Erlebnis- und Tatsachenbericht über meine Reise in die schlesische Heimat (1945)

Von Fritz Klutzniok (1888 geboren in Breslau, verstorben 1972)

Nach den vielseitigen Wirr– und Erlebnissen in den Kriegsjahren landete ich schließlich unbefragt und von mir nicht gewollt im bekannt schönen Bayernland. Die ringsum ragenden hohen Berggipfel, die weiten Wälder, Wiesen, Flüsse und freundlichen Täler erfreuten täglich Herz und Auge und spendeten Trost den dorthin Vertriebenen. Doch in jeder Brust dieser Ärmsten wurde die Sehnsucht nicht gestillt, die nach der schönen Heimat täglich und stündlich verlangte. Glaubt doch Sinn und Auge, dass die Heimatberge, Wälder und Täler doch schöner als in der Fremde sind. Jeder Schlesier wird nicht aufhören seine Eichen- und Buchenwälder, seine Berge und die reichlichen Erdschätze zu loben, die sich dort uf Meilenstrecken hinziehen. Die sauberen, wohl gepflegten Dörfer, Straßen, Wege und Rastplätze, schönen Gärten und Anlagen sind Zeugen von dem den Schlesiern innewohnenden Fleiß und Ordnungssinn, wie andererseits die Gemütlichkeit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft nicht nur den Einheimischen, sondern vielen Besuchern dieses herrlichen Erdenstückes, ja wohl auch Tausenden Ausländern eine lebenslange Erinnerung geblieben ist.

Es kann deshalb wohl Niemanden verwundern, dass mich das Heimweh packte und der Gedanke laufend verfolgte, nun nach Beendigung der Kriegshandlungen die erste Gelegenheit wahrzunehmen und den Versuch zu machen, die Heimat aufzusuchen. War ich doch gespannt festzustellen, was an den durchgesickerten Berichten und den Schilderungen der von dort noch immer zuwandernden Neulingen Wahres sei und was von meinen Angehörigen, Bekannten und meinem zurückgelassenen Hab und Gut noch aufzufinden sein wird.

Die von den Vereinten Nationen in Potsdam unterstellten Beschlüsse als vollzogene und nicht abzuändernde Tatsache ansprechend, fand ich mich mit dem Gedanken ab, meine Heimat von Russen und Polen übernommen wieder zu sehen. In der Überzeugung, dass es doch möglich sein müsste, auch mit und unter den neuen Machthabern schließlich friedlich leben und arbeiten zu können, denn auch diese brauchen ja bestimmt jede fleißige Hand und intelligenten Kopf, gleichviel ob Bauer, Arbeiter, Kaufmann, Arzt oder Ingenieur etc. leitete mich das Gefühl, bei der Durchführung meines Vorhabens keinen Gefahren und Abenteuern entgegen zu gehen. Leider erlebte ich aber große Enttäuschungen in dieser Richtung und will hierüber nachfolgend berichten.

Mit meinem aus der Heimat geretteten Fahrrad legte ich die ersten 30 km. nach dem Osten zurück. in Vohenstrauß gesellte sich mir ein Weggenosse mit gleichem Reiseziel bei und hatten wir das Glück nunmehr eine größere Strecke mit einem Lastkraftwagen hinter uns zu bringen. Von Marktredwitz fuhren wir mit der Eisenbahn bis Hof‚ wo sich bald die ersten Schwierigkeiten bei der bevorstehenden Zonenüberschreitung – Amerikanische / Russische Zone – für uns ergaben, die in Hof o. Saalz angelegt war. Von Hof bis zur Grenze nahm uns ein mitleidiger Eisenbahner auf einer zurück fahrenden Lokomotive, die aber unter russischer Bewachung fuhr mit, allerdings mussten wir uns auf dem Kohlentender verstauen lassen und erst bei Erreichung der Grenzstation konnten wir auf den Führerstand, nachdem der russische Offizier diesen verlassen hatte. Weiter ging es nun bis 

