Dieser Beitrag stammt von Friederike König (*1995)
"Meine Kindheit in der Nachkriegszeit"
Interview mit meinem Vater Burghard König, geboren am 30.7.1944 in Goslar am Harz

Mein Vater wurde geboren, als der zweite Weltkrieg seinen Höhepunkt erreichte. Da das Heim der Familie in Düsseldorf ausgebombt worden war und sein Vater Arzt war, zogen sie nach Goslar, eine Lazarettstadt, die unzerstört geblieben war. Als das Lazarett nach Ende des Krieges aufgelöst wurde, zog die Familie nach Vienenburg.

Was sind deine ersten Erinnerungen?
Aus Erzählungen weiß ich, dass nach dem Krieg Geld und Essen knapp waren. Meine ersten Erinnerungen fangen bei dem Umzug nach Vienenburg an, als ich vier Jahre alt war. Die Zeit war durch den Geldmangel sehr schwer.

Wie äußerte sich dieser Geldmangel?
Es gab praktisch nichts zu kaufen; Fleisch war ein seltener Luxus. Während der Steckrübenernte im Herbst gab es nur diese zu essen. Deshalb kann ich seitdem keine Steckrüben mehr ausstehen.
Da es kaum Frisches zu essen gab, sammelten meine Geschwister und ich die Äpfel von den Alleen auf. Daraus machte meine Mutter dann Apfelmus. Auch sonst machten die Mütter viel selber. Mein Vater hielt Kaninchen und Hühner in Ställen, damit gelegentlich Eier und etwas Fleisch da waren. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater seine Patienten, meist Bauern, um Gemüse und Obst gebeten hat. Die Menschen waren also damals auf Selbstversorgung angewiesen.
Einmal wurde seine ärztliche Behandlung mit einem Stück Fleisch von einem Schlachter bezahlt. Die ganze Familie freute sich auf das Fleisch, weil es eben ein großer Luxus war. Zu unserer großen Enttäuschung blieb das Fleisch jedoch trotz langem Kochen steinhart und somit ungenießbar.
Nach und nach stellten sich bei uns allen Folgen der Mangelernährung ein. Dieser Mangel, besonders an Vitaminen und Fetten, führte dazu, dass die Menschen anfälliger für Krankheiten wurden.

Gab es keinerlei Hilfe vom Staat, was die Ernährung anging?
Naja, es gab Lebensmittelkarten für die Bevölkerung. Schwerarbeitende Menschen bekamen größere Rationen zugeteilt als die anderen. Jedoch reichte diese Kalorienanzahl in der Regel nicht aus, um sich gesund zu ernähren.
Das Einkaufsverhalten änderte sich jedoch schlagartig mit der Währungsreform im Juni 1948. Auf einmal gab es alles zu kaufen. Die erste große Anschaffung meiner Eltern war der Kauf eines gebrauchten Vorkriegsautos. Das war damals etwas ganz Besonderes und eine unheimliche Entlastung für meinen Vater, da er seine Patienten von da an schneller und bequemer erreichen konnte.

Du sagtest, dass Mütter damals sehr viel selber machten, was denn zum Beispiel?
Die Frauen mussten damals im Haus unglaublich viel leisten, deshalb gingen sie nicht arbeiten. Es gab ja damals noch keine Arbeitserleichterungen durch Haushaltsmaschinen wie heutzutage. Das Waschen der Kleidung war zum Beispiel ein großer Aufwand.
In einem Waschraum stand ein großer Bottich, gefüllt mit Wasser. Dieser wurde mit Kohle erhitzt. Mit einem Holzquirl schleuderte meine Mutter die Wüsche dann umher. Zwischen zwei Rollen wurde die Kleidung anschließend soweit trocken gepresst, dass man sie aufhängen konnte. Ich war jedoch zu klein, um meiner Mutter zu helfen, deshalb guckte ich ihr manchmal dabei zu.
Aus diesen Gründen trug man seine Unterwäsche auch mal sieben Tage lang, da nur ein Mal in der Woche gewaschen wurde. Auch gebadet wurde nur circa ein Mal in der Woche. Die hygienischen Umstände waren also noch ganz andere als in der heutigen Zeit. Ich freute mich demnach jeden Samstag auf frische Wäsche.

Abgesehen von dem Geldmangel war doch auch Vieles ganz anders als heutzutage. Wie hast du deine Schulzeit erlebt?
Ich wurde im Alter von fünf Jahren in die Volksschule eingeschult (damalige Grundschule). Dort kam es vor allem auf Disziplin an. Jungen und Mädchen wurden von vornherein getrennt unterrichtet.
Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal ins Treppenhaus kam und an den Wänden sogenannte "Spucknäpfe" für die Lehrer befestigt waren, in die jeder Lehrer auf dem Weg in das Gebäude hinein spucken konnte. Ich fand das schon damals sehr eklig und unappetitlich.
In den Klassenräumen war zum Mittel der Disziplin der Rohrstock immer sichtbar. Während des Unterrichts mussten wir alle still sitzen und unsere Hände auf die Tischplatte legen. Befolgte jemand diese Regel nicht, bekam er mit dem Rohrstock oder einer Schuhsohle eins auf die Finger. Ich musste den Rohrstock zum Glück kein einziges Mal ertragen.
Doch abgesehen von der Schule war auch zu Hause die Züchtigung nicht unüblich, was auch auf mich zutraf, wenn ich etwas angestellt hatte.

Die Zeiten haben sich gravierend zum Besseren geändert, insbesondere, was das damals autoritäre Schulsystem anbelangt. Wie sich auch insgesamt die soziale Lage der Bevölkerung wesentlich verbessert hat.