Dieser Eintrag stammt von Ellen Lotichius, geb. 1929

1949 als au-pair-Mädchen in England

Um es gleich vorweg zu sagen, den Begriff „au-pair-Mädchen“ gab es 1949 noch nicht. Ich wurde als „mother’s help“ engagiert.

Nach dem Abitur bekam ich über die Schule ein Angebot, für ein Jahr nach England als Haustochter zu gehen. Ich konnte ohnehin noch nicht studieren, weil meine ältere Schwester noch nicht fertig war und mein Vater die Studiengebühren für zwei nicht aufbringen konnte. Außerdem wurden die Studienplätze zunächst an die Spätheimkehrer aus dem Krieg vergeben.

So entschloss ich mich, nach England zu gehen, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen. Nun konnte man damals nicht einfach so nach England reisen. Ich bekam von „meiner“ englischen Familie eine Einladung und eine Arbeitserlaubnis zugeschickt und erhielt daraufhin von einer englischen Dienststelle, die sich im Deutschen Ring (gegenüber der Hamburger Musikhalle) befand, ein Einreisevisum. Natürlich musste ich auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Übrigens war an dem Tag, als ich das Visum abholen wollte, auf dem Karl-Muck-Platz eine englische Truppenparade aus Anlass des Geburtstags des englischen Königs. – Erste Eindrücke meines künftigen Aufenthaltslandes.

Am 9. Juni 1949 setzten mich meine Eltern in den Zug, der mich nach Hook van Holland bringen sollte, um vor dort mit der Fähre nach Harwich zu fahren. Der Abschied war nicht leicht. Zu unsicher was das Ganze. Man hatte noch nie von Mädchen gehört, die so etwas unternommen hatten, umso mehr von Mädchenhandel in London. Aber ganz so groß waren die Ängste meiner Eltern nicht, denn Mr. Brown – mein künftiger Brotherr – war zuvor als Gast von Bürgermeister Brauer in Hamburg gewesen und hatte uns kurz besucht. Von ihm hatte ich meine Fahrkarte bekommen. Geld hatte ich nicht bei mir. Die D-Mark – gerade ein Jahr alt – war noch nicht konvertierbar. So reiste ich mit etwas mulmigem Gefühl im Bauch nach England.

In London holte mich Mr. Brown vom Zug ab und wir fuhren weiter nach Guildford (Surrey), wo er mich in einen Bus setzte, weil er noch ins Büro musste. Nach 30 Minuten Fahrt war ich endlich am Ziel. Mrs. Brown und ihre beiden Söhne – Master Jonathan (8) und Master Andrew (5) – so wurden sie mir vorgestellt – empfingen mich am Bus.

Nun, es wurden 15 Monate bei Familie Brown, die ich in meinem Leben nicht missen möchte. Sie haben mich in besonderer Weise geprägt. Eine der ersten Fragen, die mir gestellt wurden, lautete: „Was your father a Nazi?“ Ich erklärte ihnen, dass mein Vater Mitglied der Hitler-Partei gewesen sei, weil er anderenfalls befürchten musste, seine Arbeit zu verlieren und er hatte 3 Kinder zu ernähren. Aber ich habe nie - weder von der Familie Brown noch von ihren Freunden – irgendwelche Ressentiments zu spüren bekommen. Im Gegenteil, verschiedene Freunde „meiner“ Familie baten mich, auch ihnen zu einem "german girl" zu verhelfen. Ich muss gestehen, dass ich mir anfangs vorkam wie in einem Film: Ich war umgeben von offensichtlichem Wohlstand, gepflegt und nicht verhärmt aussehenden, gut gekleideten Menschen, - dazu lebte ich in einem schönen alten Landhaus mit sehr großem, vom Gärtner gepflegten Garten. Ich selber kam mit vergleichsweise ärmlichem Gepäck aus dem zertrümmerten Hamburg, wo noch viel Not war. Dies hier war eine völlig andere Welt.

Ein Erlebnis möchte ich noch anfügen: Bei einem längeren Spaziergang mit dem 70jährigen Vater von Mrs. Brown unterhielten wir uns über Dichtung – Poetry. Er war nicht wenig erstaunt darüber, dass ich – ein jungen Mädchen aus Nazi-Deutschland – seine Liebe zu Wordsworth teilte und ihm nicht nur ein Gedicht von Wordsworth rezitieren konnte. Das hat ihn, wie man heute sagt, umgehauen.

Mein Kontakt zur Familie Brown besteht noch heute und es ist immer eine große Freude, besonders auch für „meine Jungs“, wenn wir uns mal wiedersehen.