Dieser Eintrag stammt von Mona Althaus (1987*)

 Interview mit  Frau A. (*1935)
Kriegsende in Hamburg

Evakuierung nach Kriegsende
Nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 wurden meine sechs Geschwister, meine Eltern und ich evakuiert und kamen auf einen Gutshof in der Nähe von Pommern, deren Besitzer sehr wohlhabend waren. Dort habe ich mich jedoch sehr unwohl gefühlt, denn ihnen war es egal, was wir durchgemacht hatten, für sie waren wir nur billige Arbeitskräfte. Wir Kinder mussten jeden Tag früh aufstehen, die Tiere füttern, die Ställe reinigen, den Hof fegen und alles erledigen, was an einem großen Gutshof so anfiel. Für diese schwere Arbeit bekamen wir lediglich ein Brot pro Tag, es gab weder freundliche Worte noch Dank, stattdessen verhielten sie sich uns gegenüber kalt und überheblich. 

Wir waren zu neunt in einem kleinen, kahlen Raum untergebracht, in dem es außer drei Betten und einem "Kocher" nichts gab. Den Kocher benutzten wir in den seltensten Fällen, denn wir hatten ja nichts, woraus wir ein Essen zubereiten konnten - wir hatten lediglich das Brot, welches wir mit Leib und Seele beschützten, damit es nicht von einem der Geschwister stibitzt wurde.

Manchmal jedoch trieb unser Hunger meine Mutter dazu, nachts heimlich in den Hühnerstall der Gutsbesitzer zu schleichen und ein paar Eier zu stehlen. Abgesehen von den Eiern und von dem Brot haben wir auch manchmal "Wassersuppe" gegessen. Damit sie nach etwas schmeckte, hat meine Mutter Rindertalg, der ebenfalls gestohlen war, ausgebraten und in die Suppe gegeben. Das beste Essen war es nicht, aber wir kannten es ja inzwischen nicht anders. Ich weiß noch, dass wir immer eine nasse Decke vor die Tür hängen mussten, damit der Geruch vom gekochten Essen nicht zu den Besitzern durchdrang, denn sie gingen ja davon aus, dass wir nur das Brot zu essen hatten und wir hatten Angst, dass unsere Diebstähle entdeckt werden könnten.

Neben der Arbeit sind wir auch zur Schule gegangen. Wir hatten jedes Mal einen zwei Kilometer langen Fußmarsch vor uns, doch manchmal kam auch ein Trecker vorbei und hat uns mitgenommen.
In der Schule haben wir sehr wenig gelernt. Das Geld für Bücher war nur für wenige vorhanden. Wir haben auf Schiefertafeln mit Kreide geschrieben, konnten also nichts mit nach Hause nehmen. Wir haben nur in der Schule gelernt und wenn man etwas nicht verstanden hatte, durfte man länger bleiben und die Lehrerin hat es dann erklärt.
Es gab keine richtigen Klassenstufen; es waren sozusagen Erst- mit Neuntklässlern vermischt.

Zurück in die Heimatstadt Hamburg
1947 sind wir zurück nach Hamburg, zu unserer Tante, gezogen. Wir sind mit den Soldaten, die aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden, mit dem Zug nach Deutschland gefahren.
Die Soldaten waren dreckig und verlaust, man kann sich nicht vorstellen  ,wie verwahrlost sie waren. Doch sie haben uns Kinder auf der anstrengenden Fahrt zum Lachen gebracht.
Bei meiner Tante war es längst nicht so schön, wie wir es uns ausgemalt hatten. Wir mussten mit ihr in der Kellerwohnung auf dem kalten, harten Boden schlafen und wenn es regnete, waren wir bis auf die Haarspitzen nass.

Gott sei dank haben wir ein paar Wochen später eine Wohnung im Bunsenweg bekommen, die zwar auch im Keller war, aber uns ging es doch besser, denn dieser Keller war wenigstens trocken. Wir hatten sogar eine Zinkwanne, in der wir jeden Samstag baden durften. Warmes Wasser aus dem Hahn hatten wir natürlich nicht. Wir mussten das Wasser immer auf dem Herd erhitzen. Dann ist immer einer nach dem anderen in die Wanne gestiegen und hat sich schnell gewaschen, damit beim letzten das Wasser noch relativ warm war. Vom jüngsten bis zum ältesten Kind, ohne das Wasser zu wechseln, das am Schluss natürlich pechschwarz und erkaltet war.

