Dieser Eintrag stammt von Angélique Flynn (*1993)

Wie meine Großmutter den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Berlin erlebte
"Ich esse lieber Salz auf Brot als nochmal einen Krieg zu erleben"

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Rita Greye, geborene Berlin (*1937)





Wie viele Kinder wart ihr?
Wir waren fünf Kinder: Waltraud, Wolfgang, Ingrid, Bodo und ich. Eigentlich waren wir sieben Kinder, aber Roswita starb mit neun Monaten an einer Hirnhautentzündung und Klaus starb mit vier Wochen, doch den Grund weiß ich nicht.
War es während des Krieges schwer mit so vielen Geschwistern?
Nein, denn wir waren sehr gehorsame Kinder und die älteste Schwester half der Mutter bei der Erziehung.

Wart ihr zur Zeit des Krieges auf der Flucht?
Nein, aber da wir so eine große Familie waren, wurden wir aus Berlin evakuiert und waren dann in Klüden bei Jessen Elster auf einem Bauernhof. Die Bäuerin war Hebamme.

War dein Vater zu dieser Zeit im Krieg?
Mein Vater wurde 1940 eingezogen und kam im Dezember 1946 wieder zurück. Er war zuerst in Potsdam stationiert und kam dann nach Leningrad, heute St. Petersburg, in Gefangenschaft. Nach einiger Zeit bekamen wir eine Karte von meinem Vater aus Mailand, in der er schrieb, dass er dort in Gefangenschaft sei. Später war er bei einer Familie in Vesto Calliende und zuletzt in englischer Gefangenschaft.

Hattet ihr Unterstützung, während dein Vater im Krieg war?
Nur ab und zu haben die Eltern meiner Mutter uns unterstützt, sonst halfen wir uns gegenseitig.

Wie war es, als dein Vater aus dem Krieg zurückkehrte?
Wir hatten ihn erst nicht wiedererkannt. Ich war erst drei Jahre alt, als er ging. Mein Bruder Bodo nannte ihn sogar "Onkel", weil meine Mutter ein Bild von meinem Vater im Wohnzimmer stehen hatte und sie immer zu ihm meinte: "Das ist dein Papa". Als dann mein Vater aus dem Krieg zurückkehrte, sagte Bodo: "Onkel" und mein Vater: "Nein, ich bin dein Vater". Bodo zeigte auf das Bild und meinte daraufhin: "Nein, du Onkel, er Papa."

Wie war es für dich nach der Evakuierung wieder in Berlin?
Wir kehrten 1945 zurück, es war sehr erschreckend, vieles war zerbombt. Von der Frankfurter Allee bis zum Alexanderplatz war alles zerstört. Als wir in unsere alte Wohnung zurückkehren wollten, war diese von anderen Flüchtlingen bewohnt. Da meine Großmutter aber noch in dem Haus wohnte, hatte sie immer einen Überblick und sagte den Flüchtlingen, sie müssten gehen, wenn ihre Familie wieder da sei und das taten sie auch bis auf eine Flüchtlingsfamilie. Wir bekamen die Wohnung dann durch einen russischen Kommandanten vollkommen zurück.

In welchem Zustand befand sich die Wohnung?
In der Wohnung waren so gut wie keine Möbel mehr und die Fensterscheiben waren kaputt oder teilweise herausgefallen. Die Wände waren an den meisten Stellen gerissen und zerstört, so dass wir uns mit den Nachbarn unterhalten konnten. Durch die kaputten Wände und Fenster war es im Winter noch kälter.

Würdest du sagen, dass der Krieg deine Persönlichkeit verändert hat?
Der Krieg hat meine Persönlichkeit nicht verändert. Ich habe die Dinge einfach mitgemacht und musste die Situation als Kind akzeptieren. Wir hatten andere Werte und wurden sehr bescheiden erzogen.

War es dir möglich die Schule zu besuchen?
Ich ging während der Zeit der Evakuierung für zwei Jahre in die Dorfschule. Als wir nach Berlin zurückkehrten, ging ich in die Schule in der Nachbarstraße. Meine Mutter konnte von unserer Wohnung aus auf den Schulhof gucken. Durch den Krieg gab es nur wenige Lehrkräfte, daher hatten wir auch "Aushilfskräfte" als Lehrer.

Wie war das Verhältnis deiner Familie gegenüber der NS-Politik?
Meine Familie war gegen die politische Ausrichtung der Nationalsozialisten. Da mein Vater sich weigerte der Partei beizutreten, verlor er seine Arbeit.

Habt ihr etwas von der Judenverfolgung mitbekommen?
Wir Kinder haben nichts von der Judenverfolgung mitbekommen, wir wurden von diesen Dingen abgeschirmt.

Wie war das Leben in einer zerbombten Umgebung?
Wir litten unter der Hungersnot und es gab auch viele Krankheiten, da die ärztliche Versorgung nicht ausreichend war. Es gab kein fließendes Wasser und nur selten Strom. Wir mussten mit unseren "Lebensmittelmarken" einkaufen und bei fünf Kindern auch sehr einteilen. Wir aßen höchstens drei Schreiben Brot am Tag, Fusselsuppe (rohe Kartoffeln wurden in kochendes Wasser oder Milch gerieben), Graupen, Reis und angefrorene Kartoffeln. Schokolade und Kuchen gab es nur wirklich selten. Arbeit war auch nur bedingt da. Ich sah junge sowie auch alte Frauen, die den ganzen Tag die Trümmer wegschafften und nur wenig Geld dafür bekamen. Wir nannten sie die "Trümmerfrauen". Mein Vater fand erst Mitte der 50er Jahre eine feste Arbeit.

Gibt es ein Erlebnis, das dich heute noch beeinflusst?
Ja, das Sirenengeheul bei Fliegeralarm. Seit dem schrecke ich jedes Mal auf und werde unruhig, wenn ich eine Sirene höre.

Wie habt ihr eure Jugend nach dem Krieg verbracht?
Meine Schwester und ich sind gerne durch Berlin gefahren, da ein Ticket nur 20 Pfennig gekostet hat. Manchmal fuhren wir einfach durch die Gegend und haben alles und jeden beobachtet. Wir sind abends gerne tanzen gegangen.

Wie denkst du über die heutige Zeit?
Heutzutage ist das Leben wie im "Schlaraffenland", viel zu viel Auswahl und Möglichkeiten.

Möchtest du abschließend noch ein paar Worte sagen?
Ich möchte nie wieder einen Krieg erleben, da esse ich lieber Salz auf Brot. Es sollte auch nie wieder einen Krieg geben, damit Mütter nicht um ihre Söhne weinen müssten.

ANHANG:


Brief von Erich Berlin zum Evakuierungsort (Klüden, Jessen Elster)


Soldaten

 Erich Berlin, Vater von Rita Greye, im Krieg.