Dieser Eintrag stammt von Esther Rux (* 1984)

Nachkriegszeit in Deutschland 1945 – 1949

Lilli P.,  Peter P. erlebten die Nachkriegszeit als Kinder in Deutschland.

Heute sind beide seit vielen Jahren miteinander verheiratet und leben gemeinsam in Hamburg. Den Krieg und die Zeit danach erlebten sie jeweils bei ihren Familien.

Lilli P. lebte mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter während des Krieges in Ostpreußen. Aufgrund der sich nähernden Front flüchteten sie Richtung Westen. In den letzen Monaten des Krieges kehrten die drei immer wieder nach Hause zurück, in der Hoffnung, der Krieg würde bald aus sein und sie könnten zu Hause bleiben.

Sie erinnert sich, dass die drei Frauen sich  am 10. März 1945, eine Woche nach ihrem neunten Geburtstag, in der Nacht nur mit dem Nötigsten wieder auf den Weg nach Westen machten. Sie flüchteten nach Niebüll in Schleswig-Holstein, wo sie auch die erste Zeit nach dem Krieg blieben.

Auch Peter P. erlebte das Kriegsende als kleiner Junge. Er war noch zwei Jahre jünger, erinnert sich aber auch noch an vieles aus seiner Kindheit. Er lebte auf einem Hof, etwas außerhalb von Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wuchs er mit zwei Brüdern in einer größeren Familie auf. Erst später, nach dem Krieg, kam er nach Hamburg.

Im Gegensatz zu Lilli P. bekam der ‚kleine Peter‘ vom Krieg nur wenig mit.

Vor dem Kriegsende habe er "vom Krieg kaum etwas gemerkt". Erst zum Kriegsende hin sah er die ersten Soldaten der "Roten Armee". Das erste woran er sich erinnerte, war, dass die Russen geklaut hatten (Hühner, Eier...).  Vorher war es auf dem Lande ziemlich ruhig, im Gegensatz zu meiner Lilli P., die in dichter bevölkerten Gegenden lebte. Sie bekam jede Nacht die Bombenangriffe mit. "Jede Nacht heulten die Sirenen und man holte mich mit in den Bunker. Während einer Flucht schliefen wir in einem Haus. Nach einem Fliegeralarm kehrten wir zurück, und das Haus war weg. ... dieses Heulen war das Schlimmste für mich als Kind, wie auch für meine Mutter. Nach dem Krieg zuckte ich nachts jedes Mal zusammen, wenn man etwas am Himmel hörte. Meine Mutter holte mich nachts voller Angst einmal aus dem Bett, weil draußen eine Katze jaulte. Sie dachte es wäre Fliegeralarm."

Wegen dieser Angst war das Wichtigste am 8.Mai, als sie die Nachricht über die Kapitulation im Radio hörte, dass die sich immer wiederholenden Angriffe der Bomber jetzt wirklich ein Ende hatten. Sie erinnert sich an den 8. Mai 1945:  "Es war mein Geburtstag. Der Geburtstag wurde natürlich nicht gefeiert. Aber als die Radiomeldung sich wie ein Lauffeuer verbreitete, wurde uns allen klar, dass es jetzt wirklich vorbei war. Für mich als Kind war nicht wichtig, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Für mich, aber auch für meine Mutter und Großmutter war es ein Freudentag. Es war ein Freudentag, auch wenn man nicht wusste was kommt. Auch wenn das Ende vorhersehbar war, konnte man es kaum glauben. Wir waren einfach nur glücklich."

In Niebüll, wo sie diesen Tag verlebten, waren auch die englischen Soldaten. Auch sie teilten die Freude mit ihnen. "...Sie hegten keinen Groll gegen uns, vor allem nicht gegen uns Kinder. Die Soldaten jubelten auf ihren Panzern,  winkten und wir winkten zurück. Einige verteilten an uns Kinder "Colaschokolade" in diesen runden Blechdosen."