wobei wir zu unserer Überraschung feststellen konnten, dass aus diesen Gebietsteilen die Eisenbahn bereits wieder ziemlich fahrplanmäßig verkehrte. Wir gelangten so ohne besondere Anstände über Altenburg bis Leipzig und von dort über Dresden bis nach Cottbus- Lausitz, von wo ab die Wunder und die sonderbaren Erlebnisse ihren Anfang nehmen sollten. Die Qualen der Flüchtlinge. auf den Bahnhöfen und in den großen Auffanglagern, in denen es von Frauen, Kindern, Säuglingen, Greisen und Kranken wimmelte hier zu schildern, ist dem weniger Schreibgewohnten unmöglich, es mögen deshalb die Ausdrücke, Himmelschreiend, Unmenschlich, Riesenjammer Ersatz für das schreckliche alles sein, was dort Aug und Ohr wahrnahm.

Schreien, Toben, Fluchen und Sterben sind gewohnte und nebensächlich gewordene Begebenheiten, tausende wollen wieder zurück, andere tausende weiter befördert werden. Es wird ein Transport von Dresden nach Leipzig zusammengestellt und abgelassen der bald wieder zurückkommt, da die Verschickten dort keine Aufnahme finden. Diese sitzen nun ohne Quartier unter freien Himmel, auf den eingeschossenen Bahnhöfen und deren Bahnsteigen, müde und verzweifelt und ohne Lebensmittel herum um sich die wenigen noch behaltenen Habseligkeiten, soweit letztere nicht schon vorher unter den Fittichen der sogen. Behüter verschwanden. Und auch jetzt noch kann man Einzelgänger beobachten, die Eingeschlafenen und solchen die gleichgültig wurden, das letzte an Habe stehlen. Unter den Zivilisten verstreut sind auch aus der Gefangenschaft kommende verwundete und alte Landser, diese so manchen Kolbenstoß und auch Fußtritt von ihren „Begleitern“ entgegennehmend, zu erblicken, alle zeigen in ihrem Mienenspiel den im Herzen tragenden Jammer und die Hoffnungslosigkeit der traurigen Zukunft. Dass unschuldige Frauen, Kinder und Greise in solchen Wirrwarr gestoßen werden, muss als ärgste Gefühllosigkeit angesprochen werden. Bei strömenden Regen auf dem gänzlich zerbombten Bahnhof, im Finstern über Zementblöcke, verbogene Eisenbahnschienen und umgestürzte Pfeiler stolpernd, suchte ich abends den einigermaßen noch erhalten gebliebenen Eisenbahntunnel auf, in welchem bereits hunderte Vorgänger zusammengepfercht herum saßen und lagen.

Plötzlich taucht eine russische Patrouille auf: Kommando! Raus aus dem Tunnel! Der Vernünftige musste einsehen, dass dieses Verlangen berechtigt war, denn diese Überlagerung versperrte unbedingt den Auf – und Zugang zu den Zügen. Um weiteren solchen Überraschungen zu entgehen und doch vielleicht noch etwas Ruhe zu finden, wir hatten doch bisher nur erst eine einzige und das nur wen ruhige Nacht geschlafen, krochen wir beiden in einen auf ein zerschossen Gleis stehenden Waggon II. Klasse, der sicherlich von den Russen als Wohnwagen benutzt wurde und richteten uns dort so gut es ging zum Schlafen ein. Auf den Polstern, auf dem Erdboden und auf dem Gang verstreut lagen erbrochene Koffer, Kartons und dergl. mit meist zerrissenen und zerstörten Habseligkeiten, für die kein Interesse bestanden hatte, verstreut herum. Ich hob ein paar gestopfte Damenetrümpfe auf, um diese bei Gelegenheit einem Bedürftigen zu schenken.

