Dieser Eintrag stammt von Katerina Todoroska

"Ende des Krieges und die Zeit danach"
Olga Husak erzählt über die damalige Zeit

Im Januar 1945 musste ich mit meiner Mutter aus meiner Heimatstadt Posen in die Lüneburger Heide nach Uelzen flüchten, da die Ostfront immer näher rückte. 
Als der Zweite Weltkrieg dann zu Ende war, empfand ich in erster Linie natürlich Erleichterung, dass nicht mehr geschossen wurde, dass man nicht mehr im Keller hocken musste, dass man keine Angst mehr zu haben brauchte. Aber dann war da natürlich auch eine große Unsicherheit, denn es war uns eingetrimmt worden, dass die Feinde uns mit ihren Bomben ohne Erbarmen auslöschen und Deutschland für immer okkupieren wollten. Trotzdem hofften wir, dass es irgendwie weitergehen würde.

Den Krieg an sich habe ich nicht so direkt mitbekommen. Posen war bis zum Kriegsanfang polnisch. Der Polenfeldzug war sehr kurz. Ich glaube, er dauerte nur 14 Tage. Dann war bei uns erst einmal Ruhe. Natürlich hörte man während des Krieges, als sich die Lage zuspitzte, von Terrorangriffen auf andere Städte. Das war bedrückend, aber weit weg.

Ich war acht Jahre alt und bekam als Kind natürlich nicht mit, was im einzelnen geschah, obwohl ich schon bald merkte, dass sich sehr ungerechte Dinge abspielten. Jede Art von Kritik war unerlaubt und meine polnische Freundin Stanka durfte plötzlich nicht mehr mit mir im vorderen Wagen der Straßenbahn fahren. Das fand ich empörend! 
Das waren Dinge, die einem erst später so richtig klar wurden und das hat meine Meinung zum Regime natürlich drastisch verändert.

Im Februar wurde Uelzen furchtbar bombardiert und wir waren plötzlich dem Schrecken des Krieges ausgeliefert. Wenn Häuser nach Bombenangriffen in Trümmern lagen, mussten alle mithelfen, noch Brauchbares zu bergen.
In unserer Nähe war ein Straßenzug dem Erdboden völlig gleichgemacht worden. Dorthin musste ich als 14-jähriges Mädchen zum Hilfseinsatz und sah Leichen, die auf ausgehängten Türen abgelegt waren. Diesen Anblick werde ich nie vergessen!
Der Einsatz aller Menschen half, dass sich nach solchen Angriffen ganz allmählich die Verhältnisse in der Stadt "normalisierten", wenn auch die Trümmer erstmal liegenblieben.
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In Uelzen musste ich auch wieder in die Schule. 
Unsere Schule war aber abgebrannt und ein Unterricht war nicht möglich; statt dessen wurden wir nach dem Kriegsende zum Ernteeinsatz und zu anderen Arbeiten auf die Felder geschickt. Ich fand es trotz der Plackerei jedoch sehr schön. Auf diese Weise lernte ich gleich die zukünftigen Klassenkameradinnen kennen, und zu essen gab es auch.

Nach einem Jahr wurden wir in das Gymnasium für Jungen gesteckt, damals hieß es noch Oberschule. Obwohl wir Flüchtlinge waren, musste meine Mutter monatlich 20.- RM Schulgeld bezahlen. Es fehlten Lehrer, es fehlte Material, es fehlte eigentlich an allem. Wir hatten weder Hefte noch Bücher und saßen in ungeheizten Räumen. Ich war auch nicht frei von Neid, denn es gab viele Einheimische, denen der Krieg nichts angetan hatte. Sie lebten in ihren schönen großen Wohnungen, hatten zu essen und Kleidung. Bei mir war es sehr armselig und dürftig. 


