Dieser Eintrag stammt von Merle Aguilar (*1993), aus Hamburg

Das Erlebnis des Kriegsendes 1945)


„Hoffentlich kommen alle gut nach Hause“
Interview mit Frau X


Meine Großtante (geb. 1930) berichtet, wie sie das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.


• Wie alt warst du, als der Krieg zu Ende ging?
Ich war 14 Jahre alt.


• Wo hast du gelebt und mit wem hast du gelebt?
Vor der Flucht habe ich mit meinen zwei großen Schwestern und meinen Eltern gelebt. Meine Eltern hatten ein Haus in Deutsch-Eylau, dies ist eine Stadt in Westpreußen, im heutigen Polen.


• Bist du mit deiner ganzen Familie geflohen?
Wir sind nicht alle gleichzeitig geflohen, sondern in vier Gruppen. Nachdem wir geflohen sind, haben wir uns nach 14 Tagen alle wieder gesehen. In Boizenburg sind wir bei Freunden der Familie untergekommen.
Wir haben alle unter einem Dach gewohnt. Die Wohnung hatte zwei Zimmer und insgesamt waren wir sechs Personen, die dort gewohnt haben.


• Haben alle überlebt?
Ja, wir haben alle überlebt - zum Glück.


• Habt ihr daran gedacht, weiter in den Westen zu ziehen?
Es war so, dass meine Eltern Arbeit in Boizenburg gefunden haben und das war damals sehr wichtig. Wir kannten so recht niemanden im Westen.


• Welche Besatzungstruppen waren in Boizenburg?
Am Anfang waren die Amerikaner oder die Engländer dort, später die russische Besatzung.

• Wie war die schulische Situation?
Ich brach die Schule ab, als wir nach Boizenburg geflohen sind. Dort ging ich jedoch nur auf die Mittelschule, weil das Gymnasium zu weit weg war, nämlich in Schwerin.
Meine Eltern fanden schnell Arbeit in Boizenburg, jedoch ging es meiner Mutter nach einiger Zeit sehr schlecht und ich beschloss arbeiten zu gehen. Also ging ich von der Schule ab, um meine Eltern ein wenig zu entlasten und Lebensmittel- und Kleidermarken zu erhalten (Wer arbeitete konnte einen höheren Anspruch geltend machen.).

• Wie war die Ernährungssituation?
Die Ernährungssituation war schlecht. Es war nicht so selbstverständlich wie heute, dass man sein Brot, seine Kartoffeln und Nudeln zum Essen hatte. Es gab Lebensmittelkarten. Diese konnte man gegen Essen und Kleidung eintauschen.


• Welche Einschränkungen hattet ihr? Existierte eine nächtliche Ausgangssperre?
Nachts verließ man sowieso nicht das Haus, aus Furcht vor den russischen Soldaten, besonders als Frau.


• Was geschah nach dem Kriegsende mit den Menschen in deiner Umgebung? Konnte man Erleichterung oder Ähnliches bemerken?
Natürlich war Erleichterung spürbar. Doch nach und nach zeigte es sich, dass viele Angehörige aus anderen Familien nicht auffindbar waren. Somit war die Erleichterung auch mit viel Trauer verbunden.


Was war dein erster Gedanke, der dir in den Kopf gekommen ist, als der Krieg zu Ende war?
Mein erster Gedanke war: „Hoffentlich kommen alle gut nach Hause.“


• Was war das angenehmste und das unangenehmste Ereignis?
Das angenehmste Ereignis war, dass der Krieg endlich ein Ende hatte und dass mein Familie und ich ihn überlebt haben.
Das unangenehmste Ereignis war, dass der Krieg stattgefunden hat und so viele Menschen gestorben sind.