Dieser Eintrag stammt von Jenny Blome (*1991)

Aus den Erzählungen eines jungen Soldaten 
Ernst-August Wedemann ( * 1926)

Gefangenschaft im 2. Weltkrieg bei den Amerikanern

Kurze Vorgeschichte
Februar 1945

Meine Truppe und ich befanden uns zwischen Kaiserslautern und Koblenz, waren von den feindlichen Amerikanern und Engländern eingeschlossen. Die Truppe hatte schwere Verluste einstecken müssen.

Unser Chef, ein Major, erkannte unsere aussichtslose Lage und entließ uns mit den Worten: „Ihr habt genau zwei Möglichkeiten:

1. Ihr versucht, euch in eure Heimat durchzuschlagen oder

2. ihr geht in Gefangenschaft.“

Wir entschieden uns für das Erste.

Als wir entlassen wurden, waren wir zu viert ( ein Unteroffizier und drei Gefreite). In unserem jugendlichen Denken dachten wir, es sei nicht schwer, sich in die Heimat durchzuschlagen…

Es kommt zur Gefangenschaft oder „Hands up“
März 1945

Nachdem wir drei Tage im Wald umhergeirrt waren, wollten wir uns am vierten Tag etwas zu essen in einem Dorf holen. Doch auf dem Weg dorthin stand uns plötzlich ein Amerikaner mit Gewehr gegenüber und schrie:„ Hands up !“

Nur einer von uns konnte gut Englisch sprechen und machte dem Amerikaner klar, dass wir nicht mehr kämpfen, sondern mit ihm gehen wollten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir eingesehen, dass es nichts mehr bringt zu kämpfen, da wir von den Amerikanern eingeschlossen waren. Danach erzählte uns der gegnerische Soldat, dass er sich verlaufen hätte, und wir gingen mit ihm nach Heimkirchen.

Als wir das Dorf Heimkirchen (bei Kaiserslautern) erreichten, waren schon andere deutsche Gefangene an der Kirche versammelt. Eine Frau aus dem Dorf verteilte noch Äpfel und Brote und nahm unsere Adressen auf. So kam es, dass meine Mutter zu Weihnachten 1945 (schneller ging es nicht mit der Post) einen Brief erhielt und dadurch erfuhr, dass ich in Gefangenschaft geraten war. Wie ich später erfuhr, war sie sehr glücklich darüber, da sie gedacht hatte, ich sei schon tot.

Unzählige Transporte als Gefangener oder „Zwischen Leben und Tod“
März 1945 – April 1945

Da die Amerikaner Frankreich teilweise eingenommen hatten und nun mit den Franzosen verbündet waren, konnten sie in Frankreich mit uns tun, was sie wollten. Zuerst wurden wir mit etwa zehn weiteren Gefangenen in einem LKW nach Wolfsstein ins Gefängnis gebracht. Auf der Fahrt sagte ein Oberfeldwebel der Amerikaner: „So ihr Deutschen, jetzt sollt ihr mal sehen, wie ein Neger Auto fahren kann!“

So kam es, dass wir eine Stunde mit hohem Tempo nur durch die Berge fuhren. Wir machten vor Wolfsstein noch einen Zwischenstopp an einer Kirche, wo sich die Sammelstelle für Kriegsgefangene befand. Dort wartete ein weiterer Amerikaner auf uns und schrie: „Umdrehen, jetzt mache ich das mit euch, was die Nazis mit meinen Großeltern in Frankfurt getan haben!“

Wir hatten große Angst und dachten, er knallt uns gleich ab...Doch der Amerikaner lachte und sagte, er sei Jude, und ließ von uns ab. Wir vier waren natürlich sehr erleichtert und froh darüber. Später wurden wir auf einen Sportplatz gebracht, wo sich 4.000 weitere Gefangene befanden. Dort blieben wir drei Tage ohne Essen, ohne Trinken, vor allem aber ohne Toilette. Man kann sich also vorstellen, wie es dort aussah und gestunken hat.

