Dieser Eintrag stammt von Alina Piening

Freizeit und Alltag der Jugend
in den 50er Jahren

Ich habe Herrn Piening, geb. 1951, zum Thema Freizeit und Alltag der Jugend in den 50er Jahren befragt. Er wohnte mit seinen 2 älteren Geschwistern und seinen Eltern in einem Pastorenhaus in Risum.

Hast du damals Musik gehört und wenn ja, was war das für welche?
Wir hatten damals nur eingeschränkte Möglichkeiten Musik zu hören. Wir hatten in den 50er Jahren - ich bin 1951 geboren - in der Familie nur ein Radio. Das war praktisch für den Familiengebrauch. Natürlich interessierten uns Schlager. Das nannte man damals "Schlagerparade". Das waren vor allen Dingen Deutsche Schlager. Zum Beispiel von Heidi Brühl "Wenn die Glocken hell erklingen" oder von Fred Bertelmann "Der lachende Vagabund" oder von Freddy Quinn "Die Gitarre und das Meer". Dann kamen langsam auch ausländische Sänger. Mein Lieblingsschlager war damals von Rocco Granata "Marina". Als meine große Schwester konfirmiert wurde, bekam sie einen Schallplattenspieler geschenkt.

Das war ein Koffer mit einem abnehmbaren Deckel, in welchem Monolautsprecher eingebaut waren. Dann gab es die ersten Schallplatte, auch die ersten Platten aus Amerika von Duane Eddy, zum Beispiel "Limbo Rock", auch die ersten Rock´n Roll-Stücke. Im Radio durften wir das nicht alles hören, weil die Eltern das nicht mochten. So haben wir manchmal den Plattenspieler am entfernten Stellen aufgestellt, wo es Strom gab.

Wie war das damals mit dem Fernsehen?
Wir selber haben erst 1964 einen Fernseher bekommen. Aber Freunde von uns haben Fernseher gehabt. Da haben wir mit Geschwistern regelmäßig geschaut. Zum Beispiel die Serie "Corky und der Zirkus" oder "Fury" oder wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft gespielt hat. Insgesamt haben wir etwa einmal für gut eine Stunde in der Woche ferngesehen und manchmal dabei auch gesagt, wir würden bei den Freunden spielen.

Was habt ihr sonst in der Freizeit gemacht?
Wir haben viel gebolzt, also auf der Straße oder auf dem Hof Fußball gespielt. Dabei haben wir - je nach dem wie viele Jungs gerade dabei waren - Mannschaften gebildet, manchmal auch nur einer gegen einen auf ganz kleine Tore "gefummelt".

Dabei haben wir auch manchmal so getan, als seien wir berühmte Fußballspieler, also zum Beispiel Helmut Rahn, Liberich oder Fritz oder Otmar Walther. Manchmal haben wir auch Cowboy und Indianer gespielt, hatten Gürtel mit Colts und Platzpatronen und uns versteckt und gegenseitig gejagt. Das heißt, wir waren sehr oft draußen, unsere Spiele waren körperlich. Sie waren auch fantasievoller als heute. Zum Beispiel spielten wir "Sprok": Du suchst verschiedene kleine Hölzer, tust sie auf einen Haufen, dann wir das Holz auseinander getreten. Wer an der Reihe war, musste erst das Holz zusammensuchen, während die anderen sich versteckten (wir hatten einen großen Garten). Dann musste er die Versteckten finden und rief dann "Akrill". Als wir am Ende der 50er Jahre ein Fahrrad bekamen, waren wir oft mit dem Rad auf der Straße.

Leider musste ich auch in einem Jungenchor singen. Manches war schön, aber vieles war Zwang dabei. Schön waren die Konzerte, wir haben später auch Konzertreisen bis ins Weserbergland gemacht. Einmal sogar nach Norditalien. Auch haben wir eine Schallplatte aufgenommen. Es war auch viel üben dabei. Das nahm viel Zeit in Anspruch.

Ich wäre gerne in den Fußballverein eingetreten, aber meine Eltern sahen darin eine Konkurrenz zum sonntäglichen Kirchgang, den wir öfter machen mussten.

Was hattet ihr damals zu lesen?
Ich habe damals viele Karl May Bücher gelesen und interessierte mich für Abenteuer Bücher und Bücher von Entdeckungsreisen (bzw. Eroberungsreisen). Zum Beispiel von Sven Hedin oder über Marco Polo.

Dann gab es einen Freund, der hatte Mickey Mouse Bücher. Als ich das mitbekam, habe ich einmal Sonnabends nach dem Mittagessen mich zu ihm begeben, die Welt um mich herum habe ich vergessen. Erst am späten Abend habe ich gemerkt, wie die Zeit verflossen war. Meine Eltern wollten gerade die Polizei rufen. Zur Strafe war mir in der Folgezeit das Lesen von Mickey Mouse Heften verboten. Ich bekam ein Zwangsabonnement in der Stadtbücherei.

Welche Mode war damals in und hast du dich dafür interessiert?
Wir  lebten ursprünglich auf dem Dorf und zogen 1956 in eine Kleinstadt. Wir hatten viele Stricksachen, weil wir damals sonst ja nicht viel hatten. Eins erinnere ich noch, das ist mir fast peinlich, ich habe mich damals geschämt: In der 1. Klasse - es war damals Winter - musste ich einmal mit langen gestrickten Wollstrümpfen in die Schule. Die hatten an der Seite richtige Straps, von außen allerdings von der kurzen Hose überdeckt. Die Straps waren an Leibchen festgeknöpft. Du glaubst nicht, wie mir das als Jungen peinlich war. Ich habe mich dann geweigert am nächsten Tag so in die Schule zu gehen.

Für uns Jungs war es toll, wenn wir Fußballstutzen hatten. Trikots und Vereinssporthosen hatten natürlich nur diejenigen, die im Fußballverein waren.
Auch war es selten, dass jemand Fußballschuhe besaß.

Ganz modisch waren Jeans, die hießen aber nicht so, sondern "Nietenhosen".

Ganz stark war, dass mein Bruder und ich einmal jeder einen Trainingsanzug geschenkt bekamen, die Jacken hatten ein großes rotes V beginnend an den Schultern und am Bauch zusammenlaufend.

Warst du damals sonst in irgendeiner Jugendgruppe?
Ich war bei der evangelischen Jungschar. Interessant waren dabei weniger die biblischen Geschichten und der religiöse Teil, als viel mehr die vielen Spiele und Sommerfahrten. Wir fuhren mit den Fahrrädern (ohne Gangschaltung) mit unseren Sachen, Zelten und Kochtöpfen an den Plöner See, in die Lüneburger Heide und mehrfach ins Weserbergland. Dies waren Zeiten höchsten Erlebens, mit Zelten, mit Lagerfeuer, Geländespielen, wir sangen aus der „Mundorgel“ die dümmsten Lieder, waren nach den Tagestouren mit dem Fahrrad oft völlig kaputt und fanden diese Zeit großartig.