Schon früh am Morgen verließen wir dieses Eldorado und rückten langsam aber sicher der russisch - polnischen Grenze entgegen. Unter dem Schutze eines russischen Majors, dem ich mich anvertraut hatte, und dem ich auch mein Vorhaben bekannt gab. Der Major konnte leidlich deutsch sprechen und ich ihn in seiner Muttersprache brockenweise verstehend, gelang es uns, in einem russischen Transportzug auf eingleisiger Strecke, das zweite Gleis war bereits abmontiert, über Forst bis Teublitz, dort vorläuft die Grenze bis Sagan mitgenommen zu werden. Dort stiegen wir unter die Assistenz und dem Schutz dieses herrlichen russischen Offiziers in einen Waggon ‒ Nur für die Rote Armee ‒ ein und blieben so mit 15 Personen (Männer, Frauen und Kinder) die gleichfalls dort Unterschlupf gefunden hatten, den Zugriffen der Polen enthoben und gelangten so unangefochten bis in die Verbrecherzentrale Liegnitz. Die Fahrt Cottbus bis Liegnitz hatte von früh bis abends 10 Uhr gedauert. Nun begannen für uns bisher leidlich davongekommenen Umsiedler der Leidensweg. In dem bereits überfüllten dastehenden Zug zu gelangen, wurde mir dadurch unmöglich gemacht, dass eine mir fremde Frau mit 15 jährigem Sohn mich um ihren Schutz bat, da sie von einem Soldaten, der sie hart bedrängte und sie durchaus in sein Abteil mitnehmen wollte, und mich schließlich als ihren Mann ausgab. Was aber nutzte hier mein Schutz und wie konnte ich die Frau in dieser rechtlosen Gegend schützen? Ich weiß auch nichts über ihren weiteren Verbleib. Eine wilde Schießerei in allen Ecken des Bahnhofs und der Umgebung, sodass man froh war, dieser herrlichen Zone entfliehen zu können.

Die eben geschilderten Vorgänge ergaben für mich eine ungewollte Verzögerung der Weiterreise und hatte zur Folge, dass. ich in die Arme zweier mit umgehängten Gewehr ausgerüsteter “Menschen“ ob Polizei, Soldaten oder sonst welche Machthaber, war gar nicht erkennbar, lief. Diese mehr als halb betrunkenen etwa 18 jährigen Lümmel trieben mich unter häufigen Anruf „Pascholli“ um die dastehenden Waggons von Transport- und Güterzügen in eine finstere Ecke und bei Taschenlampenbeleuchtung durchsuchten sie fach- und sachgemäß nach alter Schule von Wegelagerern meinen Anzug und das Gepäck. Besondere Wertsachen führte ich nicht bei mir und so taten sie sich lediglich an meinen paar Lebensmitteln gütlich. Mit einer fühlbaren Zurechtweisung wurde ich alsdann entlassen. Nach langem Umherirren zwischen den herumstehenden Zügen fand ich endlich meinen Zug und damit auch meinen Reisekamerad wieder. Kaum, dass ich zwischen zwei Waggons auf den Puffern hockend mich sesshaft gemacht hatte, ereilte mich zugleich mit meinem Kameraden und zwei uns fremden Mitreisenden das gleiche wie vorher geschilderte Verhängnis. Ein fünfter Reisender der sich sträubte, den sonderbaren Beschützern zu folgen, wurde von diesen übel zugerichtet und ich glaube, dass der arme Kerl nachher kaum zur Weiterreise fähig war. Zuerst nahmen sie uns Pässe und sonstige Ausweise ab, ohne diese zurück zu geben. Dann schritten wir alle 4 ins Ungewisse. Meinem Kamerad gelang es bei dieser Wanderung im Finstern schnell und behände ‒ er hatte kein Gepäck bei sich und seinen kleinen Karton mit Lebensmitteln hatten vorher schon „mitleidige Menschen“ gestohlen, unter Eisenbahnwaggons hindurch kriechend sich in Sicherheit zu bringen. Ich mit zwei Tragetaschen und dem Rucksack behängt, konnte ihm leider nicht folgen.

