Dieser Eintrag stammt von Martina Holz *1988

Interview mit Frau Gisela Birkholz *1934

Nachkriegszeit – eine schwere Zeit

Im April 1945 war in Bamberg der Krieg zu Ende. In meiner Erinnerung haben es die Erwachsenen als Niederlage empfunden, zumal von jetzt an gleich viele Dinge verboten waren. Befreiung bedeutete das Kriegsende sicher nur für die Menschen, welche unter den Nazis gelitten hatten.

Das Alltagsleben war für uns schlagartig schwieriger geworden. Erst einmal gab es keine Lebensmittel mehr. Das Wasser war abgesperrt. Für lediglich 2 Stunden am Tag durften wir Wasser aus einem Brunnen holen. Dort stand dann auch immer ein amerikanischer Soldat, der alles beobachtete. Man durfte nicht mit anderen sprechen. Auch die Gasversorgung und der Strom waren nur für zwei Stunden gegeben. Man musste also in dieser Zeit kochen und dann das Essen in so genannten Kochkisten aufbewahren. 

Wenn man von einem Stadtteil in einen anderen musste, so wurden die sogenannten Hilfsausweise kontrolliert. 
Für Lebensmittel musste man lange an den Geschäften anstehen, manchmal schon ab 4 Uhr morgens. Wir hatten immer einen kleinen Klapphocker dabei und nach etwa zwei Stunden Wartezeit kam immer eines der Geschwister zur Ablösung.
Flüchtlinge gab es unzählige. Sie waren in allen größeren Gebäuden untergebracht und die Wohnungen wurden auf ihre Größe kontrolliert und wer bezogen auf die Anzahl der Bewohner eine zu große Wohnung hatte, bekam Flüchtlinge einquartiert. Dies war z.B. bei meinem Großvater der Fall. Wir selbst mussten keine Flüchtlinge aufnehmen. Als meine Mutter jedoch eines Tages eine hochschwangere Frau in einem Flüchtlingslager entdeckte, nahm sie sie mit zu uns. Sie durfte bei uns im ausgebauten Dachboden wohnen. Ihr Kind wurde dann dort geboren.

Weil alle Versorgungsgüter so knapp waren, haben sich Tauschzentralen entwickelt. Jeder der etwas nicht unbedingt brauchte oder sogar doppelt hatte, hat versucht dieses gegen etwas zu tauschen, was dringender war. So tauschte man z.B. ein Bügeleisen gegen Kinderschuhe. Auch der Schwarzmarkt hat zu dieser Zeit geblüht, wer z.B. amerikanische Zigaretten hatte, bekam für drei Zigaretten ein Stück Butter. Aber wehe, man wurde erwischt, dann drohte einem eine harte Strafe. Die Frauen haben angefangen für die Amerikaner Wäsche zu waschen, um sich dann dafür mit Zucker, Butter, Kaffee oder ähnlichem bezahlen zu lassen. 
Zu der Zeit haben wir auch unsere Hündin decken lassen. Sie bekam sechs Welpen, welche wir dann an die Amerikaner verkauften.

Der Wiederaufbau war in Bamberg nicht so schlimm, weil kaum Bombenschäden vorhanden waren. Trümmerfrauen gab es von daher bei uns nicht. 
Carepakete existierten bei uns ebenfalls nicht, warum weiß ich nicht.

Schule
Der Unterricht fand erst einmal gar nicht statt. Ich denke, es war im September 1945, als die Volksschulen wieder geöffnet wurden. Weil es durch die vielen Flüchtlinge so viel mehr Kinder in der Schule gab, wurde der Unterricht in zwei Schichten gehalten. Man hatte eine Woche von Montag bis Samstag von 8 Uhr bis 12.45 Uhr Schule und in der nächsten Woche von Montag bis Samstag von 13 Uhr bis 17.45 Uhr. Die Schulbücher waren knapp, man musste sie mit mehreren Schülern gleichzeitig benutzen. Zum Teil waren aber auch einige Bücher verboten, weil noch etwas aus der Nazizeit darin stand. Manchmal wurden aber auch nur einige Seiten entfernt. Als die Gymnasien wieder öffneten, durften meine beiden älteren Geschwister nicht aufgenommen werden, weil sie keiner Religionsgemeinschaft angehörten. Damit sie Abitur machen konnten, mussten sie erst in die evangelische Kirche eintreten, konfirmiert werden und dann ging es.
Damals gab es, von den Amerikanern gestiftet, eine tägliche Schulspeisung. Es gab jeden Tag in der großen Pause eine warme Mahlzeit, samstags immer Kakao und ein Brötchen.

Währungsreform
1948 gab es im Juni dann die Währungsreform. Das Geld wurde 1:10 abgewertet und von dem neuen Geld bekam jeder 20 DM. Für uns wurde es dann sehr schlimm, weil keiner Geld verdienen konnte. Wir haben dann Heimarbeit gemacht, unsere Mutter hat Stofftücher bemalt usw.. Wir haben dann ein so genanntes Internat aufgemacht. Wir haben fremde Kinder von Montag bis Samstag, sogenannte Fahrschüler, bei uns aufgenommen. In jedem Zimmer standen 4 bis 5 Betten, aber es war sehr lustig bei uns. Wir haben auch an einen Musikprofessor unser Klavier vermietet, d.h. er hat bei uns unterrichtet und dafür brauchte meine Schwester bei ihm nicht bezahlen.
Vor der Währungsreform gab es in den Geschäften keine Waren und über Nacht war dann auf einmal alles da, nur wir konnten es aus Geldmangel nicht kaufen. 
1949 war dann Ludwig Erhard Minister für Wirtschaft und der Marshallplan trat in Kraft. Das war ein Plan für Deutschland zum Wiederaufbau, meiner Meinung nach sehr erfolgreich.