Dieser Eintrag stammt von Sonia Haji *1988

Interview mit Frau Lotichius *1929

Die Herausforderung nach dem Zerfall – 
Meine Zeit nach dem Krieg


Am Ende des Krieges waren wir alle voller Ängste. Wir fragten uns, wie wird es weitergehen? Wird es überhaupt weitergehen oder bringt man uns alle um? Dies hatte uns nämlich immer die Nazipropaganda erzählt.

In der Nachkriegszeit 1945 war ich 16 Jahre alt und lebte mit meinen Eltern und Geschwistern in Schnelsen.
Nach dem Krieg wurde Hamburg von den britischen Besatzungstruppen eingenommen. Natürlich ließen uns die Besatzungsmächte spüren, dass wir die Verlierer des Krieges waren. Gleich zu Beginn wurde bekannt gegeben, wie wir uns zu verhalten hätten. Die Alliierten gaben Veröffentlichungen mit Verhaltensmaßregeln zum Beispiel mit dem Curfew bekannt.
Das Curfew war das Ende der Ausgehzeit, nach der man nicht mehr auf der Straße sein durfte. 
Am Anfang durfte man nach 20 Uhr nicht mehr auf der Straße sein. Diese Zeit zögerte sich jedoch mit der Zeit immer mehr bis ca. 22 Uhr hinaus. 

In der Zeit von 1945 bis 1946 haben die Alliierten alles sehr ernst und strickt genommen. 
Ich habe damals Tanzunterricht genommen. Da ich einen weiten Weg nach Hause hatte und diesen bis zum Ende der Ausgehzeit nicht mehr schaffen konnte, musste ich bei einer Freundin, die ebenfalls Tanzunterricht nahm, übernachten.
Die Besatzungstruppen waren überall präsent und fuhren überall mit ihren Jeeps herum. 

Zwischen der Zeit von 1946 bis 1947 hat sich dann ein normales Miteinander entwickelt. Es gab für die Besatzungstruppen Verbrüderungsverbot mit deutschen Mädchen. Die Mädchen, die sich dennoch mit den britischen Soldaten einließen, wurden Tommyliebchen genannt.
Das Leben normalisierte sich langsam und allmählich. Der Hunger war aber groß. Der Hunger war zu der Zeit das Hauptproblem. Die Rationen, die uns mit Lebensmittelkarten (siehe Abb.1) zugeteilt wurden, waren undenkbar klein, da es keine Vorräte mehr gab. Man war jedoch froh, dass man Maisbrot bekam. Wir kauten zwar lange auf diesem gelben Maisbrot herum, aber waren froh überhaupt Brot zu haben. Die Tatsache, dass es überall Maisbrot gab, beruhte auf einem Übersetzungsfehler. Adenauer bat damals die Amerikaner um “ Korn “, statt Getreide wurde somit Mais geliefert. 

In der Nachkriegszeit blühte der Schwarzhandel (siehe Abb.2) auf. Es hingen überall Plakatwände (siehe Abb.3). Auf diesen Plakatwänden wurden immer verschiedene Dinge zum Tausch angeboten. Wir haben damals zum Beispiel unsere Puppenstube weggegeben und haben dafür Stoff bekommen. Aus diesem Stoff hat mir meine Mutter dann eine Jacke genäht. Ich habe auch meine Rollschuhe weggegeben, für die wir dann ein Fass Salzheringe bekommen haben. 
Eines Tages bin ich mit meiner Mutter zur Talstraße (heute St. Pauli) gegangen, um mir neue Schuhe zu kaufen, da ich keine mehr hatte. Dort haben wir dann Schuhe für horrendes Geld gekauft. Es wurde in der Nachkriegszeit immer hin und her getauscht. Der Tauschwert wurde damals in Zigaretten anstatt in Geld angegeben.
Zu der Zeit war die Kleiderfrage nicht sehr groß und spielte keine Rolle. Sie war auch in der Schule unbedeutend. Man hatte einige Kleidungsstücke, die man meist trug bis sie abgenutzt waren. Eines Tages bekam ich ein paar neue Schuhe, amerikanische Schuhe. Alle sahen auf meine Schuhe und bewunderten sie, wie schön sie aussahen. Nach drei Monaten waren sie jedoch kaputt und nicht mehr vom Schuster zu reparieren.
Jeder in meiner Familie hatte damals nur sehr wenig zum Anziehen. Meine Freundin hatte damals mehr als ich. Sie bekam im Gegensatz zu mir Care-Pakete. Diese bekamen nur Leute, die Beziehungen nach Amerika hatten. Diese hatten in Amerika Bekannte oder Verwandte. Die Care-Pakete beinhalteten meist Essen und Kleidung und halfen die Nachkriegszeit besser durchzustehen.