Diesmal handelte es sich wieder um eine sogenannte Bahnhofswache, die Mannschaft betrunken, man führt uns in einen Ke1ler, in welchem wir eng zusammengepfercht ca. 50 Personen, Männer, Frauen und Kinder antreffen. Ich habe Glück und büße von meinem durchwühlten Gepäck nichts ein,während die mir folgenden zwei fremden Reisegefährten arg berupft werden. Kurz vor unserer Entlassung gefiel doch einem unserer “Befreier“ mein Feuerzeug, was er in Gewahrsam nahm. Leider fand ich nichts mehr von dem für uns bestimmten Zuge und damit auch nichts von meinem Reisegenossen, der wahrscheinlich mit dem Zuge fortgekommen war. Reichlich gebrannt und allen Mutes infolge des Gesehenen und Selbsterlebten entledigt, verkroch ich mich in einen Waggon IV. Klasse. Nach dem Genuss einer Pfeife Birkenblättertabak nahm ich den notwendig gewordenen Wäschewechsel vor und erwartete nach einigen Stunden unruhigen Schlafes den neuen Morgen und den Abgang des nächsten Zuges in Richtung Breslau.

Um mich weiteren Inhaftierungen zu entziehen‚ versuchte ich erneut unter russischen Schutz zu gelangen, wobei ich Erfolg hatte. Ich richtete unter Aufstellung von ein paar requirierten Stühlen auf dem Bahnsteig einen sog. fliegenden Friseursalon ein, und nachdem der erste Kunde zu seiner Zufriedenheit und angstbefreit bedient war, strömten Mengen neuer Kunden herbei, sodass ich bald der viel beschäftigte Mann im Bahnhofsumkreis war. Barzahlung lehnte ich ab und nahm als Entgelt lediglich nur Lebensmittel und Raucherwaren entgegen. Ba1d besaß ich 10 halbe Brote, die auf meinem Platz in Sicherheit lagen und es freute mich nun so manchem hungrigen Landser, manchem Flüchtling (Mutter und Kind) etwas davon abgeben zu können.

Endlich wieder Abgang des zurechtgestellten Zuges nach Richtung Breslau. Mein Platz war leider wieder zwischen zwei Waggons. Während der Fahrt erschien ein polnischer Schaffner. Ich besaß keine Fahrkarte für die Weiterfahrt. Mit Handbewegungen und wenigen Brocken polnischer Sprache versuchte ich dem Mann erklärlich zu machen, dass er mir eine solche Karte verschaffen möchte.

Dieser vertiefte sich nun in ein langes Denken und Rechnen und ich vermutete, dass der von mir bereits gezückte 20 Mark Schein ihm viel Kopfzerbrechen ersparen würde. Ich hatte mich aber arg getäuscht. Der Schaffner winkte meinem unmissverständlichen Hinweis ab und machte mir klar, dass er 180 Sloty = 360 Reichsmark für die kurze Fahrtstrecke Liegnitz bis Breslau = rd.70 km für die früher Rmk.2,8O zu zahlen war, fordere. Er forderte zwecks Ausschreibung der Wahrkarte „Dokument“ von mir und ich, noch immer nicht von vorher Erlebtem genügend gewitzigt, gebe ihm meinen am schnellsten erreichbaren Handwerkerpass heraus, den ich nicht wiedersehen und noch heute evtl. in Breslau einlösen soll. In Dt. Lissa bei Breslau verließ ich den Zug und machte die restlichen 5 km zu Fuß nach Breslau.

