Dieser Eintrag stammt von Dilek Ayanoglu (* 1983) aus Hamburg

Der Hunger in der Nachkriegszeit
Interview mit Frau Zeyer

"Heutzutage würde jeder gerne ein paar Pfunde weniger auf den Rippen haben. Doch wenn der Hunger mal einen packt, dann braucht man keine Angst zu haben, vor Hunger zu sterben."

Was ist aber, wenn man nun doch nichts bekommt?

In der Nachkriegszeit war der Hunger das größte Problem. Kurz nach Kriegsende wurde die Ernährungslage immer kritischer. In den Wochen nach der Kapitulation brach die staatliche Lebensmittelversorgung komplett zusammen. Jeder war nun auf seine Vorräte angewiesen. Wer welche hatte, konnte davon aber  nicht lange profitieren. Denn die Vorräte wurden in den Ballungsgebieten schnell verbraucht.

Der Zuteilungsdurchschnitt war während der Endphase des Krieges bei 1500 Kalorien, doch er sank  pro Tag extrem herunter. Die Menschen nahmen nun nur um die 700 Kalorien zu sich.

Mit der Ernte im Herbst 1945 entspannte sich die Lage, aber nur so, dass die Rationen auf etwa 1500 bis 1700 Kalorien gesteigert werden konnten. Hilfsorganisationen halfen, mit Lebensmittelsendungen die schlimmste Not zu lindern.

Bis Dezember 1946 wurden die Menschen versorgt. Es ging ihnen zwar nicht besonders gut, aber sie bekamen so viel zu essen, um gerade noch zu überleben.

Im Dezember 1946 begann der kälteste Winter in Mitteleuropa. Eis und Schnee legten den Verkehr zu Wasser und zu Lande lahm. Kartoffellieferungen aus dem Ruhrgebiet kamen gefroren an. Die Getreidelieferungen aus den USA lagen in den Häfen fest.

Die Lebensmittelreserven sanken rapide, teilweise bis auf den Bestand für nur noch 3 Tage. Vier Monate Hunger, Trauer und Leid ertrugen die Opfer der Nachkriegszeit. Dann endete der schlimmste Winter. Doch alle Vorräte waren aufgebraucht und die Hilfslieferungen der Alliierten blieben weiterhin hinter den Erwartungen zurück.

Anfang April 1947 wurden große Hungerdemonstrationen und Streiks veranstaltet. Im Mai 1947 versammelten sich über 100 000 Menschen an einer Protestkundgebung in Hamburg, andere Städte und Regionen folgten. Im Jahr 1947 war die Ernährungslage am kritischsten in der ganzen Nachkriegszeit. Erst im Juli entspannte sich die Lage.

Frau Zeyer  schildert ihre Zeit des Hungers:
"Wenn man damals geklaut hat, dann waren wir uns bzw. war man sich keiner Schuld bewusst. Weil uns nichts anderes übrig blieb, um zu überleben.

Wir bekamen zwar regelmäßig einen Berechtigungsschein für Fleisch, Fett, Brot und Nahrungsmittel. Diesen Schein bekamen wir vom Ernährungsamt kostenlos. Anders kam man nicht an Nahrungsmittel heran. Eine andere Alternative war das Betteln beim Bauern. Aber die hatten auch nicht gerade Lebensmittel im Überfluss, die sie verschenken konnten. Immer wenn unsere Lebensmittel fast aufgebraucht waren, mischten wir uns immer mit dem, was wir hatten, etwas zurecht. Die Hauptsache war, überhaupt etwas zu essen zu haben!

Wer diesen Schein zu schnell verbraucht oder verloren hatte, der musste dann alleine zurechtkommen bis man den nächsten erhielt.

Es kam oft vor, dass wir mit den Nachbarn untereinander Lebensmittel ausgetauscht hatten. Zum Beispiel: Falls man mal kein Öl mehr hatte und welches brauchte, sammelten wir Bucheckern und tauschten sie gegen Öl aus.

Wir kochten uns aus Zuckerrüben zum Beispiel Rübensaft.

Töpfe, in denen wir gekocht hatten, wurden genauso auch zum Wäschewaschen genutzt. Heute haben wir für unsere Wäsche eine Waschmaschine, für unser Geschirr eine Spülmaschine…Damals benutzte man einen Topf für alles. Kleidungsstücke bekamen wir aus einer Kleiderkammer. Diese Kleider kamen aus den Inhalten der Koffer, die bei der Flucht oder Vertreibung am Bahnhof vergessen wurden. Man durfte einmal hingehen und sich etwas aussuchen. Ich hatte mir mal ein Kleid ausgesucht und eine Woche später kam eine ältere Dame und meinte,  das sei ihr Kleid. Ich fand das nicht sehr witzig. Aber die Dame wollte ihr Kleid nicht zurück. 

In die Schule sind wir überwiegend wegen der C.A.R.E.- Pakete hingegangen. Die C.A.R.E. Pakete kamen aus den USA und waren sehr wertvoll. In diesen Paketen war alles drin, sogar Süßigkeiten! In der Schule bekamen wir regelmäßig etwas zu essen. Das hat manch einem das Leben gerettet. Wir gingen deswegen auch "gerne" zur Schule.

Zu Hause war das ja anders. Wir wohnten mit ca. 15 Personen in einer sehr kleinen Wohnung zusammen. Wir mussten uns ein WC teilen und es gab kein Badezimmer. Wir haben uns immer in der Küche gewaschen. Im Winter wurde nur die Küche beheizt. Wir saßen dann immer mit 15 Personen in der warmen Küche. Und dabei  kann man sich wohl ein Bild von der Hygiene machen. Man erkrankte sehr schnell. Die ärztliche Versorgung war zwar da, aber im Vergleich zu heute konnten die Ärzte einem nicht sehr oft helfen.

Ich habe viele Gewohnheiten aus dieser Zeit. Wie zum Beispiel: Essen werfe ich nicht weg. Es ist mir einfach zu schade und erinnert mich an diese schlimme Zeit. Ich beurteile die Menschen auch sehr vorsichtig. Menschen, die aus Not stehlen, mit denen habe ich Mitgefühl. Ich spende sehr viel an arme Kinder. Ich versuche, Menschen zu helfen, die so etwas ähnliches durchmachen, damit sie  das, was ich durchgemacht habe, nicht  erleiden müssen. Damals konnte man nicht anders. Wir waren hilflos. Aber heute kann man was dagegen tun. Man muss nicht leiden!"

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