Kindheit in der DDR

Dieser Eintrag stammt von Jasmina Gieselmann (*1992)

Interview mit Mike Schestak


Woher stammst du?

Ich wurde 1979 in Thüringen geboren. Meine Eltern stammen auch von hier, aber die Eltern meiner Mutter stammen aus Ostpreußen und mussten im 2. Weltkrieg von dort fliehen.

Hast du in der DDR einen Kindergarten besucht?

Ja, ich bin dort in den Kindergarten gegangen. Anders als hier war es eine Ganztagesbetreuung. Meine Mutter hat mich morgens um 5.30 Uhr hingebracht und abends um 19.30 Uhr abgeholt. Im Kindergarten wurden wir dann bespaßt. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Was sich auf jeden Fall von der Situation heute in Deutschland unterschied, war, dass es mehr Erzieher für weniger Kinder gab.

Würdest du deine Kinder so erziehen, wie du erzogen worden bist?

Hier werden die Kinder eher antiautoritär erzogen. Ich würde sie eher so erziehen wie in der DDR. Ich musste meinen Eltern gehorchen, sonst hätte das Konsequenzen mit sich gebracht.

Es gab daneben auch noch die politische Erziehung. Vor der Schule und dem Kindergarten mussten wir uns auf dem Hof in zwei Reihen aufreihen und die Erzieher begrüßen. Das war ein bisschen wie beim militärischen Appell.

Wie hast du den "Militärunterricht" in der DDR erlebt?

Bei uns hieß es GTS und war so eine Art militärische Vorausbildung. Hierfür sind wir immer in Lager gefahren. Dort haben wir zur Übung solche Spiele wie "Räuber und Gendarm" gespielt. Damit wurden dann militärische Fähigkeiten erlernt. Wenn man alt genug war, konnte man auch seinen Moped Führerschein für umgerechnet 50 Cent machen. Diese Lager wurden von ehemaligen Soldaten und von Mitgliedern der Betriebskampfgruppen geleitet.

Hierbei wurde die NVA als sehr positiv dargestellt. Sie war die gute Armee, die für den Schutz des Vaterlandes zuständig war. Für mich war lange Zeit klar, dass ich nach der Schule zur NVA gehe.

Was habt ihr von den Wirtschaftsproblemen erfahren?

Davon haben wir nichts mitbekommen. Die wirtschaftliche Lage war aber nie einfach. Wenn man etwas Besonderes wollte, musste man lange suchen. Da es insgesamt nicht viel und vor allem nicht so viel Auswahl von allem gab.

Was hat man im Alltag vom Kommunismus mitgekriegt?

Davon hat man überall etwas gemerkt. Alle Straßen trugen die Namen von großen Kommunisten wie Lenin und überall hingen große Plakate der SED. Diese Plakate warben immer für Frieden und Fortschritt.

Hast du dich in der DDR wohlgefühlt?

Ja, als Kind hat man von all den Problemen nicht viel mitbekommen. Es war für uns ein Leben mit und ohne Sorgen. Egal, wie schlecht wir in der Schule waren, wir würden auf jeden Fall einen Job bekommen. Bei den Erwachsenen sah es häufig anders aus, weil sie auch die Probleme gesehen haben.

Habt ihr etwas aus dem Westen mitbekommen?

Ja, wir hatten Westfernsehen. Wir hatten die Antenne so eingestellt, dass wir auch die Sender empfangen konnten. Das war aber heimlich. Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich soll in der Schule und im Kindergarten nichts davon erzählen.

Es gab eigentlich die gleiche Programmauswahl. Es gab Serien, Filme und Nachrichten. Allerdings kamen alle Filme im DDR-Fernsehen aus der UdSSR. Natürlich waren vor allem die Nachrichten anders: Die Propaganda der SED war klar erkennbar, wobei die Nachrichten im Westen ganz anders waren.

Was hast du von der Maueröffnung mitbekommen?

Zunächst haben wir gar nichts davon gemerkt. Erst am nächsten Tag in der Schule habe ich davon erfahren. Es waren nur fünf Lehrer da, weil alle im Westen waren. Nach Westdeutschland sind wir erst ein paar Wochen später gereist.

Wie hast du die Reise in die BRD erlebt?

In der BRD war alles anders. In der DDR waren die Schaufenster zwar auch beleuchtet, aber nicht mit so viel Mühe gestaltet, wie in Westdeutschland. Es war eine ganz andere Welt und ich war froh, als ich wieder zu Hause war. Von dem Begrüßungsgeld sind wir einkaufen gegangen. Das war eine ganz neue Erfahrung. In der DDR gab es von allem nur wenige Sorten und in Westdeutschland gab es alles regalweise.

Kanntest du jemanden, der schon vor der Grenzöffnung die DDR verlassen hat?

Ja, Freunde von uns sind nach Westdeutschland gegangen als die Grenzen in Ungarn geöffnet wurden. Für sie war schon lange klar, dass sie bei der ersten gefahrlosen Fluchtmöglichkeit fliehen. Sie kamen in ein Auffanglager an der Ruhr und bekamen eine Wohnung und Papiere. Obwohl sie alles zurücklassen mussten, haben sie es nie bereut.

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