Dieser Eintrag stammt von Diana Eulenstein (*1991)


Hunger und Trauer im Kampf um den Sieg: Erlebnisse in russischer Gefangenschaft

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn H. D.  (*1915)

Dies ist die Geschichte von einer russischen Gefangenschaft aus der Sicht des 92-jährigen Hamburgers Herrn  D.. Der damalige Jüngling wohnte in Prignitz (Brandenburg) mit mehreren Geschwistern. 

Vorgeschichte:
1932: Herr D. beendet seine Mittlere Reife und beginnt seine Lehre in Lüneburg, in einem Textilgeschäft.

1933: Die nationalsozialistische Erhebung (Machtergreifung) wird eingeläutet

1936: Herr D. hat ein halbes Jahr Arbeitsdienst vor sich 

1937: Herr D. zieht in die Wehrmacht ein und ist ab jetzt Soldat

1939: Der Krieg bricht in Polen aus!

Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft 1945-49:

1945, Reise nach Kramatorsk:
Die Zeit als Soldat war beendet. Der Rückzug im Mai 1945 begann zwischen Frankfurt/Oder und Berlin. Es begann eine Schlacht und Herr D. und seine Kameraden wurden in Gefangenschaft genommen. In zweier Gruppen, mit einem Kompass in den Händen, liefen die Soldaten in Richtig Westen nach Jüterbog. Dort lebten sie auf engstem Raum. Von dort aus wurden sie schon wenige Tage später weitergeschickt nach Frankfurt/Oder. Der weitere Weg verlief mit der Eisenbahn in die Ukraine. Herr D. erzählt mit angespannter Haltung und Entsetzen von der Reise: „Wir saßen mit mehreren 100 Leuten auf engstem Raum, zusammengepfercht, in heißesten Güterwagen, ohne Fenster, gepolstert mit Heu und Stroh und ohne Wasser. Alle paar Tage bekamen wir aus großen Krügen etwas zu Essen. Es reichte nie für alle von uns. Ab und zu gab es dann auch mal etwas zu trinken; immer gerade genug, um zu überleben.“ Insgesamt dauerte diese Reise ca. 10 Tage. „In Kramatorsk angekommen, rissen wir uns die Klamotten vom Leib und liefen geradewegs auf einen See mit Entenflott zu, um zu trinken und uns zu waschen“, so Herr D.. Dort begann dann auch die Gefangenschaft. Herr D. und seine Kameraden wurden streng gehalten. Kamen einige der jungen Männer z.B. mal näher als 10m an den Kontrollzaun, wurden sie erschossen, erzählt Herr D. immer noch aufgebracht.

Unterkunft in der Ukraine:
Herr D. berichtete uns, wie die Gefangenen untergebracht wurden. Die 800-1000 Soldaten wurden auf mehrere Lager verteilt. Dort standen Holzbaracken mit einfachen Etagenbetten aus Holz. Morgens um 6 Uhr hieß es dann Antreten, bis sie dann um 7 Uhr in Erdbunkern verschwanden. Dreimal täglich gab es dann Kohlsuppe mit Brot. (Für Herrn D. vier Jahre lang) Dennoch hatten die Gefangenen ständig Hunger.

1946:
Man konnte die erste Karte aus Russland versenden (später auch mit Bild)

Die Reise des Briefes:
An einem Tag schrieb Herr D. dann endlich mal einen Brief an seine Familie. Das war erst jetzt, nach mehreren Monaten, möglich. Nach vielen Wochen hatte er dann allerdings noch keine Antwort und fing an, sich zu wundern. Eines Tages jedoch bekam er einen Brief und zwar von seinen Adoptiveltern. Diese teilten ihm dann die Geschichte des Briefes mit. Eine Freundin hatte den Brief zufällig in die Hände bekommen. Sie war dann einen weiten Weg zu Herrn D.` s Eltern getrampt, nur um ihnen die Nachricht zu überbringen. Sie hatte in Hamburg/Lohbrügge nach ihnen gesucht.

Arbeitsbereiche des Gefangenenlagers:
Während der russischen Gefangenschaft gab es mehrere Aufgabenbereiche. Morgens wurde vor dem Lagertor angetreten und sich in 5 Reihen aufgestellt. Danach waren die Tätigkeiten entweder Fabrik- oder Hausarbeiten. Herr D.` s Aufgabenbereich lag bei den Hochöfen. Er musste sie beschicken, das heißt so viel, wie alle Materialien, die zur Eisengewinnung nötig sind, in die Hochöfen zu transportieren. Damals befanden sich drei von vier Hochöfen in Betrieb. Herr D. arbeitete zu der Zeit acht Stunden täglich mit einer halben Stunde Pause.