10 Jahre lang wohnten wir mit vier Personen in anderthalb Zimmern zur Untermiete. Die Küche wurde von den Hauptmietern und weiteren vier Personen genutzt. Sie war auch der einzige geheizte Raum und dort wurde alles gemacht. Dort wurde gekocht, dort haben wir in einer Zinkwanne gebadet, dort erledigte ich meine Hausaufgaben. Wir haben sehr oft beisammengesessen, gesungen und wir erzählten uns Geschichten. Es waren nette Menschen, bei denen wir untergekommen waren und man half sich, wo man nur konnte. An diese Zeit habe ich sehr gute Erinnerungen. Wir hatten Glück; anderen ging es sehr viel schlechter.

Aus Not wurde viel geklaut und es herrschte auf dem Schwarzmarkt ein reger Tauschhandel.
Mein Bruder arbeitete als landwirtschaftlicher Lehrling bei einem Bauern und konnte uns manchmal mit Lebensmitteln unterstützen.
Einmal wurde er von einem Polizisten geschnappt, denn er hatte hinten auf dem Fahrrad einen kleinen Sack Korn, den ihm der Bauer gegeben hatte. Das durfte aber nicht sein, weil alles zugeteilt wurde. Zum Glück hat der Polizist die Anzeige fallen gelassen.

Meine Mutter hatte Arbeit in der Küche einer Molkerei. Oft schleppte sie Essensreste mit nach Hause, und wir haben deshalb nicht unter Hunger gelitten. Man musste nur "organisieren" können.

Viele hatten das Glück, auch mal ein "CARE"-Paket aus Amerika zu bekommen, doch uns hat leider keines erreicht. 1946/47 gab es die sogenannte "Schulspeisung". Ich erinnere mich an eine Suppe, so eine Art Erdnusspampe, die aber ganz gut schmeckte und satt machte.

Ansonsten war mein Alltag auch abwechslungsreich. Ab 1946 liefen wieder die tollsten Filme. Wir haben viel im Kino zugebracht, denn dort wurde auch geheizt.
In Dorfsälen der Umgebung wurden Theaterstücke und Operetten aufgeführt. Die Ausstattung war zwar primitiv aber es waren trotzdem Ausflüge in ein andere Welt, und mit meinem Tanzstundenfreund gönnten wir uns diesen "Luxus"; sobald wir es uns leisten konnten. Insgesamt war das Leben sehr bescheiden. Aber durch meine vielfältigen Interessen wurden sogar die beengten Wohnverhältnisse erträglicher. Ich war im Mädelchor, in einer Laienspielgruppe, im Turnverein, in der Turnerjugend und auch in der Schwimmabteilung.

Im Nachhinein weiß ich wirklich nicht, wie meine Mutter es geschafft hat, uns durch diese Zeit zu manövrieren. Sie war tüchtig und erfindungsreich.

Von Konzentrationslagern während der Nazizeit hatte ich keine Ahnung. Nachdem aber die furchtbaren Kriegsverbrechen bekannt wurden, war ich natürlich sehr geschockt. Die Todesstrafe für einen Teil der Kriegsverbrecher fand ich daher auch nur gerecht. Weshalb einzelne Angeklagte aber nur Freiheitsstrafen bekamen oder freigesprochen wurden, habe ich nicht verstanden. 
Die eingeleitete Entnazifizierung, fand ich nötig und auch, dass die Steigbügelhalter der Nazis zur Rechenschaft gezogen wurden. Allerdings gab es in diesen Verfahren wieder neue Ungerechtigkeiten.

Ich weiß, dass zur Wiedergutmachung ganze Fabriken, Bahnstrecken und vieles andere mehr abgebaut und in die Siegerländer geschafft wurden. Später sorgte der Marshall-Plan dafür, dass ein Aufbau im zerstörten Europa möglich gemacht wurde. Natürlich haben wir das als ein sehr positives Zeichen gesehen.

Eine völlige Wende für uns war die Währungsreform. Mit einem Mal waren die Regale in den Läden gefüllt. Lang vermisste Dinge, die man während der ganzen Zeit nicht kaufen konnte, waren plötzlich zu haben.

