Dieser Eintrag stammt von Arian Kunz

1953 wurde meine Mutter verhaftet - 
ein Aspekt, der mein Leben einschlägig verändert hat

Interview mit einer Zeitzeugin aus den 50er Jahren
Die Geschichte von Herta S.

Meine Mutter war selbstständig und Leiterin einer Fleischerei. Mit einem Meister zusammen errichtete meine Mutter, die mit mir zwei Töchter und einen Sohn hatte, selbständig einen Fleischerbetrieb. Von 1948 bis 1953 wurde mein Vater vergeblich im Krieg vermisst. Unsere Familie stammt aus Kreiswalde in der ehem. DDR. Damals sollte jede Frau, deren Mann im Krieg verschollen bleibt, sich einen Job suchen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Der Laden lief gut und meine Mutter verkaufte gutes Fleisch zum teuren Preis, oder als Gegenleistung für Pfandmarken. Eines Tages kam eine junge Frau in den Laden meiner Mutter und verlangte Fleisch (ein Pfund Hackfleisch) zu einem billigeren Preis. Meine Mutter verneinte, da sie nichts Illegales machen wollte. Meine Mutter blieb bei ihrer Meinung, bis die Frau kurz vorm Verlassen der Fleischerei zu meiner Mutter sagte, dass sie selbst Kinder hätte und am Besten nachvollziehen könnte, wenn Kinder Hunger haben. Die Frau bettelte und konnte schließlich meine Mutter doch überreden, ihr ohne Marken und nur mit wenig Geld ein Pfund Hack zu verkaufen.

Zur Abendstunde kam ich dann von der Arbeit nach Hause. Ich war 20 Jahre alt und arbeitete bei einer Sparkasse in Kreiswalde. Zuhause sprach mich mein Onkel darauf an, dass meine Mutter in Haft sei. Ich war völlig erschrocken und konnte die Situation gar nicht verstehen. Doch dann fiel mir ein, dass ich von der Sparkasse aus sah, wie bewaffnete Russen Häuser durchsuchten. Sie führten anscheinend eine Razzia durch. Schließlich ging ich zum Rechtsanwalt. Natürlich setzte ich alles daran, meine Mutter zu sehen und sie zu sprechen, doch mein Rechtsanwalt wollte mir nicht helfen, da er meinte, dass in so einer Situation wenig zu machen sei (es würden nur unnötige Kosten entstehen). Im Nachhinein erfuhr ich, dass meine Mutter von einer Polizistin nur hereingelegt worden war, da ihr einziges Verlangen der gute Standort der Fleischerei war. Meine Mutter war hilflos der Polizei ausgeliefert. 

Später verließ sie noch der Fleischermeister Herbert, da er schon einmal in dieser Richtung Probleme hatte und sich nicht auf ein neues Mal einlassen wollte. Er ließ sich auszahlen und verließ das Geschäft. 
Damals konnte man sich dieser Macht nicht einfach widersetzen. Auch mein Rechtsanwalt erzählte mir, dass die Situation meiner Mutter aussichtslos sei, da auf Seiten der Polizei alles daran getan würde, um ihr Ziel zu erreichen. Er riet mir ebenfalls, sofort die Stadt zu verlassen und irgendwo anders unterzutauchen, da die Tochter einer Kapitalverbrecherin keine Aussichten auf einen Job hatte. Vom Rechtsanwalt ging ich dann direkt ins Gefängnis, um meine Mutter zu besuchen. Ich brachte ihr das Nötigste mit (Kleidung, Waschsachen), doch es wurde mir verweigert, sie zu sehen. "Es war grausam," berichtet Herta S.. "Ich hörte die Stimme meiner Mutter und wie sie zum Wärter jämmerlich sagte: `Lassen sie meiner Tochter schöne Grüße von mir ausrichten.

