Dieser Eintrag stammt von Nicole Voß

Mit dem Trecker in die Freiheit

Interview mit Herrn Lindemann

Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere auch. Am 9. 9. 1959 fuhr der damals 23jährige Herr Lindemann zusammen mit seinen Eltern mit Trecker und Anhänger auf ihr Feld in Nostorf in der ehemaligen DDR zum Heu einholen. Wie immer wurden sie dabei von zwei Polizisten der Volkspolizei überwacht. Denn wenn sie auf diesem Feld arbeiteten, trennte sie nur ein kleiner, 1 Meter tiefer und 3 Meter breiter Fluss von Westdeutschland. Die Stecknitz.
Sie befanden sich bereits in der 5 Kilometer Sperrzone, die außer ihnen nur Menschen mit Erlaubnis betreten durften. Und dann war da noch der 10 Meter Todesstreifen, den keiner betreten konnte, ohne erschossen zu werden. 


Der Fluchttrecker früher...

Dies waren harte Vorkehrungen der DDR um zu verhindern, dass Menschen nach Westdeutschland fliehen konnten. Vorkehrungen, die an diesem Tag keine Wirkung zeigen sollten! 
Während die Lindemanns arbeiteten, war es nur ein kleiner Moment, in dem sich die Polizisten ausruhten und unaufmerksam waren. Doch die Familie nutzte ihre Chance, sprang auf den Trecker mit Anhänger und fuhr mit Vollgas über den Todesstreifen hinein in die Stecknitz. Durch den Schwung erreichte der Trecker die westliche Seite. Aber die Ufer waren schlammig, die Räder drehten durch und der Trecker blieb stecken! Der Trecker bereits auf westdeutschem, der Anhänger jedoch noch auf ostdeutschem Boden. Herr Lindemann sprang vom Fahrzeug - fürs Erste in Sicherheit. Denn die ostdeutschen Polizisten durften nicht über die Grenze schießen. Die Familie Lindemann war also keiner Gefahr mehr ausgesetzt. Der Trecker aber musste aus dem Fluss gezogen werden. So schnell wie möglich. Sonst würde die Volkspolizei dasselbe vom anderen Ufer aus versuchen. Also lief Herr Lindemann ins einen Kilometer entfernte Dorf Lanze und bat den Bürgermeister um Hilfe. Der schickte ihm einen Trecker und Zollbeamte aus Lauenburg mit. Auch Zollbeamte aus Büchen kamen dazu. Zusammen mussten sie nun irgendwie den Trecker und den Anhänger befreien. Herr Lindemann befestigte den Trecker aus Lanze an seinem Trecker um ihn aus dem Fluss zu ziehen. Es klappte. Zum Glück schon beim ersten Versuch. Denn am anderen Ufer war schon ein Trupp der Volkspolizei mit einem Trecker angekommen. Aber zu spät. Die Familie Lindemann hatte es geschafft. Und es wurde kein einziges Wort mehr über den Fluss hinweg gewechselt. 
Aber warum tut eine Familie so etwas? Warum lässt sie alles zurück? Ihren Bauernhof, 72 Hektar Land, Familie und Freunde? Warum nimmt jemand so ein Risiko auf sich, nur um die DDR zu verlassen? Immerhin hätten sie bei ihrem Fluchtversuch getötet werden können!

