Dieser Eintrag stammt von Elina Foltz

Wirtschaftswunder


Frau I. F., Jahrgang 1931, aus Düsseldorf erzählte:

Nach langem Verzicht gab es endlich wieder einen Lichtblick. Mein Mann bekam eine feste Anstellung bei Jurid in Reinbek. Wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit fast 
2 Millionen Menschen ohne Beschäftigung waren. Denn die Wirtschaft litt immer noch unter den Nachwirkungen des Krieges. Außerdem war fast jeder fünfte Bundesdeutsche ein Flüchtling (ohne Wohnung, ohne Unterkunft und Essen). So war es für uns ein großes Geschenk und endlich ging es uns wieder besser. Man traute sich wieder etwas zu kaufen. Aufgrund unserer entspannten Lage wurden die ersten Anschaffungen gemacht.

Unsere 3 Kinder bekamen ein platzsparendes Schrankbett, da sie sich ein Zimmer teilen mussten, aber nicht mehr bei den Eltern im Schlafzimmer übernachten wollten (so wie es damals aus Platzgründen üblich war). Als dann noch der Fernseher ins Haus kam, das Typische „50er Jahre Design“ mit seinem runden, fließenden Formen, fand man sich regelmäßig am Abend vor dem Fernseher mit der Familie zusammen. Dort sah man z.B. die Weltmeisterschaft im Fußball, das 3:2 „Fußballwunder von Bern“ und so gewann sie die WM 1954. Es war für uns ein riesiges Ereignis und wurde mit einem selbst gemachten Himbeersaft am Nierentisch (Form einer Niere) gefeiert. 

Mein Mann sah aber auch regelmäßig die Nachrichten und hörte gebannt zu, wie unser damaliger Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) verkündete, dass die Bundesrepublik bald Teil der Nato sein werde (23. Oktober 1954). Die Kinder sahen „Sandmännchen“ im Fernsehen, auch dieses war ein Ereignis. Bald folgten auch noch andere Einrichtungsgegenstände, wie z.B. Musiktruhe, welche im Gehäuse Radio und Plattenspieler vereint hatte. Es war der Stolz meines Mannes. Er sagte immer, dass wir das Wirtschaftswunder Ludwig Erhard, dem Bundeswirtschaftsminister, zu verdanken haben. Dadurch, dass mein Mann 48. Std. vollbeschäftigt war, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Rentenreform und das Kindergeld hinzukam, waren wir endlich wieder gut abgesichert. So hatten wir den Mut, ein Haus zu bauen, das von der Firma meines Mannes bezuschusst wurde. Zu unserem damaligen Glück gehörte bald auch ein Auto, ein absoluter Luxus!

Es war der „Leukoplastbomber“. Diesen Spitznamen erhielt das Fahrzeug wegen seiner Karosserie. Statt aus lackiertem Stahlblech bestand sie aus einem Hartholzskelett, das Gerüst war mit Sperrholz verkleidet und schließlich mit Kunstleder bespannt.
In diesem kleinen Auto mit 2 Erwachsenen und 3 Kindern zu fahren, war damals ein absolutes Abenteuer. Zu dieser doch positiven Zeit (endlich kam es voran) kamen die ersten Taschenbücher auf den Markt (Rowohlt Verlag). Ich war eine Leseratte und konnte mir so günstig ein Taschenbuch kaufen: Es kostete im Gegensatz zu einem gebundenen Buch um die 1,50 DM. Auch war uns jetzt der Luxus gegönnt, ins Kino zu gehen und den ersten Nachkriegsfarbfilm „Schwarzwaldmädel“ anzusehen.

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