Auf dieser kurzen $trecke bis Breslau wurde ich 5 mal durchsucht. Erst hielt mich ein Einzelgänger ‒ Russe mit dem Ruf „Stoi“ ‒ an, ich ging weiter und es folgte ein energischeres ‒ Stoi-Panje. Wieder reagierte ich auf diesen Anruf nicht und ging mit den mich begleitenden 4 Frauen weiter meines Weges. Nach einem dritten Anruf musste ich ja wissen, was er von uns wollte. Enderfolg? Wir wurden in einen Seitenweg gedrängt und bei der nun folgenden “Untersuchung“ der Papiere verschwanden aus meinem Portemonnaie nur ‒ Rmk.l60. ‒ und zur weiteren Erleichterung für mich auch mein Tintenkuli. Grosses Trennungsweh überfiel mich gerade nicht, denn ich bin daran gewöhnt, dass Geld rollen muss. Dass mir aber obendrein noch eine fühlbare unliebsame Verabschiedung zuteil wurde, das überstieg mein Verstehen und ich gab mir Mühe recht schnell den 1iebenden Armen des Gewaltigen zu entfliehen. Der Effekt davon war, dass ich unmittelbar darauf einer zweiten Wegelagerer Gruppe in die Hände fiel, die an mir die gleiche Prozedur auszuführen versuchten. Ich war aber bereits ordentlich abgeklaubt und blieb für meine Befreier eine Enttäuschung, die auch auf meiner Seite vorlag, denn so hatte ich mir den Empfang in meiner Vaterstadt nicht ausgedacht. Noch dreimal machte ich mit solchen Genossenschaften ‒ Polizeimacht ‒  nähere Bekanntschaft, die mich und meine Gepäckstücke eingehend, ich weiß nicht auf welche gefährlichen Gegenstände revidierten und sich nachher stets der mich begleitenden Frauen „Liebenvoll“ annahmen.

Bald erreichte ich die Grenzstrasse nach Breslau und ein Schauer und Grauen überfiel mich als ich einlaufend in den Westen Breslaus die ersten Eindrücke empfing. Vom Letzten Heller bis zum Königsplatz mit all den vielen, vielen Nebenstraßen ist nicht ein Haus ganz geblieben und alles öde und unbewohnt. Eine Totenstadt ist die herrlich Oder-Zentrale, nur den eigenen Schritt hört man und man eilt, um diesen 100 % zerstörten Stadtteil hinter sich zu bekommen, Am Odertor angekommen entdecke ich, dass mein Geburtsbaus stehen geblieben und dieser Stadtteil erkennbar am wenigsten gelitten hat. Nur die Häuserreihen zeigen kleinere und größere Merkmale von Beschädigung, die die Front zum Westen von Breslau haben. Bis auf kleine unwesentliche Beschädigungen sind alle Brücken in Ordnung und begehbar. Die reichen und schönen Kirchen sind fast sämtlich restlos zerstört und ausgebrannt, auch der Dom und die Dominsel, das Wahrzeichen von Breslau der 91 Meter hohe Turm der Elisabethkirche blieb erhalten. Auch das bewunderte Rathaus war unversehrt. Ring, B1ücherplatz und Neumarkt sind nur noch in de Erinnerung erhalten, auf letzterem liegt meterhoch Schutt auf welchem Unkraut wuchert. Der Süden bis Gartenstrasse zu 100 % zerstört. Auch der Osten bis Mauritiusp1atz hat sehr gelitten. Der Scheitniger Stern ist erloschen, er war einmal und man kann von dieser Stelle jetzt frei bis Leerbeutel sehen. Von dem langgestreckten Universitätsbau sind beide Flügelfort und nur noch der Durchganstei1 erha1ten. Als Hauptstraße von Breslau hat sich nun die Moltkerasse im Odertor entwickelt, in welcher heute täglich ein Verkehr herrscht, der dem in Friedenszeiten auf der Schweidnitzerstraße ähnelt

