. “Du bist wohl verrückt geworden?" grollte eine Altmännerstimme von der Deichkrone herunter. " Der Schuss könnte den Zünder treffen und uns in die Luft sprengen. Haut ab, sonst mach ich Euch Beine. "
Der alte Luftschutzwart ließ nicht mit sich spaßen. Sie überquerten den Deich, nahmen Anlauf und glitschten über die Eisfläche des Teiches dahin. Lothar probierte den Sturmangriff. Pistolen schwingend und mit Geheul, erstürmte er die Straßenböschung.''
Der ist ganz schön meschugge, "dachte sich das Jungchen, „Wie kann jemand nur so erpicht sein, einen anderen umzulegen?" Er rannte zum Bunker zurück. Als er ihn betrat, sagte
er nur einen Satz „Morgen gibt es Kaninchenbraten."
Sie wussten nun Bescheid.
Ein Glück, dass die Bude noch steht." stöhnte Frau Döring.Er setzte sich zwischen ihnen auf eine Kartoffelkiste.“ Die Bullwen (Kartoffel) duften nach Erde“ stellte er genüsslich fest. Herr Rhode war damit nicht zufrieden. „Ich muss nachher ordentlich durchlüften, damit der Bunker auskühlt, sonst fangen die Kartoffel an zu keimen“

Der Schneidermeister klopfte gegen die Lattenkisten." Der Beton feuchtet auch durch" betonte er.
"Woher wussten die Russen, dass hier die Flak stand?" fragte Inge unvermittelt. "Spionage!"
Mit diesem, nach Verrat klingendem Wort, versuchte Herr Rhode seine Unwissenheit
zu erklären." Mit normaler Spionage hat das nichts zu tun" warf das Jungchen ein, "die Tomys mit ihrer Luftaufklärung ",weiter kam er nicht, die Sirenen heulten auf.
" Entwarnung" riefen sie sich zu.
Wie auf Kommando standen sie auf. Inge gähnte dem Jungchen ihren warmen Atem ins Gesicht
.Frau Döhring witzelte " Hoffentlich habe ich keinen Dachschaden bekommen?" "Wenn es durchregnet, werden sie es schon, merken.“ antwortete Mutter Jasko." Also dann gute Nacht, ab geht's zum Federball!"





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