Dieser Eintrag stammt von Christina Gevert *1989,
Interview mit Ursula Heidmann *1938


Das Leben in Lohbrügge

Frau Heidmann lebte mit ihrer Mutter, ihrem kleineren Bruder (geb. 1942) und ihrer Schwester (geb. 1933) während des Krieges in Lohbrügge. Ihr Vater war zu dieser Zeit in Russland im Krieg. „Damals stand hier in Lohbrügge nicht viel, außer ein paar Häusern, das meiste war Land!“ In ihrem Garten waren anstatt Blumen Gemüse, wie Kohl, Kartoffel, Karotten etc. angepflanzt, damit sie die nötigste Nahrung hatten. „Damit das Gemüse nicht schlecht wurde, haben wir es eingekocht und unser Nachbar hat uns, wenn wir ihm Kaffee gegeben haben, dass Gemüse in Dosen geschweißt. Die Dosen haben wir so oft wiederverwendet, bis sie ganz klein waren! Wir mussten sehr mit dem Essen sparen, da wir sehr wenig Geld hatten und die Lebensmittelmarken haben nicht wirklich gereicht, denn sie mussten für eine Woche reichen!“ Wenn sie gar nichts mehr hatten, ging ihre Mutter „Hamstern“. Sie ging also von Bauer zu Bauer und fragte nach Lebensmitteln. „Ganz toll war es, wenn sie Speck mitbringen konnte! Da waren wir richtig glücklich.“

Damals gab es auch Textilmarken. Die gab es allerdings nur zweimal im Jahr, doch auch die Kleidung hat jeder in der Familie getragen „Ich bekam das Kleid meiner Schwester, aus dem später ein Hemd für meinen Brüder genäht wurde.“ Teils haben sie auch selbst gestrickt, wenn sie Geld für Wolle hatten, und die Pullover oder Mützen wurden wieder aufgemacht und etwas neues gestrickt, wenn sie nicht mehr passten. „Meine Nachbarin hatte Schafe, die hat sich die Wolle sogar noch selbst gesponnen!“ 
Sogar Zähneputzen konnten sie sich nicht richtig, nur mit Salzwasser!
Frau Heidmann und ihre Schwester sind auch oft in den Wald gegangen um sich Holz zu holen, da sie auch keine Kohle hatten! Jeder musste damals auch jeden Tag im Winter ein Stück Holz oder Kohle mit in die Schule bringen, damit es dort wärmer wurde! „Wir hatten manchmal nicht einmal Geld für Schuhe und mussten selbst im Winter barfuss herumlaufen!“

Um öfter mal ein Brot zu bekommen, haben sie damals Kornähren gesammelt, wenn es hieß, dass ein Feld geschreddert wurde. „Wir haben jedes Korn gesammelt, das der Bauer verlor! Die haben wir dann gesäubert und gemahlen und uns daraus Brot oder Grütze gemacht. Mama war immer stolz, wenn wir mit viel Korn nach Hause kamen!“ Sie brachten auch gesammelte Bucheckern nach Harburg und bekamen dann für einen Sack 5 - 6 Flaschen Öl dafür. „Da es keine Busse gab, mussten wir LKW' s anhalten. Das war aber schwer, da nur wenig Autos fuhren. Oft gingen wir lange Wege zu Fuß.“

Da sie während der Hitler Zeit noch nicht so alt war, bekam sie nur einiges davon mit, was um sie herum passierte. Direkt bekam die Familie hier in Lohbrügge aber nur sehr wenig mit, da sie kein Geld für ein Radio oder für eine Zeitung hatte! Nur durch Nachbarn oder Bekannte, die mehr Geld hatten, konnte man Informationen bekommen. „Man hat uns damals erzählt, dass ein KZ ein Gefängnis für nicht Fleißige ist!“

„Ich glaube, ich werde den Ton nie vergessen.“ Sie meint damit den Ton, wenn es wieder einmal hieß: Fliegeralarm! „Jedes Mal, wenn wir unterwegs waren, mussten wir schnell in einen Graben, denn alles, was die Soldaten sahen, haben sie beschossen!“ Glück hatten sie nur, wenn sie zu hause waren, denn im Garten hatten sie einen Bunker, der unter der Erde war. „Da schliefen wir auch fast immer, da die meisten Flieger in der Nacht kamen und hätten sie auch nur einen Lichtspalt gesehen, wäre unser Haus heute weg.“ Jedes mal, wenn sie fort gingen, mussten sie aufpassen, dass kein Licht nach außen kam, damit man nicht sah, dass das Haus bewohnt war. Auch vor dem Eingang im Bunker hing ein Kartoffelsack um das Licht zu verstecken.

„Meine Mutter war sehr nett und spendabel, obwohl wir nicht sehr viel Geld hatten!“ Der Hintergrund der Geschichte war, dass ihre Mutter Menschen zu Hause aufgenommen hat, die bei ihr an der Tür geklingelt haben, weil sie ausgebombt waren. „Meine Mutter sagte immer, dass sie reinkommen könnten. Wir waren später 12 Personen in unserem Haus.“ Sie legten dann ihre Essenmarken zusammen und das Kochen teilten sie sich. Gebadet wurde immer in einer Zinkbadewanne. Die Kinder alle in einem Wasser und jeder Erwachsene bekam neues Wasser. „Heute machen die jungen Leute das bei Big Brother freiwillig, damals wären wir froh gewesen, hätten wir eine Badewanne wie heute gehabt!“ Sie bekamen später, zum Anfang der Nachkriegszeit durch einen Bekannten Essen von Soldaten. Wenn z.B. eine Dose herunterfiel, haben sie ab und zu bekommen. Zu dieser Zeit ging es ihnen verhältnismäßig gut.

„Als es dann hieß: „Der Krieg ist vorbei!“ konnte ich es kaum glauben. Ich ging auf die Straße und rief meine Mutter. Überall war ein Summen zu hören und Scheinwerferlichter zu sehen!“ Sie war neugierig, was passiert war und ging mit ihrer Schwester draußen herum. Auf einer großen Wiese waren Panzer, Jeeps und alles, was das Militär braucht, verteilt und die Soldaten saßen auf dem Rasen. „An diesem Tag habe ich zum ersten Mal einen Farbigen gesehen! Er bot mir eine Banane an, aber ich habe sie abgelehnt, denn ich kannte keine!“

Als dann die Deutsche Mark eingeführt wurde, wurde von einem Tag auf den anderen alles besser. Die Geschäfte waren auf einmal voll. Man hatte nun als Anfangsbudget pro Person 40 DM bekommen. „Einerseits war ich froh, andererseits wütend, denn wieso ging das vorher nicht? Das habe ich damals nicht verstanden.“

„Ich frage mich bis heute, warum es soweit kommen musste. Wieso haben wir uns nicht einfach ergeben? Welcher Politiker musste unbedingt kämpfen?“