Dieser Eintrag stammt von Thomas Wiese

Reisen nach 1950

Ergebnisse eines Interviews mit Frau W. geb.1955

Wann sind Sie das erste Mal in den Urlaub gefahren?
Das war etwa 1957 oder 1958 glaube ich.
Es ging nach Brodau an der Ostsee für 3 Wochen in eine Ferienhütte. Ich war wohl 2 Jahre alt.
Wir sind damals mit dem Motorroller und der Bahn dorthin gefahren. Mein Vater und mein Bruder sind mit dem Motorroller gefahren und meine Mutter mit meiner Schwester, meinem anderen Bruder und mir sind Bahn gefahren.

In Brodau hatten wir dann aus heutiger Sicht eine Bretterbude als Domizil. Für damalige Verhältnisse war es aber wohl eher Luxus. Von dort aus haben wir auch Ausflüge gemacht. Da wir nur den kleinen Motorroller hatten, musste mein Vater uns immer "ratenweise" hinfahren.

Und wie sah es in den folgenden Jahren aus?
Also...
Erst mal möchte ich sagen, dass wir immer nur mit unserer Familie unterwegs waren. Das waren meine Mutter, mein Vater, meine beiden älteren Brüder und meine ältere Schwester. Meine Eltern sind mit uns immer im Sommer für drei bis vier Wochen in den Urlaub gefahren. Und das war natürlich nicht einfach mit einer 6 Personen Familie.

Wohin sind Sie gefahren?
Unser zweiter Urlaub war wohl so 1958/1959. Wir sind nach Dänemark auf eine Insel gefahren. Mittlerweile hatten wir einen Renault Dauphine, was für damalige Verhältnisse als "Luxuskarre" einzuordnen war.

Es war zwar sehr wenig Platz für 6 Leute, aber dafür waren wir glücklich in ein Ferienhaus am Meer fahren zu können. Die Ausstattung des Hauses war sehr einfach, inklusive Plumpsklo und ausschließlich kaltem Wasser. Aber das machte alles nichts, da wir sehr gutes Wetter hatten.

Im Jahre 1959 oder 1960 sind wir wieder nach Dänemark gefahren an die Nordküste auf einen Bauernhof.
Wir sind wieder mit dem Renault gefahren. Meine Eltern wollten uns damals wohl ein bisschen von der Natur und Tieren vermitteln...

1961 oder 1962 sind wir wieder nach Dänemark gefahren. Dieses Mal nach Skagen zum Campen. Das Auto zu packen war sehr beschwerlich, da wir 6 Personen, die gesamte Campingausrüstung und Proviant für 3 Wochen mitnehmen mussten. Ich musste damals im Fußraum auf Reispaketen sitzen.

In Skagen hatten wir nur Regen. Unser Zelt war sehr klein, so dass andere Camper vermuteten, wir hätten einen Keller, da sie nicht wussten, wie die ganze Familie in diesem kleinen Zelt Platz finden sollte. Jedenfalls regnete es ununterbrochen und meine Mutter brach den Urlaub gegen den Willen meines Vaters ab und wir fuhren nicht mehr in den Norden.

1963 oder 1964 ging es dann nach Schlitters in Österreich. Wir haben wieder gecampt. Aber wir hatten ein neues Auto, nämlich einen Renault R 10. Von Schlitters aus haben wir viele Ausflüge gemacht, es war ein schöner Urlaub. Meine Mutter hatte wieder Probleme mit den Wetterverhältnissen und überzeugte meinen Vater davon ab jetzt nur noch weiter in den Süden zu fahren.

1965 und die Jahre danach sind wir dann immer nach Jugoslawien gefahren. Es war für uns das erste Mal richtig in der Sonne. Aus welchem Grund auch immer gerade Jugoslawien, vielleicht weil mein Vater Sozialdemokrat war und vielleicht lieber Kommunist geworden wäre. Jedenfalls stand ihm Tito sehr nahe und er erfüllte meiner Mutter den Wunsch, weiter in den Süden zu fahren.

Wir fuhren dann nach Novi und hatten schon nach einer halben Stunde einen Sonnenbrand. Wir fanden einen riesigen Zeltplatz. Wir stellten fest, dass alles billiger war als daheim und so fühlten wir uns wie Könige.

Fortan sind wir nur noch nach Jugoslawien gefahren und die Autos wurden auch immer besser.

Konnten sich das auch andere Familien leisten?
Ich denke, es war schwierig. Wenn ich mich richtig erinnere, gehörten wir zu den wenigen Familien, allein schon aufgrund der Personenzahl, die in Urlaub fahren konnten. Ich weiß noch, dass meine Freunde schon ein wenig neidisch waren, wenn wir in den Urlaub fuhren. Sie wären wohl gerne mitgekommen.

Nach Amerika zu fahren war für Sie damals kein Thema?
Für uns kam nur Europa in Frage, allein schon vom finanziellen Aspekt. Für eine sechsköpfige Familie war es schwer, überhaupt zu verreisen.