Dieser Eintrag stammt von Sabrina Hauel *1988

Interview mit Herrn Werner Flocken *1926

Nachkriegszeit

Als das Kriegsende sich dem Ende näherte, konnte man sich gar nicht vorstellen, was dieses Ende für die Deutschen bedeuten sollte. Man wusste, dass es nahte, doch wann es tatsächlich eintraf, war nicht sicher. Man hätte so gerne geweint, konnte es aber nicht, da man über die Zukunft nicht mehr richtig nachdachte und man sich eigentlich ständig die Frage stellte: "Was kommt heute oder morgen früh? Lebe ich morgen Abend noch?".

Kriegsende?
Herr Flocken, der  Flakhelfer war, im Arbeitsdienst arbeitete und 1944 Soldat wurde, war einer von denen, der sich über das Kriegsende gar nicht so richtig im Klaren war. Er wusste nicht, ob er sich freuen oder traurig sein sollte. Es gab am Ende des Krieges keine regelmäßige warme Verpflegung mehr für die Soldaten, da die Versorgung durch die vielen Luftangriffe nicht mehr zu regeln war. Könnte es wirklich noch schlimmer kommen? Ja, das konnte es...

Die Gefangenschaften
Herr Flocken wurde am Ende des zweiten Weltkrieges von den Amerikanern gefangen genommen und wurde in einem Güterzug weggefahren. Dies war eine Art Massentransport, bei dem es während der ganzen Fahrt kein Essen und kein Trinken gab. In diesem Zug war es total eng. Es konnten nicht alle zur gleichen Zeit sitzen oder liegen, sie mussten sich in dem Güterzug abwechseln. Die Fahrt sollte ins Ruhrgebiet gehen, wo sie ein paar Tage bleiben sollten. Während des Aufenthaltes im Ruhrgebiet mussten sie unter freiem Himmel auf Wiesen schlafen.
Ein paar Tage später, ging die "Reise" nach Frankreich weiter. Erneut in einem viel zu engen Zug mit sehr schlechten Bedingungen. In Frankreich angekommen, wurden sie in ein Auffanglager in Rouen gebracht und wurden in sogenannte "Cages" gesteckt. Ein Cage war so riesig, dass man Bewegungsfreiheiten hatte, obwohl man mit Hunderten von Menschen in einem Cage gelebt hat. Es waren sogar Zelte zum Schlafen darin aufgebaut. Die Verpflegung war angemessen. Es gab einmal am Tag warme Verpflegung. Wenn man aus seinem Cage herausgeguckt hat, sah man Dutzende von Cages. Man konnte nichts anderes sehen.  Die hygienischen Verhältnisse waren allerdings katastrophal. Es gab Toiletten, die im Boden waren, jeder vollbrachte sein Geschäft also auf der selben Toilette, die vielleicht einmal pro Woche gereinigt wurde. Dies bedeutete, dass ein heftiger Gestank die Cages durchfuhr. 
Doch auch dieser Aufenthalt sollte nur ein paar Tage andauern, denn die eigentliche Fahrt sollte nach Amerika gehen...


Die Fahrt nach Amerika war ein totaler Horror. Man fuhr mit dem Schiff nach Amerika. Man hatte zwar im Gegensatz zum Güterzug total viel Platz im Schiff, doch die negativen Aspekte überwogen. So gab es zum Beispiel während der drei Wochen Fahrt nach Amerika keine warme Mahlzeit. Auch das Schlafen war ein Desaster, denn man hatte keine Betten, keine Matratzen nicht einmal ein Feldbett. Man musste auf den harten und total kalten Schiffsplatten auf dem Boden schlafen.
Auch als sie in Amerika angekommen waren, wollte sich die Lage einfach nicht verbessern. Die Amerikaner, liebten es die Deutschen leiden zu sehen. Sie bekamen eine Baracke für 50 Mann und mussten von morgens bis abends arbeiten. Hatten sie an einem Tag mal nicht alles geschafft, mussten sie im Dunkeln bei Scheinwerferlicht weiter machen. Die Amerikaner haben sie hungern lassen, weil sie sehen wollten, wie sie leiden. Sie haben sich keine Mühe gegeben sie kennenzu lernen, sondern haben alle über einen Kamm geschert. Es gab allerdings auch positive Ereignisse in der amerikanischen Gefangenschaft. Zum Beispiel haben sie jede Woche frische Bettwäsche bekommen und sie durften täglich duschen, so lange sie wollten- mit warmem Wasser. Herr Flocken nannte dies Luxus. Das Schlimmste in Amerika allerdings war, dass er ein Jahr lang keine Nachricht von seiner Familie bekam und somit nicht wusste, ob sie den Krieg überlebt haben.

