Dieser Eintrag stammt von Jana Glogowski (*1992)

Ergebnisse eines Interviews
mit Frau Erika von Waldenfels (*1936)

Kriegsende in Bad Segeberg

Zeit von 1945 bis 1949

Erika wurde 1936 in Bad Segeberg geboren. Sie ist die Tochter von Werner Stiehr und hatte vier jüngere Brüder. Als Erika 8 Jahre alt war, war ihr Vater Kreisleiter und stellvertretender Gauleiter in Schleswig-Holstein und hielt sich beruflich zu dieser Zeit viel in Kiel auf. So war es auch, als die Engländer 1945 in die Stadt Bad Segeberg einmarschierten.

Im Jahr 1945 war ich 8 Jahre alt, wohnte mit meinen Eltern und meinen 4 jüngeren Brüdern in einem großen Haus mit einem riesengroßen Garten und einem kleinen Park in Bad Segeberg. Mein Vater war wenig zu Hause, da er als Kreisleiter und stellvertretender Gauleiter von Schleswig Holstein – also ein führender Nationalsozialist – häufig auch in Kiel war. Über Politik und das, was in der Welt passierte, habe ich nichts gehört. Wir waren gut behütet. Meine Eltern sprachen mit uns nicht darüber; wie unsere gesamte Umwelt lebten auch wir in unserer kleinen zufriedenen Welt. Der Krieg hatte keine großen Schäden in Bad Segeberg angerichtet.

Gau: ab 1933 Verwaltungsbezirke im Nationalsozialistischen Deutschland
Gauleiter: Der Leiter, der diesen Verwaltungsbezirk leitet
Kreisleiter: Leiter eines kleinen Kreises, z. B. Kreis Segeberg

Einzug der Engländer in die Stadt Bad Segeberg

Eines Tages hörte ich ein unheimliches Grollen, das weit entfernt schien. Es war aber so unheimlich, dass ich Angst verspürte, zu meiner Mutter rannte und sie darauf aufmerksam machen wollte. Sie schien irgendetwas zu ahnen, aber erzählt hat sie nichts. Ich ging dann wieder auf unsere Straße und plötzlich sah ich, wie riesengroße Panzer in die Straße einbogen. Ganz langsam bewegten sie sich auf mich zu. Ich hatte das Gefühl, dass ich völlig allein auf der Straße stand, obwohl ständig mehr Menschen, die ich ja alle kannte, aus ihren Häusern gerannt kamen, um zu sehen, was sich ereignete. Noch heute höre ich das Geräusch rollender Panzer.

Und dann bemerkte ich etwas, was für mich unverständlich war. Die Menschen winkten den Soldaten auf und in den Panzern zu und riefen irgendetwas, was ich überhaupt nicht verstand und begriff. Ich hatte unvorstellbare Angst und die anderen freuten sich offenbar. Ich hatte keine Ahnung, warum. Die Panzer fuhren immer langsamer und machten kurz vor mir Halt – das war mein Eindruck, denn ich stand mitten auf der Straße vor der Einfahrt in eine noch kleinere Straße, die nach links abbog.

Die Panzer hinterließen durch die schweren Ketten an ihren Fahrzeugen nach dem Einbiegen in die Seitenstraße kleine Gräben auf der Straße. Ich war nur noch verstört und weinte bitterlich; ich hatte Angst und lief nach Hause. Meine Mutter sah auch verängstigt aus, mein Vater war immer noch in Kiel. Er konnte uns nicht helfen, was ich zu der Zeit auch nicht verstand.

Ich fragte sie als erstes, woher die Panzer mit den Soldaten kamen und warum die Leute auf der Straße jubelten. Ich sehe immer noch, dass weiße Taschentücher durch die Luft gewirbelt wurden. Meine Mutter erklärte mir, dass es englische Panzer und Soldaten sind, die uns angeblich befreien wollten – wovon? Ich hatte keine Ahnung – und dass die Jubelnden „Verräter“ seien. (Bevor die Engländer kamen, waren viele Menschen für die Nationalsozialisten, doch als die Engländer einmarschierten, jubelten die gleichen Menschen. Mit dem Jubeln verbanden viele ihre Furcht vor Bestrafung wegen Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus.) Ich konnte mir absolut keinen Reim aus diesen Erklärungen machen, war aber zu klein, um weitere Fragen zu stellen.

Durch die gesamte Stadt – ich glaube, zu der Zeit hatte Bad Segeberg ca. 6.000 Einwohner – fuhren über Stunden die Panzer hin und her und besetzten unseren Ort.

Kurze Zeit darauf verschwand unser russisches Kindermädchen, das ganz liebevoll mit uns umgegangen war und von der wir immer mal wieder russisches Brot geschenkt bekamen – ich glaube, sie hatte es gut bei uns. Später wurde mir erklärt, dass sie verschwunden sei, weil sie Angst hatte wegen Verrats an ihrem Vaterland – schließlich hatte sie ja für eine deutsche Familie gearbeitet - gefangen genommen zu werden. Darüber war ich sehr traurig, denn ich mochte Katharina, das war ihr Name, sehr gern. Ich weiß bis heute nicht, was damals mit Katharina passiert ist. (Katharina war Kriegsgefangene der Deutschen und wurde als Zwangsarbeiterin für eine kinderreiche Familie verpflichtet.)

Und meine Mutter fing an, ganz weit hinten im Garten zu graben. Sie versteckte unser Silberbesteck aus Angst, es könnte geklaut werden! Ich begriff all das nicht. Wenig später musste meine Mutter mit ihren 5 kleinen Kindern – der Jüngste war gerade ein Jahr alt – die schöne Wohnung verlassen. Auch die dort wohnenden vielen Flüchtlinge mussten hinaus. (Die Flüchtlinge waren in der Wohnung, da es zu dieser Zeit üblich war, dass ankommende Flüchtlinge in Privat-Wohnungen einquartiert wurden.) Ständig fragten wir nach unserem Vater, weil er nicht zu uns kam. Meine Mutter versuchte uns damit zu trösten, dass er in Kiel arbeiten müsse.

Rückkehr und Festnahme des Vaters

Etwa 8 Tage später kam er total erschöpft bei meiner Großmutter (seiner Mutter) an, in deren 2-Zimmer-Wohnung wir Zuflucht gefunden hatten. Er war zu Fuß gegangen, weil er befürchtete, gefangen genommen zu werden.

Es dauerte nicht lange und mein Vater wurde von der Militärpolizei vor unseren Augen abgeführt, weil er aktiver Nationalsozialist war und als Kriegsverbrecher galt. Er wurde nach Gadeland bei Neumünster in ein Internierungslager gebracht, was wir aber erst sehr viel später erfuhren. Ein paar Mal bin ich mit meiner Mutter hingefahren. Wir versuchten dann immer, meinen Vater durch den hohen Stacheldrahtzaun zu sehen. Gesprochen habe ich ihn während der Zeit in Gadeland nie. Später kam er noch weiter weg. Ich glaube, der Ort hieß Bethel. Einige Tage vor der Währungsreform 1948 kam er aus seiner mehr als 3 Jahre lang andauernden englischen Gefangenschaft endlich wieder zu uns nach Hause.