Dieser Eintrag stammt von Eileen Hanisch

Die persönlichen Erlebnisse einer Krankenschwester in der Nachkriegszeit 

Helga Vick war 1945 Krankenschwester im St. Georg Krankenhaus in Billbrok (Hamburg). Sie war zu der Zeit 21 Jahre alt. 
Als der Krieg zu Ende war, kam die Oberschwester zu ihr und sagte, dass sie 2 Jahre keinen Urlaub mehr gehabt hätte und ihn jetzt doch verdient hätte.

Sie war gerade mal 2 Tage zu Hause, da kam der "Engländer" an die Tür und es hieß, sie müsse kranke Leute pflegen. Am nächsten Morgen ging sie zum Marktplatz. Da stand ein LKW bereit. Alle Krankenschwestern mussten mitfahren, ohne überhaupt zu wissen wohin.

Und wo landeten sie? In Bergen Belsen! Im ehemaligem KZ!. 
Sie kamen an und wurden vom englischen Kommandanten mit dem folgendem Satz begrüßt: "Was ihr hier seht, daran seid ihr schuld!"
Die Schwestern kamen in eine Panzerkaserne, dort gab es keine Betten, es gab gar nichts. Alle mussten Betten auf den Dachboden schleppen und jeden Tag kamen KZ`ler aus allen KZs Deutschlands. Sie lagen auf Wolldecken auf dem Boden, da wo im Block 300 Leute liegen konnten, lagen plötzlich 500, einer tot einer darüber! Die KZ´ler waren hauptsächlich typhuskrank und vollkommen verlaust.

Nach einer Zeit fingen die Schwestern an, die Kranken zu pflegen.
Die KZ´ler kamen auf LKW´s in die Kaserne. Diejenigen, die noch halbwegs laufen konnten, haben die Schwestern gleich nach ein bisschen Kleidung gefragt oder wenigstens nach einer Schürze, weil sie ja vollkommen nackt waren und nichts hatten.

Zu essen gab es für die Schwestern nur Milchsuppe und Würstchen.
Am 5. Tag wollten sich Helga und ihre Freundinnen mal waschen gehen (wegen der Kranken, die sie versorgen mussten). Also sind sie vorne zum Tor gegangen und fragten, ob sie morgen noch einmal um 5 Uhr morgens wiederkommen könnten, um sich zu waschen.
Der Engländer stimmte zu!

Daraufhin gingen sie am nächsten morgen in ein Schwimmbad, was dort direkt lag. Doch als sie rein kamen lag alles voller Leichen, in dem Becken, in den Kabinen und in den Duschen stapelten sich nur so die Opfer (wahrscheinlich vergast, befragte Person wollte nicht weiter auf das Thema eingehen, ihr standen die Tränen in den Augen).

Die Engländer machten den Fehler, dass sie den KZ´lern Tonnenweise Kornetbeef hin- stellten, daran sind sie dann gestorben. Weil sie ja nicht mehr gewohnt waren, so etwas zu essen. 

Helga fing das Essen mit Schokoriegeln und Müsli an. Nach und nach bekamen die Schwestern Wolldecken und Betten.

Dann nach einiger Zeit bekam Helga auch Typhus. Sie musste in ein Einzelzimmer und durfte niemals raus. Die anderen Krankenschwestern haben ihr alle Sachen gestohlen. Nach 5 Wochen wurde sie wieder gesund.
Die KZ´ler, die die Schwestern "durchgekriegt" haben, kamen nach Schweden, das waren nicht grad sehr viele, und wurden dort ganz gesund gepflegt (es waren Juden). 

Dann nach ein paar Tagen kamen 5000 tuberkulosekranke Russen, die im Bergwerk gearbeitet hatten. Also mussten die Krankenschwestern jetzt bei den Russen arbeiten. Helga musste am ersten Abend nicht arbeiten (sie wusste auch nicht mehr genau warum). Eine Schwester kam am ersten Tag gleich vergewaltigt zurück. Daraufhin wollte Helga nicht bei den Russen arbeiten. 

In der Nähe gab es eine Zahnstation, sie ging dort hin und ließ sich freiwillig alle Weisheitszähne ziehen. Nur um nicht bei den Russen zu arbeiten. Und was macht der Arzt, er bricht ihr alle vier Zähne ab! Deshalb musste sie noch einmal ins Lazarett, weil das nicht so einfach mit den Zähnen war. Aber so musste sie nicht zu den Russen.

Als als sie wieder gesund war, ist sie mit einer Freundin ausgebrochen. Sie wurden erwischt und kamen in ein anderes Lager, dort sind sie jedoch wieder ausgebrochen. Dann kamen sie nach Hamburg auf einer Fähre, versteckt zwischen Papierrollen. So sind sie über die Elbe gekommen. In Hamburg wurden sie schon gesucht.

Nachdem sie zu Hause angekommen war, hat sie sich sofort im Krankenhaus gemeldet. Die Oberin wollte ein gutes Wort für sie einlegen, dann könne sie auch wieder im Krankenhaus arbeiten. Daraufhin kam sie auf die Frauenkrebsstation.

Auf der Frauenkrebsstation fand sie das Leiden so schrecklich, dass sie nervlich vollkommen am Ende war, sie hatte am Abend nur noch geweint und konnte nicht mehr. Sie wollte auf eine andere Station versetzt werden. Dies wurde abgelehnt. Sie sei so tüchtig und sie wollten sie bezahlen. Daraufhin kündigte sie.

Helga lebte zu dieser Zeit in einer kleinen Wohnung mit ihrer ganzen Familie. Mit ihrem Vater ihrer Mutter, ihren zwei Schwestern und ihrer Großmutter. Sie sagte alle Menschen waren hungrig nach Tanz, Kino, Theater, Ausgehen usw. Im Krieg konnte man diese Dinge ja alle nicht tun. Sie hatte Nachholbedarf. Sie ging fast jeden Abend zum Tanzen oder wo anders hin. 
Dann erzählte sie, es gab auch noch den Schwarzmarkt und Tauschgeschäfte. Man tauschte jegliche Sachen ein. 

Einmal, erzählte sie, hatte sie sich ein Paar Perlonstrümpfe für ca. 60 Reichsmarkt gekauft. Und als sie, sie am ersten Abend an hatte, bekam sie sofort eine Laufmasche. 

Da Helga im Krankenhaus gekündigt hatte, arbeitete sie in einem kleinen Laden. Und manchmal kamen Engländer zu der Besitzerin, und sie verschwanden auf den Dachboden. Helga war so neugierig, was sie da oben trieben, dass sie sich eines Tages hochschlich und nachguckte. Dort standen Dutzende Kartons, voll mit Zigaretten. Die Besitzerin musste den Engländern regelmäßig Zigaretten geben. "Alles in allem", sagte sie, "hat sich jeder Mensch versucht ein neues Leben aufzubauen."

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