Dieser Eintrag stammt von Bertrun Günther

Unsere Flucht bei 25 Grad Kälte aus Preußisch Eylau (Ostpreußen)
(Ella Günther *1904)


Es ist der 4. Februar 1945: 25 Grad Kälte, meterhoher Schnee, unsere Kreisstadt Preußisch Eylau, in der wir wohnen, ist ein rauchender Trümmerhaufen. Türen und Fensterrahmen unseres Hauses sind aus den Angeln gehoben, durch die zersprungenen Fensterschreiben wehen die Gardinen, Bomben fallen, Artilleriegeschosse dröhnen. Unsere Heimatstadt, unser Heim, sind eine Stätte des Grauens. Die vier Kinder hängen sich schreiend und weinend an meinen Hals. „Mutti, komm, hier bleiben wir nicht mehr! Wir haben Angst.“ Wohin? Bedeutet der Schritt aus dem Haus auch für uns, wie für zehntausende ostpreußischer Flüchtlinge, den Tod auf der Landstraße durch Hunger, Kälte, Erschöpfung, Heimweh, feindliche Angriffe? Der Russe ist nur noch 2 km entfernt (eine Evakuierung hat es nie gegeben) und wir laufen, laufen, laufen – die Kleinste, zweijährig, in der Karre – ohne Handtasche, ohne Lebensmittelkarten, ohne Geld.

Wir laufen über Felder und Landstraßen, wir stampfen durch hohen Schnee – die Räder der Kinderkarre lösen sich – und wir übernachten mit Hunderten von Flüchtlingen in Scheunen und Schulen auf Stroh und Heu bei den Soldaten, die, mit Tränen in den Augen, an das Schicksal ihrer eigenen Familien denkend, uns die Richtung des Fluchtweges weisen und uns von ihrer Verpflegung abgeben. Manchmal nehmen sie uns ein Stück des Weges auf ihren Wehrmachtwagen mit. Wir treten den Leidensweg über das Haff an, waten knöchel- bis knietief über Eisschollen, Tiefflieger über uns, links und rechts liegen tote Flüchtlinge und Soldaten, Pferdekadaver, Wagen ragen aus dem Eis, Flüchtlingsgut. Wir warten zwei Tage und zwei Nächte auf der Frischen Nehrung im Wald auf Lastwagen, die uns zusammen mit Zehntausenden weiterbefördern sollen.

Die Kinder sitzen nachts auf Baumstümpfen. Die Jüngste schreit immer wieder, wie schon unterwegs oft, wenn der Abend herankommt: „Ich will in mein Bettchen, ich will in mein Bettchen!“ Abwechselnd wecke ich eines meiner Kinder und laufe mit ihm auf und ab, damit es nicht erfriert – rundherum jammernde Mütter, weinende Kinder, sterbende Greise. Das Feuer, das uns wärmen soll, muss nachts wegen der Fliegergefahr gelöscht werden. Wir stehen stundenlang an nach wärmendem Kaffee, nach heißer Suppe – und wie oft ist es vergeblich gewesen, es reicht nicht für die Menschenmassen. Ich muss immer wieder aufpassen, dass nicht eins meiner Kinder verloren geht – die Namen der vier Kinder, der Reihe nach gerufen, hallen oft auf unserem Fluchtweg durch Nacht und Wind.

Rundherum jammernde Mütter, weinende Kinder, sterbende Greise.

Wir kommen bei Windstärke 11 von Pillau auf einen Motorkutter nach Danzig – Neufahrwasser. Der Kutter hat auf offener See Motorschaden. Wir liegen auf dem Fußboden der Kajüte und werden hin- und hergeworfen. „Lieber Gott, dann lass uns lieber ertrinken!“ – „Mutti, halt mich fest!“ – „Vati, komm doch zu uns!“ – So geben die Kinder ihrer Angst Ausdruck. Wir übernachten in Neufahrwasser in einer großen Lagerhalle auf Holzwolle, Kopf an Kopf, Flüchtling an Flüchtling. Man muss sich vorsehen, dass man den Liegenden nicht tritt.
Dann geht’s im kalten Eisenbahnwagen mit zersplitterten Fensterscheiben, durch die der kalte Wind pfeift, stehend im Gang, eingepfercht zwischen unendlich vielen Flüchtlingen, bis Stolp in Pommern.

