Dieser Eintrag stammt von Anita Lachmanski *1988

Interview mit Frau Hedwig B. *1923

Mein Leben nach dem Krieg 

Es war der 29. Januar 1945. Ich war 22 Jahre alt und gerade mit meinem kleinen Sohn, meinen Eltern und meiner Schwester auf der Flucht aus dem Osten nach Deutschland. In drei Tagen haben wir 10 km hinter uns gelassen. Ich war schwanger. Es ging ziemlich langsam voran, da wir nur eine Spur befahren durften; die andere musste für das Militär freigehalten werden. An diesem Tag kamen die Russen und lenkten uns wieder zurück. Davor nahmen sie unsere zwei Pferde und gaben uns zwei verkümmerte kleine, die so klein und schwach waren, dass sie unseren Wagen kaum ziehen konnten. Deshalb mussten wir schieben helfen.

Als wir wieder auf unserem Bauernhof ankamen, waren wir erschüttert. Unser ganzes Haus war verwüstet, alle Türen geöffnet und alle Schränke, Stühle und Tische umgeschmissen. Das Vieh, das wir zurückgelassen hatten, lief durcheinander umher und im Haus lagen geschlachtete Hühner und Puten. Wir mussten fast ganz von vorne wieder anfangen. Mein Vater baute einen Holzbunker unter dem Hühnerstall. Dort mussten meine Schwester Ulla und ich Tag und Nacht bleiben. Etwas später baute mein Vater einen zweiten Bunker für das Essen und einen unterirdischen Weg von unserem Bunker zum Hauskeller, damit wir wenigstens ein paar Stunden mit unseren Eltern verbringen konnten.

Die Russen waren jeden Tag im Dorf. Sie haben immer noch versucht die Leute auszurauben, obwohl sie schon in den ersten Tagen vollständig ausgeraubt waren. Es kam oft vor, dass Leute einfach von einem Russen erschossen wurden. Aber es gab auch hilfsbereite, gute Russen. Eines Tages ging meine Ulla in unseren „Vorratsbunker“ und ein Russe hatte sie gesehen. Sie fing an zu laufen und er rief ihr hinterher: „ Lauf` nicht da rein! Dort ist es doch viel zu kalt, geh nach Hause!“. Einmal kam ein Russe zu uns nach Hause und wollte meine Stiefmutter- sie erzählte uns nie richtig weshalb- im Keller erschießen. Sie stellte sich vor die Wand, holte ihre Kreuzkette aus der Bluse und küsste das Kreuz. Als er das sah, ging der Russe einfach wieder.

Ein paar Tage später wurde mein Vater nach Rössel gebracht um über den Krieg zu erzählen, so sagte er es uns. Die meisten Männer, die dort hin gebracht wurden, kamen nie wieder, weil sie entweder nach Russland gebracht oder erschossen wurden.

 Mein Vater dagegen kam nach ungefähr einer Woche wieder nach Hause. An diesem Tag haben die Russen zwei Gewehre im Garten unseres Nachbarn gefunden und nahmen dafür seine Frau mit. Diese vergewaltigten sie wahrscheinlich; sie kam nie wieder. Sehr viele Frauen wurden von Russen vergewaltigt. Uns passierte dies nicht. Ich hatte sowieso sehr großes Glück gehabt. In dieser Zeit hätte ich schon meine Eltern verlieren können. Wir haben nie gehungert, wurden nicht vergewaltigt und überlebten diese schreckliche Zeit.


Der 08. April 1945 war der erste Tag, an dem kein Russe kam. Ab da lebten wir wieder zu Hause. Im Herbst 1945 waren schon einige Polen in Ostpreußen. Einmal haben betrunkene Russen einen Laden geplündert und wurden von polnischen Soldaten dazu gezwungen die Sachen zurückzugeben. Daraufhin drohten sie mit dem Mord der Besitzerfamilie. In der selben Nacht gingen die betrunkenen Russen auf den Hügel auf dem die Otts wohnten und töteten vier von fünf dort anwesenden Familienmitgliedern. Sie ließen nur das vierjährige Mädchen am Leben. Später stellte sich heraus, dass die Russen verkleidete Polen waren. Das hieß, dass man auch vor der angeblichen „Rettung“ nicht sicher war. 1947 kehrte alles zur Normalität zurück. Die Polen regierten.


Meine Ehe
Am 12. Oktober 1941 kam mein erstes Kind Dieter zur Welt. Danach musste Karl in den Krieg. Als er 1942 Urlaub bekam, heirateten wir. Wir führten eine Fernehe und es war nicht immer leicht. Als ich nach seinem Urlaub 1945 von ihm schwanger  wurde, machten wir ab, dass wir uns nach dem Krieg in dem Dorf Mnichowo wieder treffen werden. Alle Briefe, die er schrieb sollte er an meine Tante dort senden. 16. Juli 1945 kam Margot auf die Welt. Karl und ich verloren uns aus den Augen. 1950 schrieb ich ans Rote Kreuz. Sie gaben mir die Informationen, dass Karl in Krumbach (Schwaben) lebe. Ich bekam keine Antwort auf meinen Brief an ihn. 1956 schrieb ich noch einmal ans Rote Kreuz. Da hieß es, Karl sei verheiratet und habe drei Kinder. Diese Information war furchtbar. Für mich brach eine Welt zusammen. Dennoch musste ich irgendwie meine Kinder ernähren und fing an in einer Ziegelei zu arbeiten. 1979 wanderten wir nach Hamburg aus. Und 1981 sah ich Karl wieder und ließ mich von ihm scheiden. Seine Frau wusste nie etwas von mir.