Die drei Schichten Arbeit:
Im Sommer bestand die sogenannte drei Schichtenarbeit. Hierbei wurden die Arbeitszeiten eingeteilt. Eine Partie arbeitete von 8-16 Uhr, eine von 16-24 Uhr und eine von 24-08 Uhr. Dabei gab es allerdings keine Feiertage (Arbeitspausen)

Verteilung der Arbeitsgruppen:
Es gab vier unterschiedliche Arbeitsgruppen (Brigaden), die für verschiedene Schwierigkeitsgrade eingeteilt waren. In einer Kommission wurde dann entschieden, wer in welche Abteilung eingeordnet wurde. Die sogenannte Kommission bestand aus einem Lagerkommandanten, zwei Offizieren, einer Ärztin und einem Dolmetscher. Dann wurde ein Test durchgeführt der folgendermaßen aussah: Herr D. musste vortreten, sich ausziehen und die Kommission testete wie stramm das Fleisch am Hintern war. Je nach Feste wurde dann eingestuft, ob es sehr gut (1), gut(2), ausreichend(3) oder (4)mangelhaft war. Sollte man sich in der Gruppe 1 und 2 befinden, so musste man am meisten arbeiten. Wenn man in Gruppe 3 oder 4 eingeordnet wurde, arbeitete man weniger. In jeder Gruppe arbeiteten ungefähr 12-30 Leute. Diese Überprüfung wurde alle ¼ Jahre wiederholt.

Tabak als Handelsmittel:
Herr D. erzählte uns, dass in Russland zum damaligen Zeitpunkt so ziemlich alle rauchten. Das war ein Grund dafür, dass der Handel mit dem Tabak so begehrt war. Der russische Tabak wurde in Zeitungspapier eingewickelt und war leicht zu ergattern.

Kleidung mit Hindernissen:
„In den ganz harten Nächten hatten wir zum Teil bis zu -40°C. Da hatte man schon einmal Probleme was den Schlaf betraf. Als Schutz vor diesen eisigen Temperaturen bekamen wir Baumwollhemden, Baumwolllaken und Hosen, ebenfalls aus Baumwolle. Dazu eine Winterjacke, eine dicke Hose und Fußlappen, die man auch Filzstiefel nannte. Passend dazu noch eine Mütze. Wir froren bis zu dem Zeitpunkt, an dem man uns mitteilte, dass es Arbeit gäbe.“

Handlungsablauf während der Lausplage:
„Des Öfteren gab es eine Läuse-Epidemie“, so Herr D.. Dann wurden die Gefangenen in eine Entlausungsanstalt gebracht, wo sie regelmäßig einmal im Monat entlaust wurden. Das lief folgendermaßen ab: Zunächst zog ich meine Klamotten aus und tat sie auf einen eisernen Bügel. Den gab ich dann in eine Kammer zur Entlausung. Danach wurde ich am ganzen Körper rasiert und ich durfte duschen gehen. Nur kurz, weil es nur wenige Minuten warmes Wasser gab. Danach suchten wir dann unsere Klamotten wieder zusammen, die in einem riesigen Gemenge untergegangen und schwer zu finden waren.

Bespitzelung:
Nachts wurden aus den Lagern einzelne Soldaten herausgeholt, um sie zu bespitzeln. Einzeln wurden sie verhört. Die NKWD, der russische Geheimdienst, versprach sich dadurch mehr Informationen über Soldaten, Vorhaben und Benehmen.

Entlassungsgeschichte:
Im Sommer/Herbst 1949 war es dann soweit. Vier Jahre voller Aufregungen, Erfahrungen, Erlebnissen und Emotionen waren vergangen. Eines Tages dann hieß es „Antreten“. Alle mussten die Arme heben, um zu sehen, wer seine Blutgruppe unter dem Arm eintätowiert hatte. Das waren dann Leute von der SS. All diejenigen blieben noch bis 1953/55 im russischen Gefangenenlager.

Die Heimreise: 
Von Frankfurt/Oder, in der DDR, ausgehend wurden die Soldaten in den Westen nach Friedland geschickt. Dort wurden Herrn D. und seine Kameraden von den Engländern registriert und endlich ging es nach Hause.
„Bei mir hatte ich 40 DM und einen Holzkoffer mit dem russischen Watteoutfit. In der Wandelhalle am Hauptbahnhof angekommen, war das erste was ich tat, mich zu rasieren. Ich ging auf die Herrentoilette und nahm meinen Rasierer“.
Zu dem Zeitpunkt wohnte meine Frau mit meiner mittlerweile 6-jährigen Tochter in Othmarschen. Als ich dann in Lohbrügge ankam, zogen wir zusammen und ich lernte endlich meine Tochter kennen. Anfangs war es sehr ungewohnt und meine Tochter wusste nicht, wer ich war, doch das änderte sich schnell“.

02.05.1950:
Herr D. eröffnet in Hamburg- Lohbrügge ein Bettengeschäft und lebt bis heute in Bergedorf.

Veränderungen in Deutschland:
In der BRD hatte sich für Herrn D. nach seiner Gefangenschaft nicht viel verändert . Allerdings gab es eine neue Währung. Statt der Reichsmark gab es die DM, die Deutsche Mark. Außerdem wurde samstags nicht mehr gearbeitet. „Mich verwunderte außerdem, dass es wenige Zerstörungen in und um Lohbrügge gab“.