Auch wenn wir es gewollt hätten, fliehen konnten wir nicht, da der Sportplatz streng von Polen bewacht wurde. Diese waren zu den Amerikanern übergetreten, nachdem Polen eingenommen worden war.

Unser erstes Essen in Gefangenschaft oder „Blumenkohlsuppe“
April 1945

Nach drei Tagen wurden wir wieder mit einem Lastwagen nach Trier gebracht und dort nachts in einen Zug verladen. Wir waren fünfzig Mann in einem Waggon, was natürlich sehr anstrengend und erdrückend war.

Gott sei Dank behandelten uns die Amerikaner wie Kriegsgefangene und nicht wie Verbrecher, das heißt, sie schlugen uns nicht. Der Zug, ein Güterzug mit offenen Waggons, brachte uns nach Stenay in Frankreich an der Belgischen Grenze. Dort wurden wir zwei Tage in einer Kaserne festgehalten und wir bekamen unsere erste Mahlzeit!

Das wurde auch höchste Zeit, denn ich war sehr abgemagert und nur noch ein Skelett. Bei einer Körpergröße von 1,84 m wog ich nicht einmal mehr 50 kg. Wir bekamen eine so genannte Blumenkohlsuppe vorgesetzt. Diese bestand aus Wasser mit ein paar Kohl- und Kartoffelstücken drin. Aber das schlimmste war: Obendrauf schwammen die Maden und Raupen, da der Kohl natürlich nicht gespritzt war. Doch wir waren alle so ausgehungert, dass wir alles ohne mit der Wimper zu zucken verspeisten. Nach der „Stärkung“ wurden wir weiter mit dem Zug nach Le Mans in die Mitte Frankreichs transportiert. Unterwegs standen die französischen Jugendlichen auf den Brücken und bewarfen uns in den offenen Waggons mit Ziegelsteinen. Als Schutz hatten wir nur ein Holzbrett. Auf der Fahrt sah ich in der Ferne das erste und einzige Mal in meinem Leben den Eiffelturm in Paris.

Erlebnisse im Großlager in Le Mans oder „Hitlers Geburtstag“
April – Oktober 1945

Die ersten Tage im Lager in Le Mans waren ruhig. Wir wohnten mit 15 Mann in einem Zelt und mussten noch nicht arbeiten. Die 2000 Gefangenen waren alle zwischen 17 und 40 Jahre alt. Leider habe ich in diesem Lager meine drei Freunde aus den Augen verloren und seit dem Tag nicht wieder getroffen. Später musste ich dann Benzinkanister von der Bahn in die LKWs laden. Von dort wurden die amerikanischen Truppen mit Brennstoff versorgt. Für diese Arbeit bekam ich Essen oder Kleidung. Je länger ich im Lager war, desto besser wurde die Verpflegung und desto mehr Leute lernte ich kennen, unter anderem einen jungen Mann aus Kirchwerder, also meiner Heimat. Wir wurden bis zur Entlassung nicht mehr getrennt.

Am 20.04.1945 bekamen wir zum ersten Mal so genannte Marketenderware, das waren Kekse, Schokolade, Wurst, Käse und sogar Kaugummi. Wir haben nur den Kopf geschüttelt und wissen bis heute nicht, warum die Amerikaner genau Hitlers Geburtstag ausgewählt hatten, um uns etwas Gutes zu tun. Von nun an bekam jeder, der Geburtstag hatte, eine Kekssuppe mit Schokolade.

In diesem Lager erfuhren wir auch an einem schwarzen Brett von Hitlers Tod. Erleichterung machte sich unter den Gefangenen breit, und alle hofften, dass der Krieg bald zu Ende sein würde.