Ab 1947 begann der Wiederaufbau. Zum Wiederaufbau wurde von einem amerikanischen Politiker der so genannte Marschall- Plan erstellt. Nach diesem Plan wurden wir unterstützt und konnten wieder aufbauen. Einige prominente Ausländer sagten: " Wir müssen Deutschland beim Wiederaufbau helfen! Es hat so keinen Sinn mehr. "
Im Osten hingegen haben die Russen vieles abgebaut und damit weggenommen und das Leben in der DDR erschwert.

Das Familienleben in der Zeit:

Das Familienleben in dieser Zeit war sehr intensiv. Wir hockten abends zusammen in der Küche, da dieser Bereich am besten zu beheizen war. Manchmal kamen auch Nachbarn zu uns und wir strickten dann alle zusammen oder unterhielten uns. Zu der Zeit gab es zunächst keine Zeitung.
Wir Kinder waren zu Hause. Ich habe damals oft bei Petroleumlicht gesessen und habe meine Hausaufgaben gemacht. Strom und Gas waren ganz genau zugeteilt und wurden nur zu einer bestimmten Zeit geliefert. 
Wir Kinder mussten damals viel im Haushalt arbeiten und mithelfen. Meine Mutter war krank und mein Vater ist ebenfalls oft krank geworden. Er wurde immer mal zum Dienst verpflichtet und musste meistens sehr hart im Hafen arbeiten. Somit war es die Aufgabe meiner Geschwister und mir im Haushalt sehr viel mitzuhelfen.
Vor allem mussten wir im Winter Brennmaterial besorgen. Wir hatten damals einen Blockwagen (Abb.4), in dem wir unser gesammeltes Brennmaterial nach Hause fuhren. Dieser Blockwagen war für den Transport zu der Zeit nicht wegzudenken. Wir haben Bäume gefällt oder sind zum Kohlenklauen gegangen, um etwas zum Heizen zu haben.
Ich und meine ältere Schwester sind nur nachts zum Kohlenklauen (Abb.5) gegangen, da wir nicht von der Bahnpolizei gesehen werden wollten. Manchmal haben wir auch unseren jüngeren Bruder mitgenommen, der zu der Zeit etwa 12 Jahre alt war. Obwohl meine Mutter moralische Bedenken hatte, ist mein Bruder mit zum Kohlenklauen gegangen, da die Not so groß war. Sie sagte mal: " Wie soll er lernen, was richtig und was nicht richtig ist, wenn wir ihn zum Kohlenklauen schicken?" Vor allem im Winter 1946 und 1947 haben viele Menschen die Kohlenzüge gestürmt, da es zu dieser Zeit sehr kalt war.
Wir haben jedoch nicht nur Kohle zum Heizen benutzt, sondern haben auch Holz zerhackt. Wir hatten damals im Keller noch Möbel von den Großeltern, die nicht gebraucht wurden. Auch die haben wir zerhackt und zerkleinert. Darunter war zum Beispiel auch der Rahmen eines Spiegels, den wir zerkleinert haben und zum Heizen benutzt haben. Eines Tages als wir dabei waren etwas zu zerhacken, schaute meine Mutter, die krank im Bett lag, entsetzt und fragte: 
"Was habt ihr denn schon wieder am Wickel?"
Heute frag ich mich, wie die anderen Leute, die noch Erbstücke besitzen, diese über den Krieg gebracht haben. Meine Geschwister und ich kannten damals den Wert dieser Dinge nicht.

1945/46 konnten wir dann alle am Radio den “Nürnberger Prozess“ verfolgen. Dort standen viele Nazigrößen vor einem Militärgericht und wurden zum Tode bzw. zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Auch ich habe manchmal den “Nürnberger Prozess“ verfolgt. Man hat die Verurteilungen damals zur Kenntnis genommen. Ich habe sie als gerechte Strafe empfunden, da sie sich alle am Volk schuldig gemacht haben.
Das Radio war auch ein unentbehrlicher Vermittler. Täglich gab es Sendungen, in denen Suchmeldungen bekannt gegeben wurden. Mit Hilfe dieses Suchdienstes suchten Kinder ihre Eltern, die sie auf der Flucht verloren hatten. Soldaten suchten ihre Angehörigen, die geflohen oder ausgebombt waren. 

