Dieser Eintrag stammt von Arne Schiemann (* 1984) aus Hamburg.  


Meine Zeit nach dem Krieg in Hamburg
Ergebnisse eines Interviews mit Herrn M.

Nach dem Krieg war ich als Kriegsgefangener bei den Engländern. Ich war Luftwaffensoldat gewesen und kam aus Oberschlesien. Als die Engländer im Gefangenenlager nach Freiwilligen für Arbeiten in Hamburg suchten, meldete ich mich, da ich meine Chance sah, in Hamburg zu studieren. So kam ich dann als Ex-Luftwaffensoldat in die Stuhlrohrfabrik nach Hamburg-Bergedorf. Hier arbeitete ich in der Kantine, die ein Stück weit entfernt lag.
Während des Krieges hatte die Stahlrohrfabrik als Depot für Ausrüstungsgegenstände für Flugzeuge gedient. Diese Waren wurden nun unter den Siegermächten verteilt. Hierbei wurden alle Gegenstände ausgepackt und von den Engländern sortiert und den Siegermächten zugeordnet. Was nicht an die Siegermächte ging, wurde verbrannt - ein Jammer, wie viele von uns dachten, da an solchen Gegenständen wie Linealen und ähnlichem, ein Mangel herrschte.
Auffallend war, wie mit den Gegenständen umgegangen wurde: Waren für die Engländer wurden behutsam angefasst und verpackt. Die Gegenstände der Belgier beispielsweise wurden aus der Luke aus mehreren Metern Höhe geworfen. Zu diesen Waren zählten auch wertvolle Röhrengeräte. Aber das interessierte die Engländer nicht. Schließlich waren es ja nicht ihre Waren! Aus einigen der Gegenstände, die nicht verteilt wurden, wie zum Beispiel Plexiglasscheiben, stellten einige der Arbeiter Kunstgegenstände her.

1946 gab es eine Zuzugssperre für "Nichthamburger", die nach Hamburg ziehen wollten. Verständlich, da doch der größte Teil der Wohnungen zerstört war.
Nichthamburger, zu denen ich seinerzeit gehörte,  konnten sich von der Zuzugssperre befreien, wenn sie sich verpflichteten in einem "Mangelberuf" zu arbeiten. Nur dann bekam man die Lebensmittelkarten.

Als ich mich im November 1946 nach der Entlassung von einer englischen Arbeitseinheit bei der Disarmament and Disposalgroup der Royal Air Force beim Arbeitsamt meldete, fragte der Sachbearbeiter mich, was ich denn arbeiten könne. Meine Antwort: "Als Abiturient habe ich noch keinen Beruf und möchte studieren". Daraufhin klärte der Sachbearbeiter mich sehr bestimmt auf: "Wir müssen erst Hamburg aufbauen." Die Kapazität der Uni sei noch nicht 100%ig und reiche nicht einmal für die jungen Hamburger aus. Wenn ich in Hamburg die Zuzugsberechtigung haben möchte, müsste ich in einem "Mangelberuf" arbeiten. Das waren die Bau- und die Land- und Forstwirtschaft.
Ich wollte eigentlich Elektrotechnik studieren und fragte, ob es denn keinen technischen Beruf gäbe, in dem ich arbeiten könnte. Er meinte nur: "Einen technischen Beruf kannst du dir ja später suchen."
Im November war für die Bau- und die Landwirtschaft Frostpause angesagt. Also vermittelte er mich in die Forstwirtschaft.
Am folgenden Montag stand ich um 6.30 Uhr an der heutigen Kreuzung Am Brink/Wentorfer Straße. Ein offener engl. Armee-Lkw brachte uns nach Wotersen in den Hirschpark. (Das Schloss wurde durch die Fernsehserie Schloss Guldenburg bekannt.) Hier begann die Karriere als Holzfäller.
Die letzten Mitarbeiter in der Holzfäller-Firma erhielten das "letzte Werkzeug": stumpfe Axt und Handkerbsäge. Wir mussten Bäume für die engl. Besatzungsmacht fällen. Graf Bernsdorff ließ verständlicherweise nur das minderwertige Holz fällen, also Bäume bis 30 cm Durchmesser. Wir stapelten das Holz zum Schichtende in Meterstapel auf. Bezahlt wurde nach gestapelten Raummetern. Von dem relativ kargen Lohn habe ich mir die Axt und die Säge von einem aufsichtführenden Waldarbeiter schärfen lassen.
Wenn wir zum Monatsende die mit der Besatzungsmacht vereinbarte Menge nicht erreichten, haben die Waldarbeiter eine der riesigen, uralten Buchen gefällt.
Nebenbei habe ich mich um eine Arbeitsstelle in einem technischen Beruf bemüht, der ebenfalls als "Mangelberuf" anerkannt wurde, und bin in einen Elektromaschinenbau-Betrieb gewechselt.