Dieser Eintrag stammt von Christina Lipka

Das Leben in Gefangenschaft

Interview mit Günther Haase

Günter Haase, Unteroffizier unter Rommel im deutschen Afrikakorps, wurde 1945 von den Jugoslawen, die auf der Seite der UdSSR waren, in Triest für vier Jahre gefangen genommen.„Es war 1945 im Frühsommer. 

Ich hatte zum zweiten Mal Urlaub in Deutschland bei meiner Familie und wurde gleich danach wieder in Italien stationiert, wo ich auch vor dem Urlaub war.

„ Die Urlaube dauerten etwa einen Monat. Während des Krieges war ich schon für zwei Jahre in Afrika als Unteroffizier, dann für ein halbes Jahr in Italien, genauer gesagt in Sizilien. Später dann auch in Neapel und Rom.

 

 

 

 

 

Der Gefangenenausweis 

Nach dem zweiten Urlaub wurde unsere Truppe wie schon gesagt wieder nach geholt. Zuerst Venedig und dann Triest.

Am 8. Mai, nach dem schon eigentlichen Ende des 2. Weltkrieges, kamen uns auf einmal 2 Fronten in weiter Ferne entgegen – die Alliierten. Wir bemerkten kurze Zeit später, dass auch von der gegenüberliegenden Seite eine Masse Soldaten auf uns zukamen.
 Auf der einen Seite die Amerikaner und die Briten, auf der anderen Seite die Russen und die Jugoslawen. Wir bekamen den Befehl , bis auf den letzten Mann abzuwehren. Wer zurückblieb wurde erschossen. Wir lagen in den Schützengräben und sahen die Front immer näher heranrücken. Sie kam näher als je zuvor. Ein Hauptmann sprang vor mir auf und rief aus: „Sprung auf, marsch, marsch!“

Ich als Unteroffizier, der noch seinen Verstand behalten hatte, blieb liegen und wollte die anderen nachfolgenden jüngeren Kameraden schützen und rief ihnen zu, liegen zu bleiben. Hinter uns unsere Truppe, vor uns die immer näher rückenden Alliierten. Unser Hauptmann wurde erwischt, er wurde gleich nachdem er hochsprang, erschossen.  Wir anderen wurden von den Jugoslawen gefangen genommen und mussten als Fußtrupp in ein Gefangenenlager bei Triest in Jugoslawien abmarschieren.
Immerhin hatten wir noch unser Leben. Doch dort im Gefangenenlager erschien es mir alles andere als Leben. Mehr als die Hälfte starb dort. Wenn 80.000 reinkamen, kamen 40.000 wieder raus, und das in einem erbärmlichen Zustand. 

Meine ersten Eindrücke im Lager galten den Kommunistischen Kommandanten, denen wir unsere sauberen Uniformen abliefern mussten, um total verlauste Kleidung zu bekommen. Mich hat man als „Saboteur“ bezeichnet, weil ich meine Schuhe aufgeschnitten hatte, um sie behalten zu können. So hatte ich wenigstens Schuhe, denn den meisten wurden sie weggenommen. Wir mussten eigentlich alles abgeben. So bekam also ein Dolmetscher, da er ein Wörterbuch unter dem Arm trug, den Genickschuss. Ein Organist wurde erschossen, weil er seine Notenbücher nicht tragen konnte, ein anderer, da er seine Armbanduhr nicht abgegeben hatte.

Mein Essgeschirr ging mir schon in der zweiten Woche verloren, was bedeutete, dass ich die geringe Menge Suppe mit einem Deckel empfangen musste. Tag ein, Tag aus gab es als Hauptmahlzeit „Kukuruz-Brot“ (Maisbrot), was mein Magen auf die Dauer nicht vertrug. Dementsprechend magerte ich bald ab und wurde magenkrank.
Den wahren Kommunismus lernte ich bei einer ganz bestimmten Begebenheit kennen. Ich hatte zwei Äpfel bekommen und dazu gab mir ein anderer Kamerad ein Stück Zwieback, da ich für ihn auch etwas Gutes tun konnte. Als die Lagervorsteherin dies sah, riss sie mir die Güter grob aus den Händen mit den einprägsamen Worten: „Sehen Sie mal, das ist Kommunismus!“ Und sie aß alles auf. 
Während meiner Gefangenschaft in Jugoslawien lief mir ein kleiner abgemagerter Mischlingshund zu, der meine geringen Essensportionen mit mir teilte und mir der treueste Kamerad wurde, den ich zum Ärger der Kameraden, die um ihre Ruhe fürchteten.
Als er dann sauber und gepflegt war, freuten sie sich doch über ihn.

Nach den ersten zwei Jahren Gefangenschaft, in denen es mir ziemlich schlecht ging, aber wohl besser als vielen in russischer Gefangenschaft, konnte ich Kontakt mit gläubigen Jugoslawen, die sich in der Nähe versammelten aufnehmen. Durch sie lernte ich die kyrillische Sprache. Noch Jahre später, als ich schon in Deutschland war, korrespondierte ich mit ihnen.
 Ich hatte sie wirklich zu schätzen gelernt.

Im dritten Jahr wurde von der Lagerverwaltung gefragt, wer backen konnte. Ich meldete  mich sofort, da ich vor dem Krieg gelernter Bäcker war. Dadurch hatte ich reichlicher zu essen und kam wieder zu Kräften.

Einige Gutsbesitzer in der Nähe des Lagers fingen damit an, uns als Arbeitskräfte zu nehmen, was mir seelisch sehr gut tat. Es war eine Abwechslung aus diesem grauen Alltag. Ich durfte zwei blinde Pferde und zehn Kühe hüten. Ich empfand dies wirklich als Freundlichkeit, da ich vorher im Krieg und in der Gefangenschaft schon so viel Grausames gesehen hatte. 
Was mich angenehm berührte, war, dass ich einmal nach der Arbeit auf dem Heuwagen des Gutsbesitzers mitgenommen wurde. 
Außerdem hielt er, ohne mit mir zu sprechen, unter einem Maulbeerbaum, nur damit ich mich satt essen konnte. 

In der zweiten Hälfte der Gefangenschaft ist mir viel Gutes widerfahren, trotzdem hatte ich die ganze Zeit über großes Heimweh.Von all den Veränderungen und Umwälzungen in Deutschland bekam ich natürlich nichts mit, denn ich konnte erst am 03.01. 1949  nach Hause fahren. Ich bekam also meine Bescheinigung für die Entlassung und dazu Trockenverpflegung für drei Tage.


Die Bescheinigung für die Entlassung aus der Gefangenschaft

Auf meiner Reise wurde ich am 07.01. noch einmal in einem Auffanglager in Pirna ärztlich untersucht, entlaust, entwest und 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Nachdem sie festgestellt hatten, dass ich gesund war, konnte ich mich weiter auf meine Reise nach Falkensee in Berlin machen. 
Ich bekam wieder einmal Trockenverpflegung für drei Tage. Angekommen in Falkensee bekam ich zusätzlich von der deutschen Verwaltung des Innern in der sowjetischen Besatzungszone eine Heimkehrerunterstützung für zehn Tage.

 Bescheinigung für die Anwesenheit im Auffanglager  in Pirna

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