Mein Alltag in der Nachkriegszeit:

Für mich als junger Mensch war 2/3 des Alltags mit der Schule und dem Nachhauseweg gefüllt. Ich ging morgens in die Schule und kam meistens erst am Nachmittag nach Hause.
Oft musste ich von der Schule zu Fuß 2,5 Kilometer nach Hause gehen, da die Bahn nicht fuhr.
Zu Hause habe ich dann anschließend im Haushalt geholfen und am späten Nachmittag mich auf meine Hausaufgaben gestürzt.
Der Alltag in der Nachkriegszeit war nicht besonders abwechslungsreich.
In der Zeit, in der ich in der Schule gewesen bin, verbrachte meine Mutter viel Zeit damit für Lebensmittel anzustehen. Es gab immer lange Schlangen vor den Geschäften. Meine Mutter kam meist nach langem Stehen in der Schlange nach Hause ohne etwas eingekauft zu haben, da alles ausverkauft war.
Auch Unternehmungen am Wochenende gab es nicht bzw. nur sehr selten. Man war damals die meiste Zeit zu Hause.

Negative und positive Erlebnisse:

Natürlich gab es in dieser Zeit positive und negative Erlebnisse. Ein negatives Ereignis war für mich das Kohlenklauen. Ich habe manchmal sogar davon geträumt. Dies möchte ich meinen Kindern nie zumuten müssen. Vor allem war das Kohlenklauen ein negatives Erlebnis, da ich immer Angst hatte, von der Bahnpolizei erwischt zu werden. 
Bedrückend wirkten auch die totale Zerstörung der Stadt, die vielen Trümmer, die uns umgaben und die unendliche Wohnungsnot (Abb.6). Viele Menschen lebten in Notunterkünften, wie zum Beispiel den sogenannten Nissenhütten, das waren kleine Wellblechhäuser. Sie wurden für Familien, deren Häuser ausgebombt waren, mitten in den Trümmern aufgebaut. Da wir damals ein eigenes Haus hatten, mussten wir nicht in diesen Hütten leben.
Positive Erlebnisse hatte ich vor allem ab 1947. Als ich in die Bachgemeinschaft in Hamburg aufgenommen wurde, haben wir in der ungeheizten Petrikirche, bei der der Altarraum ausgebrannt war, eine vierstündige Aufführung der Matthäuspassion gemacht. Dies werde ich nie vergessen. 
Zu der Zeit waren die Theater und Konzerte gut besucht. Sie waren damals mehr gefragt als heute. Man hatte überlebt und jetzt immer mehr kulturelle Bedürfnisse. Man hatte "Hunger nach Kultur".

Heutige Sicht:

Aus heutiger Sicht war die Nachkriegszeit eine schwierige Zeit. Sie war z.B. aufgrund von Hunger und Kälte, die unser Leben beherrschten, eine schwere Zeit. So war es damals eine besondere Herausforderung.
Vor allem musste man viel improvisieren, da alles knapp war. Wir hatten jedoch auch viele Erfolgserlebnisse, weil immer wieder etwas besser wurde. Jeder hatte die Chance, sich am Aufbau zu beteiligen. 

Nachdem alles vorbei ist, denke ich heute, dass man die damalige Zeit nicht vergessen darf. Wir dürfen sie nicht vergessen und nicht verdrängen. Sie ist nämlich ein Teil der Vergangenheit und Geschichte unseres Volkes. Und sie gehört zur Geschichte unseres Volkes. Wir haben Verantwortung dafür und müssen aufpassen, dass sich so etwas nie wiederholt. Wir tragen die Geschichte mit uns. Die Gefahr besteht jedoch immer, dass so ein Ereignis noch einmal passiert. Ich meine, dass die jungen Leute kein Schuldgefühl haben müssen, aber Verantwortung haben sie auch. Es bedrückt und belastet mich, dass unser Volk so viel Schuld auf sich geladen hat.

Unsere Eltern haben sich verführen lassen und haben es an uns weiter gegeben. Auch mein Vater hat früher für Hitler gekämpft. Er glaubte auch an Hitler und daran, dass mit ihm alles besser wird. Mein Vater ging somit auch früh in die Partei. Es gab jedoch dann kein Zurück mehr für ihn. Jeder Rückzieher hätte ihm sein Leben gekostet oder schnell ins KZ (Konzentrationslager) geführt.