Dieser Eintrag stammt von Ayca Kabukcu *1989

„Eine schlimme Zeit zu durchstehen, heißt für mich stärker werden“ 

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Ilse C. (* 1915)
Frau Ilse C. ist heute 90 Jahre alt. Am 11.07.1915 wurde sie geboren und sie hat eine Tochter. 

Die Erinnerung ist frisch, als wäre es gestern gewesen. Als ich am 8. Mai 1945 im Radio hörte, dass der Krieg zu Ende ist, dachte ich: 
"Danke lieber Gott, dass du mir und meiner Tochter die Kraft gegeben hast zu überleben." 
Das Kriegsende empfanden viele als Befreiung, wie zum Beispiel die Juden, die aus ihren Verstecken kommen konnten, oder die KZ-Häftlinge, die endlich befreit und medizinisch versorgt wurden. Ich hatte Angst vor der Zukunft, denn ich wusste, dass der Krieg zu Ende war. Aber niemand wusste, was jetzt mit Deutschland passiert oder passieren wird. Diese Gedanken waren schlimm, denn sie waren immer da und haben mich sehr beschäftigt. Ich habe mich noch nicht einmal getraut über den Wiederaufbau nachzudenken. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viele Menschen aus Freude auf den Trümmern getanzt haben. 

Ich habe über das Radio erfahren, dass Hamburg zur englischen Besatzungszone gehörte. Wir mussten also erst einmal zu Hause bleiben und einen Brief an die Alliierten schreiben, damit wir unsere neuen Ausweise bekommen konnten. Dies war ein kleiner Blick in die Zukunft. 

Ich gehörte zu denjenigen, die es eigentlich sehr gut hatten. Denn ich habe zu der Zeit für einige Monate im Wartegau gelebt. Dies war ein Sumpfgebiet und der Boden war sehr fruchtbar. Dieses Gebiet wollten die Polen haben und somit wurde es sehr geschützt. Keine einzige Bombe ist dort gefallen. Bis Küstrin musste dann später alles geräumt werden. 

Durch einen Schutzengel hatte ich es sehr gut: Es gab einen russischen General, der gegen Ende des Krieges in meine Wohnung kam und dort einzog. Ich konnte natürlich nichts dagegen unternehmen. Meine Wohnung war sozusagen das „Haus der Freizeit“ für ein paar Russen. Als er dann einmal nach draußen ging, hat er zu mir gesagt, dass, falls jemand käme, ich demjenigen das Gewehr im Schrank zeigen sollte. Natürlich kamen öfters Soldaten und ich zeigte ihnen immer das Gewehr. Die gingen fort, ohne etwas zu sagen bzw. etwas zu machen. In dieser Zeit habe ich mich sehr sicher gefühlt, aber trotzdem frage ich mich heute noch, warum mein größter Feind mir so geholfen hat. 

Es sind schreckliche Dinge passiert, die ich keinem auf dieser Welt wünsche. 
Als Mutter musste ich eine harte Zeit durchstehen. Es wurden sehr viele Mädchen und Frauen vergewaltigt. Immer standen 10 bis 20 Russen Schlange bei einem Mädchen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie genau 16 Russen bei meiner Tochter Schlange standen. Ich musste zusehen, wie meine eigene Tochter vergewaltigt wurde, und das nicht nur einmal. Diese Männer waren widerlich. Wenn ich jetzt zurückdenke, frage ich mich, warum ich nichts unternommen habe. Aber wenn ich dann noch einmal überlege, merke ich, dass ich sehr wenig oder eigentlich nichts dagegen machen konnte. Immer, wenn ich daran denke, muss ich weinen. 

Nach dem 2. Weltkrieg war Deutschland weit und breit nur noch ein Trümmerfeld.
Durch den Marshall-Plan konnte Deutschland wieder auf die Beine gebracht werden. Denn das Ziel war, die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Damals sollte der Kommunismus verhindert werden. Auch dies strebte der Marshall-Plan an. 

Dann kam auch noch die Währungsreform. Die war im Juni 1948. Jeder hat vorher darüber geredet, aber trotzdem wusste niemand,  wann genau etwas geschehen sollte. Wir haben nur darauf gewartet bis endlich mal was passiert.
Während dieser Zeit hatten ich und meine Familie sehr wenig Geld. Das Einzige, was uns zu der Zeit auf den Beinen hielt, waren die so genannten „Schwarzmärkte“, die nach dem Motto „Gib mir das, und ich gebe dir das“ funktionierten. Natürlich haben viele an diesen Märkten teilgenommen, wie auch meine Familie. Was mir auf diesen Märkten aufgefallen ist waren die Beziehungen, denn die waren sehr gut, trotz der Umstände damals. Niemand kannte sich, trotzdem konnte man eine gewisse Wärme spüren. Außerdem konnte man den anderen auch sehr gut verstehen, denn wir waren alle in derselben Situation. Ohne diesen Zusammenhalt wäre vieles nicht so erfolgreich gewesen. 

