Dieser Eintrag stammt von Ursula Lindemann, geb. 5. Oktober 1934

Kriegsende 1945 in Großhansdorf - am Rande von Hamburg


Im April/Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Ich war damals 10 Jahre alt. Wir (meine Eltern mit 5 Kindern) lebten in unserem kleinen Haus mit Garten in der Nähe der Autobahnausfahrt Ahrensburg (inzwischen verlegt). Ich war die älteste von uns Kindern.

In diesem Frühling lag eine gespannte Stimmung in der Luft. Es war alles anders. Nachts war oft Fliegeralarm. Wir gingen alle in unseren Keller und verbrachten warm angezogen, mit unserem liebsten Spielzeug auf Holzliegen (selbstgebaut) die Nacht. Eigentlich war es in den Dörfern am Rande der Großstadt Hamburgs nicht so gefährlich, aber es wurden oft Bomben, die nicht „gebraucht“ wurden, irgendwo in die Feldmark abgeworfen. Deshalb herrschte doch große Angst gerade bei uns Kindern.

Tagsüber gab es oft Tieffliegerangriffe, die uns alle in Angst und Schreckenversetzten. Wir dachten immer, wir sind gemeint.
Einmal, als wir Kinder von der Schule kamen, hörten wir Tiefflieger näher kommen und schon ging das Schießen los. Schnell schmissen wir uns in den Graben und duckten uns ins Gebüsch.
Es liefen die Tränen! Die Angst war groß!
- Vielleicht waren wir nicht gemeint. Die Autobahn verlief weiter ab parallel zum Schulweg.-

In den letzten Wochen des Krieges fiel oft die Schule ganz aus: Nachts Fliegeralarm, tags Tieffliegerangriffe!
In dieser Zeit hatten wir die Anweisung der Eltern bekommen, im eigenen Garten und im Hause zu spielen und nicht zu den Freunden zu gehen. Wenn Tiefflieger zu hören waren, mussten wir schnell ins Haus laufen und durften nicht dicht an die Fenster gehen.

Inzwischen hörte man in der Ferne ein Geböller, Gegrummel, Geschützlärm. Es hieß dann: „Der Krieg kommt näher, in Lauenburg kämpfen die Deutschen und die Engländer.“ Also wieder die Anweisung in der Nähe des Hauses zu bleiben!
- In Lauenburg wurde um die Brücke über die Elbe gekämpft. Die Elbbrücke wurde von den Deutschen gesprengt, um die Engländer aufzuhalten. Was aber nicht möglich war.-

Die Stimmung war ängstlich und gespannt, auch die Erwachsenen wussten nicht, was kommt: Wann war der Krieg zu Ende …, würden die Engländer, Amerikaner oder Russen kommen…, oder würde bei uns auch noch
gekämpft, oder was machen die Sieger mit uns? Man fühlte sich als Verlierer.

Der besondere Tag:
Wir waren in unserem Haus. Es war mitten am Tag. Wir konnten vom Fenster die Autobahnausfahrt sehen. Wir hörten schon länger dumpfes Rollen. Da schob sich langsam ein Panzerfahrzeug aus der Ausfahrt der Autobahn auf die Landstraße und hielt an. Dahinter waren noch weitere Fahrzeuge in olivgrün zu sehen.

Langsam hob sich der Deckel des Ausgucks des ersten Fahrzeuges, und ein Gewehr ging langsam in die Höhe, ein Kopf war zu sehen, dann folgten mehrere Schüsse in die Luft: abwarten …, es passierte nichts .., gespannte Stille…, alles war ruhig! Gespannte Angst!

Die Schüsse wurden von deutscher Seite nicht erwidert. Nun fuhren Panzerfahrzeuge, dann Jeeps (nie gesehene Fahrzeuge) mit
englischen Soldaten in den Ort ein. Der Ort wurde somit besetzt. Später wurden die schönsten Villen ausgesucht und beschlagnahmt. Sie wurden als Wohn- und Verwaltungsquartiere gebraucht.

Mein Vater floh erstmal hinten durch die Gärten, denn er gehörte noch zur Wehrmacht. Er wurde ambulant als Verwundeter im Lazarett (Krankenhaus) Wandsbek-Gartenstadt behandelt. Er hatte Angst, dass er in Gefangenschaft müsste und blieb erstmal im Lazarett. Mein Vater kam nicht in Gefangenschaft.

In den nächsten Tagen klingelte es bei uns. Meine Mutter machte ängstlich die Tür auf. Ein Soldat der Engländer machte meiner Mutter klar, dass er einen Eimer Wasser haben wollte. Meine Mutter zeigte ihm draußen den Wasserhahn. Wir Kinder drängten uns hinter meine Mutter. Der freundliche Soldat holte sich draußen Wasser und gab meiner Mutter eine kleine Tafel Schokolade für uns Kinder.
Die erste Begegnung mit einem Engländer! Die erste englische Schokolade und die erste Schokolade nach vielen Jahren!
Die Freundlichkeit überraschte uns sehr.

Der Krieg war am 08. Mai 1945 zu Ende.
Hamburg wurde am 03. Mai 1945 kampflos an die Engländer übergeben. Alle waren froh, dass keine Bomben mehr fielen, nicht mehr geschossen und gekämpft wurde.

In der Zeit danach:
Die Engländer richteten auf der Autobahn Hamburg – Lübeck einen großen Fahrzeugpark ein. Die Autobahn wurde gesperrt. Es entstanden hohe Zäune an der Autobahn entlang. Große Wellblechhallen wurden als Autoreparatur-Werkstätten aufgebaut. An der Autobahnausfahrt standen Wachposten. Mit den Wachposten sollten wir Kinder eigentlich nicht reden, aber besonders die Jungen hielten dieses Verbot der Eltern nicht ein. Es war dort zu interessant!
Es kamen Versorgungs-Fahrzeuge und brachten Lebensmittel. Manchmal fiel auch etwas für uns Kinder ab: Weißbrot, Kekse, Tee oder Schokolade.
Und die Freude war groß!

Allmählich entstand eine neue geschäftige Arbeitswelt: Es wurden deutsche Dolmetscher, Büroangestellte, Monteure, Arbeiter eingestellt. Militärlaster mit Bänken ausgerüstet fungierten als Busse für die arbeitenden Leute. Diese wurden aus den umliegenden Dörfern/Stadtgebiete zusammengeholt.

Zu Weihnachten 1945 wurde bei den Wellblechhallen ein riesengroßer Tannenbaum mit elektrischen Glühbirnen als Kerzen aufgestellt. Dieser Baum hat mich sehr beeindruckt. So etwas hatten wir noch nicht gesehen. Wir kannten keine elektrischen Kerzen. Von weitem sah der Baum sehr feierlich aus. Noch heute erinnere ich mich während der Weihnachtszeit immer wieder an diesen riesigen Weihnachtsbaum!

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