Dieser Eintrag stammt von Lisa Wend (*1992)

Kriegsende 1945: Flucht aus Ostpreußen

Interview mit Herta Harders (*):

Zuerst haben wir im Memelland/Ostpreußen gelebt. Im Oktober 1944 sind wir von unseren eigenen Soldaten (Volkssturm) vertrieben worden. Zu uns allen sagte man, wir sollten nach Schleswig-Holstein. Alle weinten und mussten ihre Sachen packen. Die meisten hatten nur das, was sie am Leib tragen konnten. Meine Mutter gab uns kurz vor der Flucht, falls wir uns verlieren sollten, eine kleine Umhängetasche mit ein paar wichtigen Sachen: Geld und eine Anschrift in Schleswig–Holstein, an die wir uns wenden sollten. Wir fragten sie, wann wir wieder nach Hause gehen würden, doch sie sagte uns immer nur "morgen". Mit Pferd und Wagen flüchteten wir. Es wurde nur das Nötigste und das Vieh, das noch laufen konnte, mitgenommen.

Als Kinder dachten wir, wir kämen irgendwann wieder zurück und wir begäben uns auf eine aufregende Reise. Wir schliefen im Gras oder mit vielen Menschen in einem Pferdeanhänger. Wir konnten uns nicht waschen und wir hatten keine Kleidung zum Wechseln, nur das, was wir am Leib trugen. Die Menschen litten unter dem Hunger und der mangelnden Hygiene. Unterwegs starben die Tiere, die man mitgenommen hatte, um sie zu essen. Es starben viele Alte und Babys. Man ließ sie einfach am Weg liegen und alle gingen weiter. Das war für uns grausam und unbegreiflich. Wir waren so viele Flüchtlinge, tausende! Auf dem Weg nach Schleswig-Holstein mussten wir mehrmals bei Bauern Essen klauen, damit wir überleben konnten. Wir waren bis Danzig gekommen und die Russen hatten uns eingekreist. Jetzt waren sie nicht nur hinter uns, sondern auch noch vor uns. Es gab nur noch die Chance mit dem Schiff weiter zu kommen. In Danzig warteten wir auf das Schiff; überall war Schutt und es brannte. Alles war kaputt. Wir fanden Unterschlupf in einem alten Bahnhof. Dort haben sie aus Pferdeinnerreien und Resten Suppe gekocht. Als wir alle essen wollten, kam wieder einmal ein Fliegeralarm.

Mein kleiner Bruder (5J.) bekam Angst und musste dringend auf die Toilette und ich sagte zu meiner Mutter, dass ich dann auch mitgehen würde. Meine anderen zwei Brüder sagten, dass sie schon mal was von der Suppe holen wollten. Die Toiletten waren widerliche Klobaracken in der Nähe der Halle. Auf einmal gab es einen Bombenangriff und alles fing an zu brennen. Die Leute liefen herum und hatten Angst. Das Krankenhaus hinter der Halle wurde getroffen. Es war schrecklich. Wir suchten meine zwei Brüder in der Halle, doch sie waren nicht mehr da. Wir suchten sie überall. Sie waren im Chaos verschwunden.

Zwei Tage später kam das Schiff. Alle wollten auf das Schiff. Der Hafen war voller Menschen. Kinder und Frauen wurden als erstes auf das Schiff geschoben. Als das Schiff voll besetzt war, legte es ab. Vom ablegenden Schiff aus sahen wir meine Brüder unten an der Rampe stehen. Sie riefen nach uns und wir nach ihnen. Meine Mutter schrie, dass man die beiden noch auf das Schiff lassen sollte. Wir beide haben geweint. Doch es hat niemanden interessiert.

Das Schiff fuhr über die Ostsee nach Rostock. In Rostock fuhren wir mit einem Zug im Viehwaggon weiter nach Rendsburg und dann nach Neumünster. Wir lebten dort unerwünscht bei einer Bauernfamilie für ein Jahr. Wir lebten in einem Schuppen und hatten kaum etwas zu essen und zu trinken. Außerdem hatten wir kein Licht. Wir haben uns manchmal heimlich gewaschen, dort wo die Kühe ihr Wasser bekamen. Die Versorgungslage war schlimm.

Nach zwei Monaten bekamen wir eine Nachricht von einem Bauernjungen. 20 km von unserem Ort entfernt sollten unsere Brüder leben. Meine Mutter schnappte sich ein Fahrrad und fuhr noch am selben Tag zu diesem Ort. Als sie bei der Familie ankam, wo meine Brüder untergekommen sein sollten, wollte diese die Brüder nicht mehr hergeben. Zum Glück wurde aber alles geklärt und wir waren alle wieder zusammen.

Anfang April kamen wir zu einer anderen Bauernfamilie. Einen Monat später war der Krieg zu Ende. Nachdem wir ein Jahr dort gelebt hatten, bekamen wir einen alten Bunker aus Beton zugewiesen. Er war flach und hatte nur wenige Fenster. Dort lebten wir zwei Jahre und danach drei Jahre in einer alten Militärbaracke. Ich musste später bei den Bauern als Magd arbeiten. Meine Mutter schneiderte Kleidung für uns und für andere aus Militärkleidung und alten Fahnen.

Eigentlich war für uns Kinder der Krieg schwer zu verstehen und auch das Ende haben wir nicht bewusst mitbekommen. Was uns am meisten auffiel, war, dass es keinen Fliegeralarm mehr gab und auch keine Bomben mehr fielen. Erst als wir älter wurden und durch die Armut nach dem Krieg, wurde uns die Situation klar, in der wir uns befanden. Das war wirklich schlimm für uns, denn wir hatten früher ein großes Haus mit Vieh und Weide besessen.
Früher hatten wir viele Freunde und Nachbarn, nun war alles weg. Wir haben fast die ganze Familie verloren und alle, die wir in unserem Dorf kannten. Nur eine einzige Nachbarsfamilie haben wir nach zwei Jahren wiedergefunden.
Wir hatten schon ein hartes Leben.