Später kam eine riesige Überraschung auf uns zu. Über Nacht war alles wie hergezaubert, alles war wieder da. Die Schaufenster waren je nach Branche mit all den Dingen gefüllt. 
Alle waren glücklich, niemand machte sich Gedanken, denn jetzt war alles wieder da. Aber trotz allem fragte ich mich, wo die ganzen Sachen herkamen, und wo sie während des Krieges waren. Jeder hat 40 DM bekommen. Ich weiß noch ganz genau, dass dies ein Sonntag war. Niemand konnte in der Nacht schlafen, weil die Geschäfte ab Montag wieder geöffnet waren. Alle haben sich wieder wie normale Menschen gefühlt. Mit nur 40 DM kam man sich „reich“ vor. 

Nach dem Krieg gab es genug Arbeit. Ich habe einen Arbeitsplatz in der Drogerie bekommen und konnte nun wieder normal leben. Die Trümmerfrauen gab es auch. Ich weiß, dass sie die Mauersteine gesäubert haben. Somit haben sie dafür gesorgt, dass Hamburg wieder aufgebaut werden konnte. 

Den Schulbetrieb darf man natürlich nicht vergessen. Lehrer, die geflüchtet sind, haben schnell einen Arbeitsplatz bekommen. Viele Lehrer wurden „entnazifiziert“.
Das Einzige, was einige Zeit gelitten hat, war der Verkehr. Dazu fällt mir auch noch ein, dass es die „Kohlenzüge“ und den „Blockwagen“ gab. Viele sind auf die Waggons der Kohlenzüge gesprungen um sich ein wenig Kohle zu holen, um die Wohnung zu heizen. Sie sind wieder abgesprungen und mussten kilometerweit nach Hause zurück laufen. Den Blockwagen hat man benutzt, um im Wald Holz zu hacken. Wurde man jedoch von der Polizei erwischt, musste man zunächst alles entladen und dazu gab es dann noch eine Strafe. Alles musste also zu Fuß erledigt werden. 

Ich erinnere mich noch an eine Geschichte, als ein Stationsarzt sich und seine Familie umgebracht hatte. Die Russen haben seine schwangere Frau vergewaltigt. Der Mann hielt es nicht aus, und brachte sich, sein Kind und seine Frau um. Er hinterließ einen Brief, in dem stand:
„Was wir alles erlebt haben, damit kann ich nicht leben. Ich bin Arzt, und Arzt sein heißt helfen.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Hier sieht man, wie unmenschlich ein Teil der russischen Soldaten war. Und wie sie versucht haben, die Menschen klein zu kriegen. 

Man kann wirklich nicht sagen, ob die Zeit während des Krieges oder nach dem Krieg schlimmer gewesen ist.  Für mich persönlich war es die Zeit während des Krieges, obwohl man es nicht so genau sagen kann. Aber immer mit der Angst zu leben, dass man sterben könnte, finde ich schlimmer als die Zeit nach dem Krieg, wo man weiß, dass es endlich vorbei ist, aber man trotzdem nichts hat. 

Für die jetzige Generation hoffe ich, dass sie daraus lernt. Man kann sich nicht in eine Person hineinversetzen, die mal im „Dreck“ gesessen hat. Man muss selbst mal im Dreck stecken, um sich überhaupt klar zu werden, wie gut man es eigentlich hat. 
Natürlich hoffe ich, dass so etwas nie wieder passiert. Eigentlich gibt es wenig Unterschiede zu früher, denn früher waren es die Juden und heute sind es die Ausländer. Und da wundern sich viele, dass die Jugend heutzutage rebellisch ist. Ich weiß ganz genau, wie es ist, nichts zu haben. Deswegen esse und trinke ich alles, was auf meinen Teller kommt. Nach dem Krieg habe ich fast nichts weggeworfen. Vieles habe ich verschenkt oder verkauft. Ich will alles vollkommen vergessen, aber es geht einfach nicht. Sogar nachts werde ich noch wach und muss daran denken. Warum kann auf der Welt nicht einfach Frieden und Ruhe herrschen?