Dieser Text wurde uns von Frau Eva-Maria Alves zur Verfügung gestellt. 
Frau Alves arbeitet als freie Journalistin in Hamburg
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  Aus der Schule geplaudert 

Das Kind ist sechs Jahre alt. Es ist das Jahr 1947.

"Ostern kommen wir in die Schule!, sagt Heldin. Du und Mieken und ich und Franz-Josef. Und Harry Jäckel auch, sagt Monika. Der kann sich auf was gefasst machen, sagt Mieken. Auf was denn?, fragt Heldin. Herrje, bist du blöd, stöhnt Mieken. Der Harry Jäckel, Mutter, der kann sich auf was gefasst machen, erzählt Heldin. Nun ja, er wird sich sehr anstrengen müssen, sagt Mutter, halte dich lieber von ihm fern, freundlich sein, ja, aber fern halten. Ostern dürfen Eva-Maria und Carlo Kniestrümpfe anziehen. Es ist zwar etwas kalt, aber Kniestrümpfe wollen sie sehr gern anziehen. 

Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!, so singen sie in der Kirche. Und dann kommt der Tag: der erste Schultag. Der erste Schultag. Eine lange Schlange von Kindern wartet vor der Schultür, alle reden durcheinander. Heldin steht mit Mieken und Monika in der Reihe. Vor ihr ist ein Junge mit Holzschuhen, ohne Strümpfe. Überhaupt: viele Kinder haben keine Strümpfe an. Heldin rollt ihre Kniestrümpfe ganz klein herunter, so kann man denken, sie hätte auch keine Strümpfe an. 63!, ruft eine Frau. Das ist Fräulein Feicke, sagt Mieken. 63!, ruft Fräulein Feicke noch einmal. Und dann schreit sie: Ruhe! Alles mal herhören! Die zweite Klasse singt ein Lied für euch, ihr I-Männchen. Los, zwo, drei, vier. Und der Lehrer Jünemann singt mit seiner Klasse: Alle Vögel sind schon da. Heldin will mitsingen, aber Fräulein Feicke sagt: Ruhe, sag ich, Ruhe, Donnerwetter. Dann gehen erst die Zweitklässler und dann die I-Männchen in ihre Klassenzimmer. 

Alle purzeln durcheinander. Heldin verliert Monikas und Miekens Hände. Ein Junge drängelt sie in die Bank. Von der anderen Seite quetschen mehrere Kinder hinein. Einer, der heißt Horst, der ist ganz groß, und eine, die heißt Karin, die ist auch viel größer als die anderen. Kleinere sind auch da: der Josef vom Schuster, Schusters Josef, der Heinzi und noch ein Heinzi. Den hat Heldin schon manchmal gesehen, denn der darf bei der Kirmes ganz nahe am Karussell stehen und Geld darf der einsammeln. Fräulein Feicke schreit: Erscht wird jebeitet. aufstehn! 

Im Namen des Vaters. Nur schleppend geht es mit dem Gebet, das heißt: wie fröhlich (freelich sagt Fräulein Feicke) bin ich aufgewacht, dir, lieber Gott, sei Dank gebracht, nun nimm mich fest in deine Hut (deinen Hut, betet Heinzi) und lass mich werden fromm und gut. Einer, es ist Harry Jäckel, bleibt stehen, als Fräulein Feicke setzen! setzen! schreit. Was willst, Kerle?, fragt Fräulein Feicke. Ich muss mal, sagt Harry. Ich muss mal austreten, sou sackt man, wie sackt man? Ich muss, sagt Harry, austreten. Dann liest Fräulein Feicke ganz viele Namen vor. 

Zu Heldin sagt sie: Alves, wo ist Alves, steh auf, Alves. Heldin ist ganz schwindelig. Immerzu dreht sie sich nach hinten und nach vorn und wieder nach hinten. Ja, Alves, dich mein ich, sagt Fräulein Feicke. Ich? Ich heiße erst mal Eva-Maria und dann erst Alves, sagt Heldin. So? Na, sagt Fräulein Feicke, du musst nur sagen: hier!, wenn ich dich aufrufe, also: Alves! Ich heiße Eva-Maria, Fräulein Feicke, sagt Heldin, und ich bin hier, das können Sie doch sehen, nicht?Weiter, sagt Fräulein Feicke: Bachkämper, Brüggemann, Burmeister, hier, hier, hier. Na, es jeht doch. sagt Fräulein Feicke, und nun noch mal von vorn. Und dann schreibt Fräulein Feicke mit Kreide an die Tafel: i. Sie sagt:rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf. Bis morgen eine Reihe i, verstanden? Und nun beten, aufstehn, Jäckel, du auch. Schütte, Wellinghojf, Hömschemeier, alle aufstehen! Ruhe! Beten! Un nu: nach Hause! Abmarsch! sagt Fräulein Feicke. Sie legt den Zeigestock auf ihr Pult und steckt sich die Haare fest.Schön war 's in der Schule, schön, sagt Heldin zu Carlo. Aber nun stör mich nicht, ich muss schreiben: rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf. Guck mal, das ist ein "i". Schön, sehr schön, sagt Vater.