Dieser Eintrag stammt von Max Beiße (*1995)
Jung- Pioniere
Ergebnisse eines Interviews mit Frau Johanna Beiße (*1943)

Johanna, du bist 1943 in Gera, Thüringen, geboren und aufgewachsen. Nach Kriegsende 1945 lag Gera in der sowjetisch besetzten Zone und später in der DDR. Du sagtest, dass du bei den ”Jung- Pionieren” warst. Ich würde gerne wissen, wie man zu diesen kam?
Das war nicht schwer. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. In der Nachkriegszeit, an die ich mich erinnere, so ab 1950, gab es nicht viel zu tun. Man half den Eltern bei der Arbeit oder spielte mit seinen Freunden. Wir hatten in unserem Dorf nur eine kleine Schule. Hier gab es 4 Klassenräume. In jedem Klassenraum waren zwei Schulklassen untergebracht: erste und zweite, dritte und vierte, fünfte und sechste und schließlich noch die siebte und achte Klasse. Pro Klasse waren es etwa 24 Schüler, also 48 Schüler in jedem Raum. Sobald man alt genug war, ich glaube mit acht Jahren, sprachen einen die Lehrer an und sagten, dass man nun alt genug sei, um den Jung-Pionieren beizutreten. Die Klassenlehrer waren übrigens auch die Gruppenleiter. So kamen alle Schüler meines Dorfes zu den Jung- Pionieren, die natürlich auch in unterschiedliche Altersgruppen eingeteilt waren.

Wie konnte man beitreten?
Ein ”Beitreten” war es eigentlich nicht. Man kaufte sich ein blaues Halstuch und trug es bei den Gruppentreffen, dann gehörte man dazu. Diese Treffen waren zwei- bis viermal in der Woche. Das Halstuch konnte man sich für 3 Mark direkt bei den Lehrern kaufen. Das war zu dieser Zeit eine Menge Geld, wenn man sich überlegt, dass man einen Laib Brot für 80 Pfennig bekam. Sonst gab es ja nur die Marken, die man für Essen oder Kleidung tauschen konnte. Um mir das Tuch kaufen zu können, habe ich Blumen gepflückt und bin von Tür zu Tür gegangen, um sie zu verkaufen. Von meinen Eltern konnte ich kein Geld leihen, die durften davon ja nichts wissen.

Deine Eltern durften nicht wissen, dass du bei den Jung- Pionieren warst?
Nein, durften sie natürlich nicht, da sie es mir sonst nie erlaubt hätten. Sie waren nicht in der Partei und wollten das auch nicht. Sie waren gegen das DDR–Regime und wollten in den Westen ”rüber machen”. So nannte man das damals. Das durfte natürlich keiner wissen. Sie hörten zum Beispiel immer ”Rias”- einen Radiosender aus Westberlin. Somit hätte es ihnen gar nicht gefallen, wenn ich in einer vom Staat geschaffenen Gemeinschaft gewesen wäre. Aber ich wollte doch so gerne dabei sein.

Was hat man bei den Jung- Pionieren gemacht, und wie kann man sie sich vorstellen?
Jung-Pioniere kann man wahrscheinlich mit den heutigen Pfadfindern vergleichen. Man ging zu ihnen, um zusammen mit Gleichgesinnten Spaß zu haben. Man hatte ja nicht viel zu tun und bei den Pionieren gab es Beschäftigung: Man spielte Spiele, ging in den Wald und sammelte Kräuter, die wir dann in der Schule trockneten und auf dem Markt verkauften.
Bei solchen Tagesausflügen wurde uns eine Menge über die Natur beigebracht. Wir lernten die Namen von allen möglichen Kräutern, Bäumen und verschiedensten Pflanzenarten. Uns wurde beigebracht, Vögel am Gesang zu erkennen; das zahlte sich natürlich später im Biologieunterricht aus. Bio war immer eines meiner Lieblingsfächer, wahrscheinlich gerade deshalb. Sonst hat man Tänze gelernt oder Theaterstücke und diese dann auf Festen oder an Weihnachten aufgeführt. Dem Dorf haben wir auch geholfen, beispielsweise bei der Weizenernte. Wir haben die Halme gesammelt, die die Bauern mit der Sense geschnitten hatten. Die haben wir dann zu sogenannten ”Puppen” zusammengestellt. Diese ”Puppen” trockneten dann auf dem Feld, bis ein Traktor mit großem Anhänger kam, auf dem wir sie dann gestapelt haben. Es war für uns keine schwere Arbeit. Die Feldarbeit hat uns Spaß gemacht; wir haben Spiele erfunden und uns so die Zeit vertrieben. Während wir auf die Kühe aufgepasst haben, sind wir auch auf ihnen geritten.

Gab es die Tätigkeit bei den Jung-Pionieren nur während der Schulzeit oder auch in der Ferienzeit?
In den Ferien gab es natürlich auch ein Programm, das war aber etwas anders. Wir gingen alle in die nächste, richtige Stadt und versammelten uns dort morgens auf einem großen Sportplatz. Das waren die einzigen Begegnungen mit Pioniergruppen aus anderen Dörfern. Wir standen alle zusammen, dann wurde die Fahne der DDR gehisst und wir sangen dazu die Hymne der DDR. Danach wurden die verschiedensten Spiele gespielt und sich sportlich betätigt. Wir machten Leichtathletik wie Kugelstoßen, Weitsprung und Staffellauf, spielten Handball oder Schlagball. Schlagball ist so etwas wie das heutige Baseball. Wenn ich einmal überlege, war das schon der Anfang der sportlichen Erziehung in der DDR. Sie wollten uns gleich auf das Sportbild trimmen, das die DDR später noch stärker an den Tag gelegt hat.
Außerdem gab es noch die sogenannten ”Kartoffelferien”. Diese wurden immer so gelegt, dass wir schulfrei hatten, wenn die Kartoffelernte anstand. Dann waren wir mehrere Tage auf den Feldern und haben beim Ernten geholfen, damals ja noch von Hand. Abends saßen wir am Lagerfeuer, haben Kartoffeln geröstet und Lieder gesungen.