Unser Geld kam erst einmal für den allgemeinen täglichen Bedarf in die Haushaltskasse. Doch ich war natürlich auch eitel und wollte ein neues Kleid haben. Plötzlich gab es sogar wieder Stoffe in den Läden und ich nähte mir zum ersten Mal selber ein Kleid. Das war für mich ein großes Erfolgserlebnis.
Man musste einfach zusehen, wie man aus dem wenigen Geld viel machen und sogar noch etwas sparen konnte. Es war ein tolles Gefühl, auf einmal Geld zu besitzen, das wieder einen Wert hatte.

Politisch führte die Währungsreform zu Spannungen mit der Sowjetunion. Es folgte die Blockade von Berlin, das in vier Zonen geteilt war. Zu dieser Zeit konnte man in die Berliner Westsektoren nur auf dem Luftweg kommen. Der Ostsektor war für uns verschlossen. Eine Großtat war die Luftbrücke nach Westberlin. Mit Freude beobachteten wir, dass die Amis sich nicht in die Knie zwingen ließen.

Als Folge des verlorenen Krieges wurde Deutschland. in Ost und West geteilt. Nun gab es die Bundesrepublik Deutschland und wenig später die Deutsche Demokratische Republik.

Uelzen war nicht weit entfernt von der Zonengrenze. Man hörte von tragischen Familiengeschichten. Wenn zum Beispiel die Eltern im Osten lebten und die Kinder im Westen, konnten sie nicht zueinander kommen. Auch nicht, wenn ein Familienmitglied krank wurde oder starb. Das war furchtbar. Die Menschen taten uns sehr leid.

Ich hatte eine Freundin, die in Ratzeburg lebte. Ihr Vater wollte in die DDR, sie aber nicht, denn sie fühlte sich wohl in Ratzeburg. Leider konnte sie nichts gegen die Entscheidung ihres Vaters tun und so kam sie nach Zwickau, wo sie dann später Lehrerin wurde. Anfangs schrieben wir uns noch Briefe, doch irgendwann klappte es nicht mehr, weil für sie Kontakte mit dem Westen verboten waren. Sie schickte mir höchstens mal eine Postkarte wenn sie auf Klassenfahrt ging, so dass die Postzensur den Text gleich kontrollieren konnte. 

Wir genossen wieder die freie Meinungsäußerung. Auch das war ja etwas, was viele Menschen erst mal wieder lernen mussten, denn die Angst, etwas Kritisches zu sagen, was einem Schaden zufügen konnte, war nicht mehr da. Im Krieg durfte man nichts Negatives äußern, denn: "FEIND HÖRT MIT“ und auch die "PARTEISPITZEL", sagte man. 

Lange haben wir als Flüchtlinge gebraucht, um wieder auf die Füße zu kommen. Wir haben in sehr engen Wohnverhältnissen leben müssen. Auch als ich 1957 heiratete, war es nicht einfach, eine Wohnung zu finden. Mein Mann hatte Arbeit in Hamburg gefunden, doch keine Wohnung. Wir zogen deshalb nach Schwarzenbek östlich von Hamburg. 4000 DM (verlorenen!) Baukostenzuschuss mussten wir zahlen. Das muss man sich 'mal vorstellen! Eine Schweinerei war das!

Inzwischen bin ich alt geworden und habe viele Lebenserfahrungen gesammelt. Heute würde ich niemals eine Partei wählen, die undemokratische und extreme Ziele verfolgt.
Es stimmt, dass mich die damalige Zeit geprägt hat, ich bekomme es zum Beispiel bis heute nicht fertig, Essen wegzuwerfen. Ich versuche immer noch, Reste weiter zu verwerten.
Es waren schwere Zeiten. Uns ging es damals schlecht, doch es gab Familien, denen es noch viel schlechter ging.

Jeder Krieg ist eine Katastrophe und ich wünsche mir, dass solche Erfahrungen meinen Kindern und Enkeln erspart bleiben.

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