Als sich der Krieg dann tatsächlich dem Ende näherte, kam Herr Flocken mit vielen anderen deutschen Soldaten nach England. Hier verweilte er von 1946 bis zum Jahre 1948, sprich zwei Jahre.
In England fühlte er sich wieder viel wohler. Die englischen Lagerverhältnisse waren zwar nicht zu vergleichen mit den amerikanischen, doch die Leute in England waren viel freundlicher zu den Deutschen. Hatten sie am Tag zum Beispiel viel und hart gearbeitet und sind fertig geworden, durften sie abends das Gefangenenlager verlassen und durch die Straßen Englands ziehen. Auch die Verpflegung war in England viel besser. In England gab es eine Lagerbibliothek in der man lesen konnte. Dank dieser Bibliothek hat Herr Flocken sich in seiner Freizeit sehr viel mit der deutschen Politik beschäftigt und hat beim Lesen erst begriffen, warum die Welt sich so bekriegt.
In England gab es dann schließlich auch die lang ersehnte Nachricht von seiner Familie, aus der er schließen konnte, dass er es während seiner Gefangenenlager Aufenthalte viel besser hatte als seine Familie in punkto warmer Verpflegung und Unterkünfte. Nun wusste er endlich, dass seine Familie noch am Leben war, und konnte sich auf zu Hause freuen. 

Es war soweit... Kriegsende!
Herr Flocken wurde mit sehr vielen weiteren Deutschen von England direkt nach Deutschland gebracht. Herr Flocken verbrachte zuerst zwei Tage bei Munster in der Heide. Von dort aus hat er nach Hause telegrafiert, um Bescheid zu sagen, dass er bald nach Hause kommt. 

Er konnte nicht fassen, wie kaputt doch alles war. Er erkannte nichts wieder. Die Straßen waren voll mit Schutt von den daneben stehenden Häusern. Überall lagen Leichen auf den Wegen herum. An den Hauswänden klebten Vermisstenanzeigen und in jeder Ecke sah man hilflose und verzweifelte Menschen, die weinten, weil sie nicht fassen konnten, was geschehen war.
Es gab aber auch Leute, die das Schicksal ausnutzten und sich den Besitz der Verstorbenen unter den Nagel rissen.
Es dauerte nicht lange, da fing man an, die Städte wieder aufzubauen. Man baute Wände vor Hauseingänge, weil man Angst vor Seuchen hatte, die von den Toten in die Häuser kommen könnten. Alle halfen mit aufzubauen. Waren es KZ Häftlinge, ehemalige Soldaten, Freiwillige oder die Trümmerfrauen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, alle wollten helfen. Es gab Wasserwagen, von denen man sich Wasser holte, wenn man es brauchte, und man tat etwas gegen die Plünderei. Es wurden Schilder aufgehängt, auf denen stand "Wer plündert wird mit dem Tode bestraft".

Nachwort
Heute noch ist die Trauer und der Verlust nicht überwunden. Man sucht noch immer nach Verwandten und Freunden und man wird in jeder Straße mit den damaligen Ereignissen konfrontiert. Sind es Straßennamen die etwas mit damals zu tun haben, die "Judensteine", die vor jedem Elternhaus der verstorbenen Juden zu sehen sind, Hakenkreuze oder durchgestrichene Hakenkreuze an Häuserblöcken, die heutigen "Linken" oder "Rechten", Zeitungsartikel, Fernsehberichte oder einfach nur Bilder. Das schreckliche Geschehen von damals wird uns nie wieder loslassen. 

Also redet über damals, damit sich so etwas Schreckliches nicht wiederholt!