Es steht jedenal1s fest, dass unter Polnischer Verwaltung das herrliche Breslau stets und immer eine ewige Akropolis bleiben wird. Hier war und konnte meines Bleibens keine Dauer sein und weiter wanderte ich nach Osten um bald nach Ohlau zu kommen. Doch zwei Tage blieb ich in Breslau bei Verwandten, die während der Festungszeit dort geblieben waren und sah mich in dieser Zeit noch reichlich im Stadtgebiet um, konnte auch Zeuge eines durchgeführten Vorfahrens der sogenannten “Enteignungskommission“ werden. Vor dem betreffenden Hause wurden zwei Posten mit Gewehr aufgestellt Niemand darf ins Haus hinein und keiner heraus. Die Herren von der „Kommission“ riesig vertrauenerweckend anzuschauen, in Begleitung von „polnischen Interessenten“ durchsuchen nun im Haus von unten nach oben die „gefallenden“ Wohnungen und enteignen Kraft ihres Amtes. Der jeweilige Wohnungsinhaber und der wirkliche Besitzer darf sich nun nicht etwa einen Koffer oder Rucksack packen, sondern wird innerhalb von 10 Minuten so wie er steht und geht aus seiner Wohnung ausgewiesen. So werden die Bedauernswerten nicht nur ihr Obdach, sondern auch ihr Hab und Gut los, an welchem sie sich und ihre Angehörigen jahrelang erfreut haben und verschwinden in irgend einem an- und eingeschlossenen Keller eines Nachbarhauses, wo sie stets genügend Leidensgefährten antreffen und sind dort gleich den anderen sogenannte „Erdmann-Siedler“ ‒

Autobahn und Reichsbahn beherrscht hauptsächlich der Russe für die Ostwärts Schaffung aller “wohl erworbenen Güter“, die von Hof bis weit nach Schlesien hinein auf diesen Strecken fertig in Kisten verpackt längs der Bahnkörper stets zu sehen sind.

Die 30 km Weg von Breslau nach Ohlau legte ich zu Fuß zurück und traf zu meiner Freude bei meiner Ankunft dort auch meinen einstigen Reisekamerad wieder, der ganz erstaunt war, dass ich nicht erschossen, sondern lebend und unversehrt vor ihm stand. In Ohlau ist besonders der Ring kriegsversehrt, sonst aber der Ort leidlich erhalten. Im Hotel zum Gelben Löwen wollten wir unsere Wiedersehenfreude mit einer „Gänseleberpastete“ dort immer Spezialgericht, feiern, doch leider war dieses Hotel und ebenso das Deutsches Haus und Krone nicht mehr zu finden. Gemeinsam mit meinem Weggenossen legte ich nun die Reststrecke bis Peisterwitz zurück. Dort wurden wir als alte Einheimische von den im Dorf befindlichen Einwohnern mit großer Freude begrüßt, und keiner schämte sich der fließenden Tränen die auf beiden Seiten vergossen wurden. Wir waren nun zu Hause. Vielseitig hörten wir: „Wir sind bereits seit Ende Mai 45 hier und halten die Heimat. Warum kommt ihr nicht? Immer mehr drängen die Polen von Osten kommend herein und belegen die noch freien Wohnungen und Wirtschaften. Wir führen leider ein Hundeleben. Seit ihrer Rückkehr haben die Leute bis heute erst ein Brot erhalten, sonst nichts zu essen, weder Fleisch, Fett, Meh1 oder dergleichen. Wir leben von Schrot, das wir durch die Kaffeemühle mahlen, backen davon Brot und kochen uns auch solche Suppen. Letztere ohne Salz, denn solches ist nicht mehr im Handel. Früh um 7 Uhr ist Antreten zur Arbeit. Wer nicht erscheint wird eingesperrt und erhält die genügende Portion Prügel. Als Arbeitsentgeld gibt es nichts. Das im Mai und Juni Angebaute wurde restlos beschlagnahmt, selbst die paar handbreit Furchen Kartoffeln in den Hausgärten. Wer der Herr war, ist heute in seinem Anwesen der Knecht und wer noch nicht enteignet ist, kann dies täglich gewärtig sein. Die Ausführung dieser Vorhaben ist vorher schon geschildert und hier die gleiche. Von einer Kuh müssen täglich 10 lt. Milch geliefert werden, sonst Fortnahme des Tieres. An vielen Häusern hängen Warnungstafeln: Achtung Typhusgefahr. Die Vergewaltigungen sind mit 50 % zu schätzen. Es bleibt kein Mädchen, Frau oder Greisin verschont. So z.B. der mir bestens bekannte Ortsarzt erlebt dass Frau und Tochter vergewaltigt werden (Mutter 70 Jahre, Frau 45 Jahre) Schlusshandlung: Freitod durch Gift. Weitere drei Fälle werden vom Tage vor meiner Ankunft geschildert, während die betreffenden Frauen Pilze sammelten. Ich selbst konnte die Frauen sprechen, darunter ein 15 ½ jähriges Mädchen, das von 4 Mann vergewaltigt wurde. Die anderen Frauen, eine l9-jährige die andere 40 Jahre. Deutsche Behördenstellen oder Deutsche Firmenschilder gibt es nicht mehr, obwohl von den früher rd. 4000 zählenden Einwohnern heute schon 1080 zurückgekehrt sind.79 Häuser-und Scheunen sind abgebrannt. In dem von mir bisher bewohnten Grundstück wohnen heute 3 Polenfami1ien. Mein Geschäft ist völlig ausgeraubt, und alle sonstige Habe zerschlagen. Alle Deutschen müssen weiße Binden tragen zur besseren Erkennung, dass sie Deutsche sind; und die zur Arbeit Berufenen.