Jetzt begann eine andere Zeit, die beide an unterschiedlichen Orten doch sehr ähnlich erlebten. Das Leben bekam einen anderen Alltag. Die Frage nach Essen musste jeden Tag neu geklärt werden. Ebenso die Frage nach der Kleidung.

Während Lilli P. mit ihrer Mutter und deren Mutter in einem kleinen Zimmer wohnte (vielleicht 10 m²), lebte Peter P. noch bis 1948 auf dem Hof.

Da es auf dem Hof Tiere gab, bzw. sie selber etwas anbauen konnten, hatten sie die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen. Aber auch dabei musste sehr sparsam vorgegangen werden.

"Wenn wir etwas Brot bekamen legte jeder seinen Arm darum, damit auch ja niemand jemanden einen Krümel klaute." Dies wurde nach 1948 noch härter, als er nach Hamburg kam: "Mein Vater war bereits in Hamburg. Wir durften ja nicht aus der sowjetischen Zone raus. Offiziell ließ man uns ja nicht ausreisen. Deswegen ‚schleuste‘ er mich und meine Brüder einzeln aus der SBZ hinaus und holte uns nach Hamburg. Dort wohnten wir dann in einer 2-Zimmer Wohnung mit vier Kindern und zwei Erwachsenen. Das Haus war damals das einzige in einem ganzen Block, das noch stand."

Das Essen, so erzählten beide, wurde hauptsächlich durch Tauschen besorgt. Lilli P`s. Mutter kam durch Beziehungen z.B. an Kartoffelschälmesser heran. "Diese tauschte sie dann bei manchen Bauern gegen Eier, Speck oder Äpfel ein. Einmal aß ich einige Äpfel hintereinander, bis mir schlecht wurde, weil mein Magen sich nicht an all das Essen gewöhnen konnte. Aber wenn man was hatte, aß man es auch." Ansonsten wurde "schwarz" geschlachtet, um an Fleisch zu gelangen.

Es wurde auch geklaut, wie z.B.  Kohlen. (Peter P.): "Nachts ging mein Vater mit mehreren los, um Kartoffeln zu klauen. Wenn es dunkel war, gingen sie los und kamen oft erst morgens wieder. Dann hatten sie aber auch reichlich Kartoffeln mit..."

Weiterhin wurde gehamstert. Lilli P. erinnert sich an lange ‚Überlandmärsche‘, um Obst und Kartoffeln zu tauschen.

Peter P. erinnert sich, dass die Möglichkeit zum Spielen unheimlich schlecht war in Hamburg. "Man durfte ja fast nirgends hingehen. Es war wegen Trümmern, Einsturzgefahr und Blindgängern fast alles abgesperrt."

Vielmehr waren Lilli und Peter immer damit beschäftigt, zu ‚hamstern‘. Beide schickte man jeden Tag los zum Tauschen, da sie als Kinder eher was ergattern konnten. "Es war Stress", beschreibt es Lilli P.. Sie hatte aber wenigstens in der etwas ländlicheren Gegend die Möglichkeit zum Spielen. "Auch wenn die Erwachsenen uns immer sagten, wir dürften nicht zu den englischen Soldaten gehen, taten wir es aus Neugier natürlich doch, was für uns ja auch unheimlich spannend war. Die Soldaten lagen ja meist nur bei ihren Panzern im Gras herum, weil sie nichts zu tun hatten. Deswegen beschäftigten sie sich auch mit uns. Die Soldaten waren immer sehr freundlich zu uns, auch wenn man sich kaum verständigen konnte. Sie haben mit uns ‚rumgealbert‘ oder gaben einigen mal eine Zigarette."

Natürlich gab es auch weitaus negativere Erfahrungen. Beide hatten Erfahrungen mit dem Tod nach dem Krieg gemacht.