Am nächsten Tag musste ich den Laden meiner Mutter übernehmen, da keiner mehr die Verantwortung hatte und der Laden trotzdem geöffnet werden sollte. Am gleichen Tag, es war ein Samstag, kam der Spartenleiter aus meinem Ruderclub und sagte, ich solle nach Ladenschluss alle Marken aufkleben, damit am nächsten Tag die Abrechnung gemacht werden könne. Die Polizei sollte am Montag die Fleischerei erneut kontrollieren. Es war nun wichtig, alles fertig zu machen, da ich die Stadt schnellstmöglich verlassen musste. Auch mein Trainer war fest der Meinung, dass ich in Kreiswalde nichts mehr verloren hätte. Ich sollte schon Sonntag Abend mit dem Bummelzug von Kreiswalde Richtung Berlin fahren, da ich sonst verfolgt werden würde. So fuhr ich noch am Sonntag Abend mit meinen Geschwistern nach Berlin zu meinem Onkel. Dieser war ebenfalls Fleischer und hatte seine Fleischerei im Osten, seinen Wohnsitz jedoch im Westen Berlins. Zuerst kam meine Schwester in ein Mädchenhaus und mein Bruder in ein Jungenheim. 

Doch kurze Zeit später bin ich mit meiner Schwester in den Westen gegangen, während mein Bruder in Berlin blieb. Ich musste den einzigen Zug nach Friedrichstadt nehmen, da dies die einzige Möglichkeit war, unbemerkt vom Osten in den Westen zu gelangen. So kam ich mit meiner Schwester nach Bremerhaven in ein Mädchenheim. Damals war man erst mit 21 erwachsen und somit konnte ich noch keine Verantwortung für meine Geschwister übernehmen. In Bremerhaven hielt ich mich mit Büroarbeit, mit einem Lohn von einer Mark, über Wasser. Von meinem Onkel bekam ich einmal fünf Mark geschickt, damals war das noch viel Geld. Danach ging ich nach Hamburg, um dort einen gesicherten Job zu bekommen. In der ersten Zeit hatte ich kein Glück als Haushälterin, da ich kein Zeugnis vorweisen konnte und meine ersten Erfahrungen bei einer Sparkasse gemacht hatte.

 Nach einer Weile bekam ich dann einen Job in Harvesterhude, bei dem ich mich allerdings als Voraussetzung für zwei Jahre verpflichten lassen musste. Als Haushälterin machte ich meine Arbeit gut. Ich hatte zwar wenig Erfahrungen wenn es ums Kochen ging, jedoch konnte ich dieses Problem ungehindert übergehen, indem ich ein Kochbuch zur Hilfe nahm und mir gerne neue Gerichte beibringen ließ. Nach einer Woche Arbeit fiel mir auf, dass der kleine Junge der Familie immer blaue Striemen auf dem Rücken hatte. "Ich weigere mich, bei einer Familie zu arbeiten, die ihren Sohn schlägt ", erzählte ich der Mutter von Peter (Name des Jungens) , doch später kam raus, dass die anderen Hausmädchen für diese heftigen Verletzungen verantwortlich waren. 

In den Tagen darauf ging ich mit Peter durch die Innenstadt von Hamburg und fragte zufällig in einer Haspafiliale (=Sparkasse) nach Arbeit. Ich hatte Glück und der Chef war von meiner Person angetan. Ich hatte ja auch schon Vorkenntnisse über den Ablauf in einer Sparkasse. 

Nachdem ich zwei Wochen bei der Familie gearbeitet hatte, ging ich zu meinem Onkel nach Niebüll, der dort eine Viehzucht führte. Durch einen Zufall kam es dann dazu, dass ich ein Zimmer in Hamburg bekommen konnte und so nahm ich dieses Angebot auch an. Ich versuchte meiner Pflege-Familie zu erklären, dass ich die versprochenen zwei Jahre nicht einhalten könne. Frau Fein (Name von Peters Mutter) war erst enttäuscht und sauer, letztendlich genehmigte sie mir meinen Wunsch dann doch.
Am 17. Juni fiel meine Mutter in Amnesie und kam für drei Monate ins Zuchthaus Butze - Reichsbergen . Sie wurde völlig enteignet. Mit der Zeit kam meine Mutter wieder frei und ebenfalls ihr Besitz, da sie aufgrund der Amnesie freigesprochen wurde. Mein Bruder kam in ein Jungenheim in Hamburg. 

In den ersten Monaten bei der Haspa in Hamburg lebte ich von einem Paket Schwarzbrot, sowie einer Dose Ölsardinen. Jetzt bin ich in Rente und habe 40 Jahre bei der Haspa gearbeitet, davon über 20 Jahre als Leiterin.

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