Dieser Eintrag stammt von Katrin Laqua -
Bearbeitung: Dr. Reinhold Bengelsdorf

Ergebnisse eines Interviews mit Eberhard Möller, geb. 1929 in Lüneburg

Auf Radfahrt - das Reisen kam später

1946 waren die deutschen Straßen noch ziemlich leer. Sie gehörten uns Radfahrern, und davon gab es viele. Jeder wollte aufatmen und die frische Luft genießen und wohl auch sehen, was - trotz der vielen Zerstörungen - in Deutschland doch noch stehen geblieben war.

Unter uns Radfahrern herrschte große Kameradschaft. Wenn sich unsere Wege kreuzten, wünschten wir uns immer "Gute Fahrt"!

Zwei Arbeitskollegen und ich begannen mit Wochenendfahrten. Zum Essen oder gar zum Übernachten irgendwo einzukehren, war damals noch nicht möglich. Also luden wir Zelt, Lebensmittel und Kochgeräte auf unsere Fahrräder, die dann wir richtige Packesel aussahen.

Im Juli 1948 gingen wir das erste Mal auf Großfahrt, wie wir damals sagten. Mit unseren bepackten Rädern ging es vorbei am Steinhuder Meer bis in den Harz hinein - selbstverständlich ohne Gangschaltung. Wir konnten froh sein, dass wir funktionsfähige und stabile Fahrräder hatten.

Über uns hörten und sahen wir die Transportflugzeuge auf ihrem Weg zur Versorgung der Berliner Bevölkerung. Von Ende Juni 1948 bis in den Mai 1949 hinein hatten die Sowjets alle Zufahrtswege nach West-Berlin blockiert. Deshalb mussten die West- Berliner mit Essen und Trinken und z. B. auch mit Kohle aus der Luft versorgt werden.

Als wir vor ein paar Jahren als Pimpfe des Deutschen Jungvolks an der Ilmenau zelteten, hatten wir die großen Flugzeuge wie Mücken am Himmel kaum ausmachen können. Die dunklen Motorengeräusche waren dagegen nicht zu überhören. Damals trugen die Flugzeuge Bomben als tödliche Fracht.

Im Sommer 1949 zog es einen Kameraden und mich - wieder mit vollgepackten Fahrrädern - auf eine noch größere Fahrt. Sie führte uns hinunter bis an den Alpenrand, wo wir das Schloss Hohenschwangau besichtigten. Immer wieder legten wir bei Burgen und auch vor Kirchen einen Stopp ein. Wir wunderten uns, waren zugleich aber auch erfreut darüber, wie viel Sehenswürdigkeiten trotz der insgesamt großen Zerstörungen stehen geblieben waren. Mit Grauen denke ich auch heute noch an eine Straße durch die Stadtmitte von Würzburg, die von Bulldozern durch den Trümmerschutt gebahnt worden war.

Im Juli 1959 hatte ich meinen Drahtesel im Stall gelassen und mich an einer Busfahrt an den Rhein beteiligt, die von unserem Deutschlehrer an der Abendschule organisiert worden war. Das Interesse unter uns jungen Leuten war so groß, dass der Bus bis auf den letzten Platz besetzt wurde.

Sein hohes Alter sah man dem Bus durchaus an. Er war ein Kriegsveteran. Immer wieder musste er vom Fahrer repariert werden. In Wiesbaden wurde gar der gesamte Motor ausgewechselt. Manchen Umweg mussten wir fahren, weil mehrere Brücken noch nicht wieder in Stand gesetzt worden waren.

Wir übernachteten in Zelten. Nur einmal stellte uns ein Winzer seine Scheune zur Verfügung. Zelte und Gepäck waren in einem kleinen Anhänger verstaut, der uns einmal verloren ging. Mit vereinten Kräften mussten wir ihn einen Abhang wieder hochziehen.

Nach einer solchen Reise würden viele Leute heutzutage ihr Geld zurückverlangen. Wir aber hatten damals während der gesamten Reise gute Laune und kamen gut informiert und auch gut erholt wieder zurück.