Lilli P.: "Eines Tages ist bei uns eine jüngere Frau von einem Panzer überfahren worden. Im Haus hörten wir nur die Schreie. Alle liefen raus auf die Straße. Auch der Panzerfahrer kam ganz blass aus seinem Panzer. Die Straße lief ja anders als heute direkt vor der Tür entlang. Der Panzer fuhr auf der Straße und erfasste die Frau (in den Zwanzigern) und überrollte ihre Beine. Das waren die Schreie. Sie ist dort sehr schnell verblutet."...

Peter P. : "Noch in Mecklenburg  kamen einmal einige Russen in unseren Ort und haben Frauen gesucht. Die hatten sich in einer Scheune versteckt, damit die Soldaten sie nicht finden sollten. Die Männer waren ja noch dabei. Ein Soldat durchsuchte nun die Scheune, fand zum Glück aber zuerst ein Motorrad ohne Benzin. Deswegen suchte er nicht weiter. Die Russen waren auch schon betrunken und suchten bis auf den einen weiter. Dieser Soldat zwang zwei Männer, ihn mit dem Motorrad auf einen Berg hinauf zu schieben, damit er von dort runter rollen konnte. Das machte er etwa zehn mal, bis einer der Männer aus dem Ort eine Axt nahm und ihn tötete. Die Männer haben ihn dann irgendwo vergraben. Die anderen Soldaten kamen wohl nicht noch mal zurück."...

Neben diesen Erfahrungen machten sie auch welche mit Kälte ("im Winter musste ich mit kurzen Hosen zur Schule, weil wir nichts anderes hatten.).

Lilli P.: "Man musste improvisieren. Meine Mutter hat gestrickt, um uns Kleidung zu beschaffen. Aus einer Wolldecke hat sie mir einen Mantel genäht. Alte Sachen wurden 'aufgeräuffelt‘ und neu gestrickt, damit man sie wieder tragen konnte. (...)Ich habe von unserem Schmied, der nebenan wohnte und mit dem meine Mutter viel tauschte, einmal  Holzpantoffeln bekommen."

Peter P.: "Ich hatte einen alten Zuckersack, den ich als Pullover getragen habe. Nur mit den Schuhen hatte ich Glück: Mein Onkel war Schuster. Ich bekam immer Schuhe nach Maß."

Allgemein war die Nachkriegszeit für beide als Kinder nicht so schlecht, wie sie selber sagen.

Denn beide antworteten (zu meinem Erstaunen) auf die Frage, wie sie die damaligen Lebensumstände empfunden haben, sofort gleichzeitig mit "gut".

Lilli P.:  "Es gab zwar wenig Essen oder Süßigkeiten, aber es war trotzdem besser, als weiter im Krieg zu leben."

Peter P.: "Es gab jetzt wieder eine Perspektive, man konnte mit einem Wiederaufbau anfangen. Man konnte zwar nicht lange planen, da man von Tag zu Tag lebte, aber es trat eine Verbesserung oder Normalisierung der Lage ein. Mit der Währungsreform wurde es spürbar besser. Aber als Kinder empfanden wir es gar nicht so schlimm.  Man hat sich z.B. über die ‚Carepakete‘ mit Süßigkeiten, die wir in der Schule zu den Ferien bekommen haben umso mehr gefreut, auch wenn wir uns zu dritt ein Paket teilen mussten. Das Positive damals war, dass man die Lebensmittel schätzen lernte und sie nicht mehr verschwendete, wie man es heute leider tut. Die Bedeutung von einem bisschen Essen war viel größer."

An die Gründung der BRD, bzw. der DDR sind nicht so viele Erinnerungen geknüpft. Zwar wussten beide,  dass es Wahlen gab, ein neues Gesetz galt, aber für Wahlen waren sie zu jung, und in ihrer Zone waren immer noch die britischen Soldaten. Vor allem Peter hörte aber, dass es von nun an schwerer werden würde, die Verwandten im Osten zu sehen. "Man ging davon aus, dass wir unsere Verwandten für lange Zeit nicht mehr sehen würden. Vorher konnte man "schwarz" in den Osten gelangen, aber das schien nun vorbei."