Dieser Eintrag stammt von Sannah Hinze

Die Flucht meines Vaters aus der DDR

Mein Vater ist im Jahre 1955, im Alter von sieben Jahren, aus der Deutschen Demokratischen Republik (kurz: DDR) mit meiner Oma, seinem Bruder und seiner Schwester über West - Berlin geflüchtet. Mein Vater hat mir seine Erinnerungen erzählt. 

"Am Anfang kamen sie selten, aber dann immer öfter, zum Schluss sogar alle 2-3 Wochen - die Funktionäre des Staatssicherheitsdienstes (Stasi). Mein Vater arbeitete bei der Deutschen Notenbank und sollte dort seine Kollegen bespitzeln. Sobald ein Termin mit den Funktionären der Stasi für meinen Vater anstand, herrschte bei uns zu Hause eine sehr bedrückte und gereizte Stimmung. Mein Vater war beliebt bei seinen Kollegen, und es war ihm sehr unangenehm, sie aushorchen zu müssen. Weil er auf keinen Fall ein Stasispitzel werden wollte, wechselte er sogar noch zweimal seinen Arbeitsplatz, aber sie ließen ihn nicht in Ruhe. 

Im Sommer 1955 hatten wir eine Urlaubsgenehmigung für die Lübecker Bucht an der Ostsee bekommen. Dort verbrachten wir zusammen mit unseren Verwandten aus Hamburg den Urlaub, und es wurde die Umsiedlung aus der DDR nach Hamburg geplant. Wir Kinder wussten allerdings nichts davon, damit wir uns nicht verplappern konnten. Als der Urlaub zu Ende ging, ist mein Vater schon gar nicht mehr in die DDR zurückgekehrt. Meine Mutter hatte gehofft, offiziell nach Hamburg umsiedeln und unser Hab und Gut mitnehmen zu können, und ist deswegen noch mal in die DDR zurückgekehrt. Weil mein Vater schon in Hamburg geblieben war, bekam meine Mutter nach unserer Rückkehr in die DDR einen Stempel in ihren Pass, dass sie den Kreis Quedlinburg, wo wir damals wohnten, nicht verlassen durfte.

Meine Mutter plante nun die Flucht über West- Berlin. Eines Morgens erzählte sie mir und meinen Geschwistern, dass wir nach der Schule nicht trödeln und schnell nach Hause kommen sollten, da wir mit unserer Tante in den Zirkus fahren würden. Mein Bruder dachte sich schon, dass da irgend etwas "im Busch" war. Am Abend hat uns dann ein Freund der Familie, der ein Taxi besaß, gefahren. Erst im Auto wurde uns erzählt, dass es nach Ost - Berlin ging. Die Fahrt nach Berlin musste bei "Nacht und Nebel" mit dem Auto passieren, weil in den Zügen ständig kontrolliert wurde, wohin die Leute wollten. In Berlin kamen wir bei einem Verwandten über Nacht unter. 

Am nächsten Morgen brachte er uns zur letzten S-Bahn Station vor der Grenze. Auf dem Bahnsteig gingen immer Grenzpolizisten Streife, aber unsere Tante lenkte sie ab und kurz bevor die S-Bahn losfuhr, sprangen wir schnell rein. Denn jetzt konnten die Polizisten nichts mehr dagegen tun. Wir schafften es! Der nächste Bahnhof war in West - Berlin.

Im Westen angekommen suchten wir das Flüchtlingsauffanglager Marienfelde auf. Dort wurden wir, nach Erledigung der Formalitäten, als politische Flüchtlinge anerkannt. Das Auffanglager war eine ehemalige alte Kaserne, in der alle Flüchtlinge gesammelt wurden. Oft verbrachten die Flüchtlinge mehrere Wochen in dem Auffanglager, wir allerdings nur drei Tage, weil wir bei unseren Verwandten in Hamburg unterkommen konnten. Wir flogen mit einer 4-motorigen Super Konstellation nach Hamburg. Dort traf ich nach Monaten meinen Vater endlich wieder! Wir wohnten erst bei unseren Großeltern in der Chrysanderstraße und zogen dann 1957 nach Lohbrügge in unsere eigene Wohnung. Mein Vater bekam auch gleich Arbeit bei der Deutschen Bank in Hamburg."

Dies ist die Geschichte meines Vaters und der Grund, warum ich jetzt in Hamburg lebe.