Dieser Eintrag stammt von Dennis Sterzer

Die Kommandantur

Die Befragte, Frau Scheidt, ist am 19. Juni 1928 in dem Wolgadeutschen Gebiet, in einem Dorf Namens Herzog geboren. Über ihre frühen Kinderjahre konnte sie nicht viel berichten, "normale Kindheit wie auch bei allen anderen"( sagte sie ). Aber an eins kann sie sich noch ziemlich gut erinnern, nämlich an den 28. August 1941. 

Auf einmal fingen ihre Eltern an alle Sachen zu packen und sagten andauernd, dass sie nur 24 Stunden haben um zu verschwinden. Denn an dem Tag beschloss Stalin die Kommandantur für alle Deutschrussen, die in ganz Russland lebten, geltend zu machen. 

"Ab da hat sich alles geändert"( Frau Scheidt ).
Die Familie Frank ( ihr Mädchenname ) wurden mit dem Zug nach Sibirien, in das Gebiet Novosibirsk gebracht. 1948 zog die Familie Frank in das Kemerovische Gebiet um.
Die Leute ( Deutschrussen ) litten sehr unter der Kommandantur, man kann sagen: Sie waren in ihrer Stadt bzw. Dorf eingesperrt. "Es war so wie ein Gefängnis" ( sagt Frau Scheidt empört ). Jeden Monat mussten sich die Leute bei der jeweiligen Polizeidienststelle abmelden, denn tat man es nicht, kriegte man hohe Geldstrafen. Die Häuser waren klein, und geheizt wurde mit Holz und Kohle. Strom war zwar vorhanden, aber der fiel oft aus. Daher wurde meist mit Kerosinlampen beleuchtet.

Im April 1949 arbeitete Frau Scheidt als Bergarbeiterin in dem Kohlewerk in der Stadt. Die Bedingungen waren sehr hart, in siebenhundert Metern unter der Erde arbeiteten Frauen genau so hart wie Männer. Die Sicherheitsbedingungen waren sehr schlecht, oft wurden Menschen von Steinmassen zugeschüttet. 

Für diese harte Arbeit bekam Mann und Frau nur 418 Rubel ( Preisvergleich: 1 Liter Milch kostete 20 Rubel ). Die Tierzucht war sehr wichtig um zu überleben, denn vom Gehalt könnte man sich Fleisch, Fisch und Milch nicht leisten. 
"Ohne unsere Tiere würden wir nicht überleben" ( Frau Scheidt). 

Viele Deutschrussen und deren Kinder wurden oft von den Russen geschlagen. Man hasste sie, weil sie zum Teil Deutsche waren und nannte sie Faschisten. 1951 bekam Frau Scheidt ihr erstes Kind, was aber mit fünf Monaten starb. In den nächsten 3 Jahren bekam sie 3 Kinder.

Ihr typischer Tagesablauf begann damit, dass sie um fünf Uhr aufstehen und um sechs Uhr im Kohlewerk sein musste. Dann wurde sechs Stunden hart gearbeitet. Dann musste sie auf ihre Kinder aufpassen, denn Kindergärten gab es nicht. 
Für Politik haben sich kaum welche interessiert oder besser gesagt: Man konnte sich nicht interessieren, da es keine Informationsmittel ( z.B. Radio ) gab. Sie hatte 1953 schon erfahren, dass Stalin gestorben war, aber sonst versuchte man einfach sein Leben, ohne Perspektive, zu leben.

Im Februar 1956 war es endlich soweit, die Deutschrussen wurden von der Kommandantur Stalins befreit. "Wir wurden zwar immer noch gehasst, aber jetzt konnten wir endlich wieder wegziehen"( Frau Scheidt ). 

Man suchte sich dann Städte, bei denen man wusste, dass da schon deutschrussische Familien leben, um nicht allein gegen den Hass der Russen zu stehen.

Erläuterungen zu diesem Bericht

und

siehe auch