Hier also die Vorgeschichte:
Der Staat, vertreten durch die Partei SED, forderte alle Bauern in der DDR auf ihre Ländereien abzugeben, der LPG beizutreten und für die Aufnahme 500 Mark pro Hektar zu zahlen. So wurden die Bauern enteignet, das Land in LPGs zusammengefasst und dann produzierten sie für den Staat, von dem sie dafür über die LPG bezahlt wurden. Aber genau das wollten einige nicht. Auch Familie Lindemann weigerte sich. Ihr ganzes Erspartes hätten sie für den Mitgliedsbeitrag ausgeben müssen, ihr Hof hätte nicht mehr ihnen gehört sondern der LPG und sie hätten nichts mehr zu sagen gehabt, weder über den Hof noch über ihre Produktion. Sie traten der LPG nicht bei! Das ließ sich die SED (also der Staat) nicht gefallen. 1953 kam der Vater von Herrn Lindemann deshalb ins Gefängnis. Denn er hatte Ablieferungssollrückstände, da das Ablieferungssoll bei Großbauern pro Hektar absichtlich dreimal höher gesetzt war als bei kleineren Bauern. Das bedeutet, Herr Lindemann sen. hatte zu wenig von dem, was er produziert hätte an die staatliche Erfassungsstelle abgeliefert. Damit hatte er praktisch Sollrückstände beim Staat und das war eine strafbare Handlung! Die Familie wurde auf diesem Weg regelrecht schikaniert um sie dazu zu bringen, der LPG doch noch beizutreten. Aber Herr Lindemann sen. durfte durch die Aufstände in der DDR am 17. Juni 1953 das Gefängnis nach sechs Monaten Haft wieder verlassen - und war noch immer fest entschlossen, ein "freier" Bauer zu bleiben. Durch solche Ereignisse wie den Gefängnisaufenthalt festigte sich immer mehr der Fluchtgedanke in den drei Köpfen der Familie. Denn für sie gab es nur drei Möglichkeiten: LPG, Gefängnis oder Westdeutschland.
Sie entschieden sich für letzteres und planten ihre Flucht. Als sie dann 1959 die letzten Bauern in ihrer Umgebung waren, die nicht zur LPG gehörten, führten sie ihren Plan aus. Doch auch nach ihrer gelungenen Flucht nach Westdeutschland ging die Schikane in der DDR gegen die Familie weiter. 

Es wurde ein Flugblatt im Osten verteilt mit der Überschrift
"Kennen Sie das wahre Gesicht des Großbauern Lindemann?". Darin werden die "Schulden an den Staat" der Lindemanns im Jahre 1959 aufgelistet.

Flugblatt von 1959

Es waren angeblich:
47,74 Doppelzentner Rind
72,36 Doppelzentner Schwein
und 46.979 kg Milch

Das Flugblatt stellt Lindemann sen. als Feind der Wiedervereinigung dar. Er "schädigte die Volksernährung in gröbster Weise" und "sabotierte ständig die gemeinsamen Anstrengungen aller Werktätigen in Industrie und Landwirtschaft, ein Leben in Frieden, Glück und Wohlstand aufzubauen".

Die Familie Lindemann bekam von all dem aber nichts mit. Sie waren glücklich: Ihre Flucht war gelungen und sie lebten nun in Westdeutschland. Für ungefähr vier Wochen kamen sie erst einmal bei Verwandten in Hohnstorf unter. Herr Lindemann bekam auch nach acht Tagen bereits eine Anstellung bei einer Bank in Lauenburg im Bereich Landhandel. Die Familie wurde gut in Westdeutschland aufgenommen und die Reaktionen aller waren sehr positiv. 
Aber den Lindemanns fehlte der Bauernhof, auch wenn sie dafür in Freiheit leben konnten. Sie dachten, sie könnten nach zwei bis drei Jahren zurück nach Hause. Mehr Zeit gaben sie der DDR nicht! Aber dem war nicht so. Sie mussten noch dreißig Jahre warten. Inzwischen verstarb Herr Lindemann sen.
1989 öffnete sich dann die Grenze. Was war nun mit dem Hof? Die LPG hatte ihn die ganzen Jahre über genutzt. Wegen Republikflucht der Familie war der Hof in Volkseigentum übergegangen. Der Name Lindemann war im Grundbuch "schwarz gemacht" und damit unleserlich gemacht worden. 



...und heute! 

Durch alte Unterlagen, die Lindemann noch besaß, wurde über das Amt für ungeklärte Vermögensfragen ein neues Grundbuch angelegt. 
Mit vielen Schwierigkeiten wurde der Hof Ende 1992 an Herrn Lindemann rückübertragen und 1993 wieder ins Grundbuch eingetragen. Und so ging Herr Lindemann nach der Wende tatsächlich zurück nach Nostorf und richtete dort ab 1993 einen Pferdepensionsbetrieb ein.

Siehe Erläuterungen zu diesem Bericht