Besserung in Sicht
Im Jahr 1948  bekam meine Mutter eines Tages Bescheid, sie solle sich ihr Fürsorgegeld abholen. Ich glaube, es waren so ca. 40,- Reichsmark, dies war damals sehr viel Geld. Meine Mutter kam nach Hause und brachte für jeden etwas mit. Ich habe ein Kleid bekommen. Es war zwar gebraucht, aber für mich war es wunderschön. Es war der schönste Tag in meinem Leben, den ich nie wieder vergessen werde. 
Darüber hinaus hatte mein Vater am selben Tag eine Stelle beim Schlachter bekommen und hat uns neben zwei Gänsen auch ein Schwein besorgt. Ich weiß noch genau, dass er immer einen langen, schwarzen Mantel trug, unter dem er so oft wie möglich Fleisch nach Hause schmuggelte.

Einige Male  kamen auch die Engländer und haben die Wohnungen nach geflüchteten Soldaten o. ä. durchsucht. Ich kann mich erinnern, dass es auch Festnahmen gab.
Obwohl die Alliierten zu uns nett waren, waren wir dennoch vorsichtig, denn wir wussten von vielen Vergewaltigungen von Frauen und jungen Mädchen und wir waren deshalb potenzielle Opfer.

Zu der Zeit, als wir in die neue Kellerwohnung zogen, konnten wir auch wieder zur Schule gehen. Die Schule in Hamburg war ein großer Unterschied zu der auf dem Land. Wir haben  z. B. von dieser Schule alte Schulbücher zu Verfügung gestellt bekommen, welche wir mit nach  Hause nehmen durften. Hierüber haben wir uns sehr gefreut, denn dadurch konnten wir viel besser lernen.

Arbeit und "Ausbildung"
Neben der Schule haben wir so oft wie möglich heile Mauersteine gesucht, mit dem Meißel abgeputzt und verkauft. Das war eine sehr anstrengende Arbeit, aber jeder Pfennig hat gezählt. Dennoch reichte das Geld immer noch nicht für unsere Familie aus und so waren wir gezwungen, weiterhin zu stehlen, wie viele andere Menschen in dieser Zeit. Es wurden z. B. Züge überfallen, und die Kohle wurde gestohlen. Auch meine Schwestern und Brüder waren bei solchen "Überfällen" dabei. Sie haben so viel Kohle gestohlen, oder, wie wir sagten, "gehamstert", wie sie tragen konnten. Doch obwohl es beim Erwischen von "Dieben" im höchsten Fall eine Verwarnung gab, habe ich mich nicht getraut, auf die Waggons zu springen und meinen Geschwistern zu helfen.
Meine Geschwister haben die Kohle dann meinen Eltern gebracht, die diese entweder selbst für den Kohleofen verwendeten oder, im Notfall, gegen Butter oder Milch tauschten.

1950 war ich mit der Schule fertig und musste ein Pflichtjahr in einem anderen Haushalt bei einer fremden Familie absolvieren. Ich kam zu einem Ingenieur mit Frau und zwei Kindern, die ganz nett waren. Trotzdem wurde ich ausgenutzt, ich musste so viel arbeiten, wie noch nie und nachts habe ich auf dem Flur ohne Matratze, nur mit einer dünnen Wolldecke geschlafen.
Alle vier Wochen durfte ich nach Hause. Ich war immer heilfroh, meine Familie zu sehen!  Nach einem ¾ Jahr, 1951, hat mich meine Mutter zurückgeholt, weil ich spindeldürr und überarbeitet war.
Inzwischen waren wir umgezogen. Mein Bruder hatte uns eine alte Ruine ausgebaut, in der es uns etwas besser ging.

Neue Zeit, ohne Sorgen

Das Leben veränderte sich für mich sehr, denn ich kannte bis dahin nur die Armut und hätte mir niemals vorstellen können, einmal feiern zu gehen. Doch als ich 17 war, habe ich mir ein wenig Geld als Schneiderin verdient, und so konnte ich mir ab und an mal einen Tanzabend mit meinen Schwestern in einer Musikkneipe  Für mich war dies eine besonders schöne Zeit, denn dort  konnte ich für einen Abend die schweren Zeiten vergessen. Wir waren sehr ausgelassen und glücklich.