Dieser Eintrag stammt von Rebecca Anke

Die Flucht aus Niederschlesien im 2. Weltkrieg

Interview mit Marta Martilde W. 
Geboren in Maslisch-Hammer , Kreis Trebnitz in Niederschlesien geb. 12.04.1930

Marta hatte 4 Geschwister, 3 Schwestern, sie hießen Lenchen, Gretel und Elisabeth und einen Bruder, der als Jugendlicher starb. Marta war die jüngste. Ihre Eltern betrieben Landwirtschaft und die Kinder mussten, sobald sie 14 waren, nach der Schule zuhause mithelfen.

Die ersten Anzeichen für eine bevorstehende Flucht
Am 18.01.1945 wurde Martas Vater in den Volkssturm eingezogen, dies war die letzte Reserve der  Deutschen. Ihr Bruder war schon längst in einem Soldatenlager.

Die Flucht beginnt
Zwei Tage später am 20.01.1945 begann die Flucht. Marta konnte nur mit ihrer Mutter und einer Schwester fliehen, da die anderen beiden Geschwister arbeiten waren. Sie zogen mit Pferd und Wagen los, auf dem sie Nahrung, Decken und weitere Gegenstände verstaut hatten. Der erste Weg war in Richtung Dornberg im Sudetenland (heute Tschechoslowakei). Da waren sie in Schulen oder Gasthöfen untergebracht. Dort sind die anderen zwei Geschwister wieder zu ihnen gestoßen. Martas Bruder wurde wegen Tuberkulose aus dem Soldatenlager entlassen. Von dem eigentlichen Krieg hat sie nicht viel mitbekommen, da sie immer vor „ihm“ geflüchtet waren. „Er“ war immer hinter ihnen. Die Familie blieb von März bis Mai 1945 im Sudetenland, ist aber dort immer in andere Dörfer gezogen.
Dann wurden sie von den Tschechen ausgewiesen, es wurde keine Gewalt angewandt und sie wurden auch nicht schikaniert. Jedoch wurden Marta und ihrer Familie Pferd und Wagen weggenommen. Sie mussten zu Fuß zurück in ihre Heimat nach Trebnitz.

Wieder zuhause
Am 30.05.1945 kamen sie wieder in Trebnitz an. Die Zerstörung hatte Marta noch nicht so wahrgenommen. Sie hat diese auch nicht für schlimm empfunden. Ihr Haus stand noch, war aber den Plünderungen der Russen zum Opfer gefallen. Alle Möbel und Tiere waren weg und die Scheunen waren leer.
Die Russen ernteten mit Hilfe Martas und ihrer Geschwister die Felder ab. Als Gegenleistung bekamen sie Nahrungsmittel.
Später wurden Polen in den Dörfern angesiedelt und Marta arbeitete bei ihnen ab August 1945, genau wie ihre Schwestern und ihre Mutter. Ihr Bruder war mittlerweile an Tuberkulose gestorben.

Ganz allein
Im November 1945 hieß es plötzlich, dass alle Deutschen ausgewiesen werden und Marta musste ganz alleine fliehen. Sie fuhr mit dem Zug nach Forst in der Lausitz bis zur Grenze, welche die Neiße (Fluss )war. Sie kam nach Mecklenburg (Kühlungsborn) in ein Lager. Sie war damals 15 Jahre alt.
Dort wurde sie zu einem Krämer zur Arbeit zugeteilt von den so genannten Kommandanten. Sie verdiente jetzt Geld, ca. 15 Mark im Monat. Sie erhielt kein Lebenszeichen von ihrer Familie.

Dann, Ende April 1946 machte Marta sich auf den Weg nach Berlin. Sie hatte die Adresse ihres Onkels im Kopf. Sie kam auch ohne Probleme dort an.
Der Onkel hatte Post von ihrer Mutter erhalten, es stand darin, dass sie noch in Schlesien sei. Nachdem Marta dies gelesen hatte, wollte sie auch wieder nach Schlesien.
Mit der Bahn kam sie bis zur deutsch- polnischen Grenze, wo sie aber nicht hinüber konnte, weil sie keinen Passierschein bekam. Marta erreichte den Bürgermeister. Er gab ihr Arbeit auf einem Gut. Dort arbeitete sie von Mai bis September 1946.                                                      Durch einen Brief erfuhr sie, dass ihre Geschwister und ihre Mutter mittlerweile in Hamburg waren.

Wieder vereint
Im Dezember 1946 machte auch sie sich auf den Weg nach Hamburg. Marta kam mit ihrer Familie in eine Baracke. Alle arbeiteten in einer Jute- Fabrik. Es gab damals immer noch Lebensmittelkarten und die Nahrung war sehr knapp. Nebenbei stellten Gretel und Elisabeth Schuhe her, um sie gegen Nahrungsmittel einzutauschen. Dadurch kamen sie im März 1947 nach Vierlanden zu einem Bauern. Dort arbeiteten sie und wohnten in einem kleinen Haus. Die Familie blieb in den Vierlanden. Martas Vater starb im Krieg.