Wir sitzen zwei Tage und zwei Nächte in einem von Tabakrauch verqualmten Lokal. Wo kann man eine Mutter mit vier Kindern unterbringen? Wer kann sie mitnehmen? Endlich findet man für uns einen leeren Raum. Stroh für die Liege müssen wir uns heranschleppen. Doch wir müssen wieder weiterziehen. Es gibt kein Aufhalten des Feindes. Wir sitzen auf dem Bahnhof bis um Mitternacht. Ein Zug nimmt uns mit, ein Güterzug mit offenen Loren. Wir fahren bei Schneeregen weiter, kein Schutz, oft auf freier Strecke stehen bleibend, ohne Verpflegung. Bei Tieffliegerangriffen heißt es, schnell herunterzuspringen, unter die Waggons zu kriechen, dann wieder heraufzuklettern. Mein neunjähriger Junge kommt einmal nicht schnell genug wieder hinauf, der Zug setzt sich in Bewegung – der Junge läuft und läuft auf den Schienen hinterher, sein Rufen ist nicht mehr zu hören – mein Schreien verhallt. Endlich hält der Zug wieder eine längere Zeit, der Junge holt uns ein, keuchend und angstverzerrt, sucht die Wagen rufend ab – und findet uns. Vor Stettin geht’s nicht mehr weiter. Wir müssen aussteigen, stolpern in wildfremder Gegend im dunklen Morgengrauen über Eisenbahnschwellen und Schienen und erreichen endlich den Stettiner Bahnhof.

Die Schrecken des Krieges haben uns fast betäubt.

Immer weiter drängt es uns. Die Schrecken des Krieges haben uns fast betäubt, uns still in das Schicksal ergeben gemacht. Ein Zug bringt uns nach Hinterpommern, wo wir 5 Tage in einem kleinen Dorf einquartiert sind. Einen Zentner Kohlen darf ich mir auf einer geliehenen Schubkarre aus der 5 km entfernten Stadt holen. Und weiter geht’s, der Russe ist uns auf den Fersen. Der Besitzer eines Lastwagens sieht uns an der Landstraße stehen und nimmt uns freundlicherweise nach Wittenberge mit, wo uns auf dem Bahnhof ein Bombenhagel empfängt. Auch das überstehen wir mit Gottes Hilfe. Mit dem Zug fahren wir nach Hamburg. Hier sorgt man rührend für uns, hilft den Kindern, gibt uns etwas Warmes zu essen, allerdings will der Magen kaum noch etwas annehmen. Die gütige Fürsorge ist wohltuend. Nach einem dreitägigen Aufenthalt in Hamburg bei einer verständnisvollen Familie, nach durchwachten Nächten mit heftigen Bombenangriffen kommen wir nach Schwarzenbek, von dort aus auf einem Trecker in ein kleines Dörfchen im Kreise Herzogtum Lauenburg – zerrissen, zerlumpt, vom Schicksal gezeichnet. Am 12. März 1945 nimmt uns das stille, freundliche Dörfchen am Rande des Waldes auf und gibt uns nach dem langen Fluchtweg das Gleichgewicht wieder.

Aus dem Leben herausgerissen, ohne auch nur etwas zu besitzen – weder Nadel noch Faden, weder Tasse noch Teller, nur das, was man auf dem Leibe hat (und das ist zerrissen) - , mussten wir unser Schicksal in die Hand nehmen. 1946 bin ich dann nach Wentorf gekommen. Dank der Fügung des Allmächtigen und der Hilfe gütiger Menschen ist es langsam wieder aufwärts gegangen.