Dieser Eintrag stammt von Ilse Stein *1931 

Es gibt uns noch! 

Beim Durchsehen alter Unterlagen fand ich diese Briefe aus dem Jahr 1947. Der Krieg war zum Glück vorbei, aber das Leben war für uns alle noch sehr schwer. Man war sehr froh, wenn man seine Verwandten und Freunde wiederfand und Kontakte mit ihnen wieder hergestellt werden konnten. Erste Briefe, Mitteilungen, wie es einem ging, wurden ausgetauscht. Aus dem Inhalt der Briefe kann man erfahren, was zu der Zeit das Wichtigste war, Leben und Überleben. Man war froh, wenn es einem gut ging und man die Möglichkeit hatte, sich zum Beispiel durch den Anbau von Gemüse, Vorräte für den nächsten Winter zu beschaffen. Um genügend Brennmaterial zum Kochen und Heizen zu haben, musste man auch eigene Initiativen zeigen und im Wald und an Knicks Holz sammeln. Es gab zu der Zeit ein oft gutes Miteinander, man half sich gegenseitig mit dem, was man konnte und was man hatte und bekam als Ausgleich auf irgendeine Art auch von dem anderen Hilfe. Der erste Brief war von meiner Tante Marie, die zu der Zeit mit ihrem Mann in Stuck, bei Eldena in Mecklenburg lebte. Dort war sie mit ihrem Mann nach der Ausbombung 1943 in Hamburg untergekommen. Tante Marie war zu der Zeit 65 Jahre alt. 


Lieber Hans, Anni und Herbert!                                                                                            Stuck, 26.5.47
 
Endlich sind wir soweit gekommen um Euch wissen zu lassen, dass wir tatsächlich noch da sind. Ihr werdet es uns hoffentlich nicht für ungut nehmen, dass wir Euch so lange auf Nachricht haben warten lassen. Es geht uns den Verhältnissen nach soweit gut, es freut uns, dass dasselbe auch bei Euch der Fall ist. L.H.A. u. H., wir verbringen jetzt die Zeit auch meistens mit Gartenarbeit, wir müssen ja wieder für den nächsten Winter sorgen, hoffentlich wird er nicht wieder so strenge wie das letzte Mal. Wir müssen jeden Abend tüchtig Wasser schleppen um alles Gemüse zu begießen, sonst wächst in dieser öden Sandgegend nichts. Hier muss es schon alle drei Tage regnen, es ist alles so trocken der Wind weht die Pflanzen schon bald von die Beete. Es sieht mit der Wintersaat Roggen nicht gut aus. Wenn die Kartoffeln nicht gut wachsen, dann gibt es hier in dieser Gegend ein schlechtes Jahr. Auch müssen wir tüchtig Holz sammeln und Feuerungs- Material anschaffen, damit wir etwas zu brennen haben, denn wir bekommen nur 2 mtr. Holz fürs ganze Jahr, da kann man nicht viel mit anfangen, da kommen wir höchsten 3 Monate mit aus, allerwo derselbe Krampf. Lieber Hans, die beiden Sachnadeln sind gut angekommen und nochmals meinen herzlichsten Dank, die können wir hier sehr gut gebrauchen, denn hier bei den Bauer gibt es viele Säcke zu reparieren und zu flicken, wo wir tüchtig mithelfen, das wird dann auf andere Art wieder ausgeglichen. Vor 14 Tagen hat Carl Stein uns besucht, es war auf Schwarzfahrt leider war er nur 1/2 Tag bei uns, die Zeit war kurz wir haben uns ordentlich gefreut man bekam doch mal ein anderes Gesicht zu sehen und Ihr könnt Euch wohl denken man hat dann viel zu erzählen und viel zu fragen. Nun Ihr Lieben auf ein anderes Mal mehr. Lasst es Euch recht gut gehen nehmt es uns bitte nicht für ungut dass wir Euch solange mit Nachricht haben warten lassen, lasst mal wieder von Euch hören.
Herzliche Grüße 
senden Tante Marie un
d Onkel Wilhelm 

Der zweite Brief ist von Onkel Willi und Tante Ella aus Amerika. Wie schön, wenn man einen Onkel in Amerika hatte. Onkel Willi war der Sohn von Tante Marie. Er war 1923, in der Zeit der Inflation damals, nach Amerika ausgewandert und hatte sich dort in New York eine Existenz geschaffen. Seine Eltern hatten ihn seit der Zeit noch nie wiedergesehen. Neue Kontakte konnten erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen werden. Onkel Willi war dann sehr bemüht, seine Eltern und seine Verwandten zu unterstützen. Mit Paketen für alle, in dem er Dinge schickte, die es in Deutschland damals zu der Zeit noch kaum wieder gab. Er versuchte seinen Lieben das Leben durch diese Gaben ein wenig zu verschönern und zu erleichtern. Interessant aus heutiger Sicht ist sein Brief vom 12. Februar 1947, in dem er darüber berichtet, wie er den Krieg in New York erlebt und empfunden hat. Im Sommer 1954 ist er dann zu ersten Mal, nach so vielen Jahren, mit seiner Frau wieder nach Deutschland gekommen. Von da an kamen sie etwa alle zwei Jahre in die Heimat zurück. Mit seinen Eltern und allen Verwandten haben wir dann noch viele fröhliche Stunden miteinander verbracht.