Dieser Eintrag stammt von Martin Sellhorn

Mein letzter Monat im zweiten Weltkrieg

Erlebnisse von Volkmar S. zum Ende des zweiten Weltkrieges


Der Fluchtweg von Prag nach Berlin
Die letzten Tage des zweiten Weltkrieges erlebte ich auf der Flucht vor den Russen und den eigenen Soldaten. Ich war Anfang April Oberjäger einer Gebirgsjägerdivision. Wir wurden damals an der Peripherie Prags noch in heftige Kämpfe verwickelt. Der Glaube an den Sinn des Krieges war bei mir damals schon auf "null" gesunken. Zum Glück bekam ich den Befehl, mit einem Krad und einem Kameraden neue Sturmgewehre aus der Kaserne in Garmisch zu holen. Mein Kamerad, der Fahrer des Krads, war ein Bayer. Ich wusste durch viele Gespräche mit ihm, dass er schon lange ähnliche Gedanken wie ich hegte. Wir beide wollten dem Krieg entfliehen und vermeiden, wie so viele andere noch an der Front zu sterben. Wir überlegten schon länger, zu desertieren.

Einige Kilometer hinter Prag entschlossen wir uns dann plötzlich, dem Irrsinn zu entfliehen. Ich wollte zu meinen Eltern nach Berlin, er zu seinen Eltern nach Murnau. Leider habe ich von ihm bis heute nichts mehr gehört.
Als Deserteur konnte ich natürlich nur nachts Richtung Berlin marschieren. Unterwegs kam ich an den kurz zuvor durch Bomben völlig zerstörten Städten Dresden und Chemnitz vorbei. Der Anblick dieser Städte war fürchterlich. Immer wieder kamen mir die gegnerischen Flieger in riesigen Pulks entgegen. 

Eines Abends, so gegen Neun oder Zehn, erwischte mich ein Stoßtrupp der Russen und nahm mich fest. Zu meinem Glück sperrten sie mich nur in den Keller eines zerbombten Hauses. Mit Hilfe meines Koppels konnte ich mich allerdings durch das einzige Kellerfenster befreien. Aktionen ähnlicher Art mussten wir ja zum Glück während der Zeit in der Hitlerjugend immer wieder ausführen. Dieses Erlebnis machte mich auf dem Rest meines Weges noch viel vorsichtiger, als ich es schon vorher war. 

Auf meinem Weg nach Berlin sah ich immer wieder andere Landser (Soldaten), die nicht so viel Glück wie ich hatten und von der Waffen-SS erwischt worden waren. Sie hingen reihenweise an den Chausseebäumen oder lagen erschossen frei im Gelände. Das sollte andere Soldaten von der Idee abhalten, zu desertieren. 

Irgendwie schaffte ich es nach etwa zwei Wochen, mein Elternhaus in Neuenhagen unbeschadet zu erreichen. Ein Wiedersehen mit meiner Familie war mir leider nur eine Nacht vergönnt. Mein Vater musste sich zur Flucht entschließen, da meine junge Mutter und meine jüngere Schwester hochgradig gefährdet waren, von den schon vor Neuenhagen stehenden russischen Truppen vergewaltigt zu werden. 

Meine Eltern und die Schwester zogen mit einem Leiterwägelchen, beladen mit einigen Koffern, nach schwerem Abschied zum nächsten Bahnhof. Ich schlug mich weiter zu meiner Tante nach Berlin durch. 
Dort angekommen zog ich Zivilsachen an und versteckte mich in einem kleinen Kämmerchen auf dem Dachboden. Meine Tante versorgte mich immer mit Essen und Trinken. Die folgenden Tage konnte ich nur beten, nicht von Geschossen oder Razzien der Militärpolizei erwischt zu werden. Spärliche Nachrichten über das Radio, hauptsächlich des Senders BBC, ließen die Hoffnung keimen, dass der Krieg und die Ängste ein baldiges Ende finden werden. Endlich, am zweiten Mai, hörten die Straßenkämpfe so gut wie auf. 

Nach ca. einer Woche glaubte ich mein selbst gewähltes Versteck verlassen zu können. Die kämpfenden Truppen der Russen, die Berlin anfangs besetzt hielten, waren hauptsächlich Mongolen. Immer wieder versuchten sie, uns Deutsche zu drangsalieren, wo sie nur konnten. Sie hatten natürlich in den letzten Jahren durch den Krieg einen Hass gegen uns Deutsche aufgebaut. Diesen Hass konnten sie jetzt abreagieren, da sie die Macht hatten. 

Die Versorgung der Bevölkerung mit Essen und Trinken war untersagt worden. Geschäfte, die früher noch Getränke und Nahrungsmittel verkauften, waren jetzt fast alle zerstört. Man kann sich vorstellen, wie schnell die spärlich gehorteten Vorräte der Berliner Bevölkerung aufgebraucht waren. Die Not wurde immer größer. 

Nachts, in der Dunkelheit, die einzige Zeit, um sich relativ ungefährdet draußen im Freien bewegen zu können, konnte ich mehrmals sehen, wie hungernde Menschen sich Fleischstücke aus Pferden oder Mauleseln, die noch in den Ruinen oder auf Straßen herumlagen, herausschnitten und sich danach verstohlen davonschlichen. Das Schlimmste allerdings war, wie später auch noch mit menschlichen Leichen das gleiche gemacht wurde. Es war auch schwer zu ertragen, nachts mit anhören zu müssen, wie hungrige Frauen, nur um ihrer Familie etwas zu essen zu besorgen, sich weinend den russischen Besatzungssoldaten hingaben. Die Schreie waren in ganz Charlottenburg, wo ich mich nach Kriegsende aufhielt, zu hören.

Gott sei Dank wurden nach etwa zwei bis drei Monaten die meisten mongolischen Besatzungseinheiten aus Berlin abgezogen. Sie wurden durch europäische Truppen ersetzt. Mittlerweile ließ die Russische Besatzungsmacht auch wieder die ersten Nahrungsmittel in die Stadt hinein. Das Leben, was man zu dieser Zeit Leben nennen durfte, fing an sich zu normalisieren. Im Herbst des Jahres erfuhr ich, dass die Flucht meiner Familie im Bühlertal (Schwarzwald) ihr Ende fand. So fand ich nach den schrecklichen Erlebnissen des zweiten Weltkrieges wenigstens zu meiner Familie zurück!

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