Dort ist keine Heimat mehr und der Gast wendet sich mit Grausen.

Genügsam überzeugt habe ich die Feststellung gemacht, dass ein Zusammenleben und Arbeiten mit den Polen‚ man kann absichtlich nicht Menschen sagen, unmöglich ist.

Schon nach einigen Tagen wurde unsere Anwesenheit ruchbar und damit für uns die höchste Zeit, den Rückweg anzutreten. Nach Rück- bzw. Vorsprache beim polnischen Landrat in Ohlau ‒ ich wollte doch unbedingt von dieser kompetenten Ste1le erfahren, ob man unsere gute Wertarbeit und Mithilfe für den Wiederaufbau nicht brauchen könne, wurde mir der Bescheid erteilt, dass wir nur Kuliarbeit zu vorrichten hätten, der Inhaber von irgend welchen Unternehmen müsse stets ein Pole sein.

Der Rückmarsch war gleich dem Anmarsch. Felder, Wiesen, Wälder zeigen heute schon das Bild der künftigen Verödung. Getreide am Halm, von den Wintersaaten l944 noch heute nicht geerntet auf weite Strecken völlig verunkrautet. Die Fischzuchtteiche sind total verkrautet, kein Mensch kümmert sich darum. Ganze Waldstrecken sind umgelegt, die Dörfer verlassen, die Gärten zerstört. So sieht heute allgemein gesehen ‒ Unser schönes Schlesien aus ‒.

Mein bisheriger Reisefreund hatte noch Sonderinteressen im Ort zu vortreten und kam dem zu Folge erst l0Tago später, zerschlagen, ohne Mantel und Hut und ohne Gepäck am verabredeten Treffpunkt an. Noch. einmal und zwar wieder in Liegnitz fiel ich unter die Räuber, was ich gern vermieden hätte, denn ich trug bei mir eine Tasche voll mit Briefen an Angehörige zerstreut in Deutschlands Gauen.  Aus diesen Briefen, die sämtlich geöffnet wurden gingen wiederum Rmk. 2200,-verloren und auch so manche andere beigefügten Utensilien, die für den Empfänger sicherlich großen Wert hatten. Am nächsten Morgen konnte ich mich aus meiner Inhaftierung wiederum durch meine berufliche Handfertigkeit herausarbeiten, ja es gelang mir sogar, die Briefe, die man mir abgenommen und geöffnet hatte aus einer am Ofen stehenden Kiste zu erhaschen und in meine schützende Tasche zu befördern. Später hatte ich dann jeden einzelnen Brief auf seine Adresse und Inhalt geordnet und zur Post gegeben.

Wieder Russisch‒Deutschen Boden unter den Füssen ging es nun schnell dem Ausgangspunkt also dar zweiten Heimat entgegen. War der Verlust auch groß, der Weg beschwerlich, so habe ich doch die Gewissheit, vielen Flüchtlingen die Freude bereitet zu haben, mehr als 100 Familien so zusammen zu bringen und ihnen Grüsse aus der Heimat zu übermitteln.

Schade um unser schönes Schlesierland.

Zurück