Erlebnisse im Lager in Reims oder „Die Jagd auf die Wildsau“
Oktober 1945 - April 1946

Im August 1945 waren wir dann nach Reims verlegt worden. Es lag schon wieder näher an der deutschen Grenze. Dort mussten wir immer im Wald Holz schlagen. Zum Glück haben wir nicht so gefroren, da wir eine große Konservendose in einen Ofen umfunktioniert und uns die Amerikaner Decken und warme Kleidung gegeben hatten. Alle bekamen komplett schwarze Kleidung, die hinten mit weißer Farbe mit den Buchstaben PW (Prisoner of war) versehen war, was Kriegsgefangener bedeutete.

Zu Weihnachten 1945 waren wir wieder einmal im Wald und plötzlich sahen wir ein kleines Wildschwein. Mit vereinten Kräften wurde die kleine Wildsau eingekesselt und gefangen genommen. Stolz kehrten wir damit in unser Lager zurück und ein Koch unter uns, der sich sogar schon eine provisorische Küche mit offener Feuerstelle eingerichtet hatte, machte allen ein schönes Weihnachtsessen: das Highlight von Reims!

Die letzten Verlegungen bis zur Entlassung oder „Pure Erleichterung“
Mai - bis August 1946

Ende Februar 1946 wurden wir nach Lothringen an der deutschen Grenze gebracht. Innerhalb von vier Wochen waren Metz und Saarbrücken weitere Durchgangslager. Später fuhren wir mit dem Zug ins Munsterlager in der Lüneburger Heide und wurden dort im August 1946 nach Hamburg entlassen.

Ich war voller Freude und Erleichterung, dass ich nun alles hinter mir hatte und mich zu Hause kein Krieg erwartete.

Hier trennte ich mich auch von meinem neuen Freund. Wir beide gingen zu unseren Familien und haben uns später des öfteren getroffen und über die schweren Zeiten der Kriegsgefangenschaft gesprochen.

Abschließende Fragen
Gab es während der Gefangenschaft Möglichkeiten zur Flucht?

Nicht viele, denn die Lager wurden streng bewacht, größtenteils von den Polen.

Einmal jedoch haben wir das Lager in Reims für einen Tag verlassen, uns die Schlachtfelder vom Ersten Weltkrieg angeguckt und sind in ein Dorf gegangen, um dort die Sachen von den Amerikanern in Brot und Eier umzutauschen.

Aber man hatte nicht das Verlangen zur Flucht, da es fast unmöglich war, dann zu überleben. Wenn andere bei der Flucht erwischt wurden, sind sie in ein Straflager gekommen und dort wahrscheinlich misshandelt worden.

Wie lange war die Zeit in Gefangenschaft?

Vom 21. März 1945 bis zum 1. September 1946 ( also 1,5 Jahre )

Wie waren deine Gefühle ( Angst, Befürchtungen... ) ?

Erst war ich froh, dass der Krieg für mich vorbei war und ich noch lebte.
Die Hungerzeit war schrecklich, die einzigen Gedanken, die ich hatte, drehten sich ums Essen. Ich hatte Angst um meine Familie, dass sie angegriffen wird, wenn die Nazis erfahren, dass ich in Gefangenschaft geraten bin. Deswegen zerriss ich meinen Führerschein und mein Soldbuch (Soldatenausweis) und vergrub beides im Wald. Das war ein großer Fehler, denn so war ich anonym. Hätten die Amerikaner gewusst, dass ich Familie habe, wäre ich vielleicht schon eher freigekommen. Wir hatten aber auch Glück, dass wir bei den Amerikanern gelandet waren und nicht bei den Franzosen, denn da mussten die Gefangenen in Bergwerken arbeiten.

Was hast du aus dieser Zeit gelernt oder mitgenommen?

Auf jeden Fall habe ich gelernt, wirklich alles zu essen und das Essen zu schätzen.
Aber ich bereue auch, dass ich nicht an einem Englischkurs teilgenommen habe, den ein mitgefangener Englischlehrer im Lager gegeben hatte.

Im Großen und Ganzen hat mich diese Zeit sehr geprägt und sehr selbstständig gemacht. Möge meinen Kindern und Enkelkindern so etwas jedoch erspart bleiben!