Dieser Eintrag stammt von Jasmin Timmann


Man erfuhr alles erst später
Interview mit Otto Huss, Jahrgang 1925, über die 
deutsche Nachkriegszeit von 1945 - 1959.

Als der zweite Weltkrieg am 8.Mai 1945 vorbei war, wurde Herr Huss in russische Gefangenschaft genommen und in die "Tschechei" gebracht. Der Oberbefehlshaber der Russischen Besatzungszone hieß Schukow. Herr Huss kämpfte lange an der Front und aus Überzeugung, das Richtige zu tun. Deswegen fühlte er sich besiegt und nicht befreit. 

"In Hamburg gab es nach dem Krieg nicht viel zu essen, und man hat sich nicht so viel mit Politik befasst, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Man wurde nicht mit einbezogen in die politischen Geschehnisse, wie damals bei Hitler. Man hat höchstens mal mit Nachbarn zusammen gesessen und diskutiert, aber auf keinen Fall öffentlich." 

Die Welt sah Deutschland nun als Verlierer, ganz, ganz unten. "Die ganze Welt war gegen uns, Italien und Japan weg. Wir standen alleine da. Alle waren Feinde." 
Erst in den 60/70er Jahren wurde es für die Landbevölkerung publik, dass 1945/46 ein Prozess in Nürnberg gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfand. "Man erfuhr das alles erst später, denn es gab damals keine Nachrichten, keine Zeitung, kein Fernsehen und kein Radio."

Als Herr Huss von der Anklage erfuhr, konnte er nicht sagen, sie hätten es verdient. Denn Jahrgang 1925 habe keine Demokratie kennengelernt, und alles was ihnen eingebläut wurde, hielten sie natürlich für das Richtige. Im Nachhinein räumt er ein, dass alles Unrecht war was geschehen ist.

Zu den Trümmerfrauen: "Alle wehrfähigen Männer wurden eingezogen, und die Frauen übernahmen die Arbeiten der Männer. Durch die Bombenangriffe auf unsere Großstädte verloren 100.000 ihre Wohnung. Um eine Bleibe zu finden, haben die Frauen Steine gesammelt und geputzt, um provisorische Unterkünfte für die Familie zu bauen. In Hamburg wurden zum Beispiel viele Keller ausgegraben und dann ausgebaut. Meine Schwester Edith wurde ausgebombt, und im Feuersturm über Hamburg sind viele Menschen umgekommen. Die größte Last lag auf den Schultern derer in der Heimat. Zum Glück sind die auf dem Land verschont geblieben."

1947 stellte George C. Marshall (1880-1959) den berühmten Marshallplan zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas auf. (ERP = European Recovery Program.) "Man kann Marshall verdanken, dass unsere Wirtschaft so schnell wieder aufgebaut wurde, "das Wirtschaftswunder", und dass wir die Mitbestimmung erhalten haben." 

1948: Die Währungsreform. Die Lebensmittelkarten wurden abgeschafft. Vorher trennte man ein Stück ab und erhielt zum Beispiel 50g Butter. Man tauschte und sagte: "Was hast du, ich hab das...". Jetzt konnte man alles kaufen, was man wollte. "Wir waren froh, man konnte wieder alles kaufen. Mit der neuen Währung ging das Wachstum los." 1948 herrschte immer noch Hunger in Deutschland, die Städte und die Wirtschaft lagen danieder, eine Währungsreform war nötig. Jeder bekam 40 DM, und Herr Huss hatte sich riesig gefreut, denn soviel hatte er damals nicht. Die Reichsmark war als Zahlungsmittel nicht mehr angesehen und war deshalb nur von 1923/24 - 48 auf dem Markt. Im August gab es noch mal 20 DM drauf für jeden, damit wurde ganz sparsam umgegangen. "Wir hatten noch nix auf der hohen Kante." Es gab auch keine Zigaretten-Marken, und nur die Besatzungsmächte hatten Zigaretten. Herr Huss hat in seiner Zeit im Arbeitsdienst und in der Wehrmacht gerne geraucht. Man kannte die Nachteile und Lungenkrebs nicht. 

Zur Berliner Luftbrücke konnte Herr Huss nicht so viel sagen, da er ein einfacher Soldat war, ein "Lanzer", so nannte man diese. 1848/49.
Mit der DDR und den Genossenschaften hatte Herr Huss nichts zu tun und es interessierte ihn auch nicht. Er hatte andere Dinge im Kopf, denn er hatte ja schon mit 23 eine Frau und zwei Kinder. Sein Vater war verstorben, und er hatte noch einen Bruder von 12 Jahren. Da musste er sich um seine Arbeit und um seinen kleinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb hinterm Haus kümmern. "Es gab eine 48- Stunden Woche, auch Sonnabends wurde gearbeitet. Es gab noch keine Gewerkschaften, die Einfluss nahmen."

1948 unterschreibt Adenauer die neue deutsche Verfassung, die DDR war noch nicht dabei, heute heißt die Verfassung Grundgesetz. Das interessierte Herrn Huss nicht. 

Adenauer und de Gaulle hatten eine Vision: Ein vereinigtes Europa und keine Kriege mehr. "Ihm haben wir zu danken." Auch war es Adenauers Verdienst, dass die restlichen Gefangenen wiederkamen, die letzten 10.930 Heimkehrer aus der Sowjetunion. Später las Herr Huss, dass es ein großes Spektakel war, als Adenauer bei Chruschtschow war.

Herr Huss weiß, dass Junker Gutsbesitzer mit etlichen 100 ha Landbesitz waren, meistens die Söhne von Adeligen. Hauptsächlich lebten sie in Ostdeutschland, Pommern und Schlesien. "Viele Flüchtlinge aus dem Osten waren hier. Sie kamen mit riesigen Kolonnen", erinnert sich Herr Huss. "Trecks kamen rüber, sie mussten alle untergebracht werden."

1951/52/53 spielte Herr Huss mit der 1. Mannschaft aus Westdeutschland in der DDR in Meißen und Leipzig Handball. Man informierte sich über die DDR, durfte aber nicht frei sprechen, war in jeder Beziehung vorsichtig und äußerte sich auf keinen Fall politisch. Man war verunsichert. 

Zum 17.Juli 1953 hat Herr Huss zu sagen, dass es sehr mutig von den Demonstranten war, sich gegen die DDR-Regierung aufzubäumen.
'54 Teufelsort, eine Gaststätte hier in Vierlanden, hatte einen Fernseher und viele guckten dort das Endspiel der Weltmeisterschaft. Herr Huss verfolgte dies am Radio und nannte den Begriff "Goebbelsschnauze". "Ganz Deutschland war begeistert, seit Jahren wieder einen Weltmeistertitel, ein Erfolg."
Zur Nato 1954: "Wir fühlten uns nicht sicherer, allgemein war die Meinung über die anderen Staaten nicht die Beste, verständlich. Im Laufe der Zeit akzeptierte man mehr. Durch die Gleichberechtigung kamen sich die Staaten näher."
'55 War es vorbei mit den Besatzungszonen und '56 wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Herr Huss musste nicht zur Bundeswehr, wichtig waren die 18- 21-Jährigen.

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