Dieser Eintrag stammt von Milena Gilde

Ernährungssituation in Deutschland nach 1945

Die Erinnerung einer deutschen Zeitzeugin,  etwa 60 Jahre alt,
an die Ernährungsmöglichkeiten in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.

"Kennen Sie das Buch "Librecht Hünchen" von "Heinrich Seidel" ?
Heinrich Seidel war ein genügsamer Mensch, der sich an allem erfreuen konnte, was ihm das Leben bot. Bot es ihm nicht viel, so genoss er das Wenige.

Er war ein Autor aus dem vorigen Jahrhundert, der genügvolle Erlebnisse einer bürgerlichen Familie aus Berlin schrieb. In diesem Buch kommt eine Stelle vor, in der er nach vielen Jahren einen Studienfreund trifft, der ihn in seiner Wohnung besucht. 

Seidel sagt ihm, er könne selbstverständlich zum Abendessen bei ihnen bleiben, seine Frau würde etwas besorgen, da sie nichts im Hause hätten, das hätte man als Berliner nämlich nicht, doch das mache nichts, denn seine Frau würde jetzt ein kleines Zaubertäschchen nehmen, das die gewöhnlichen Menschen auch Portemonnaie nennen, womit sie über die Straße laufen würde, wo ein Laden sei, in dem ein rosiger, freundlicher Mann und eine dazugehörige rosige, freundliche Frau stünden. Sie würde ihnen Anweisungen geben, woraufhin sie sich in Bewegung setzen und vom Käse und auch vom Schinken einige Scheiben und auch
von der Butter ein schönes und großes Stück abschneiden und diese dann einpacken würden, so dass seine Frau ihnen diese Dinge bringen könnte. 

Ich las diese Stelle immer und immer wieder und habe darüber nachgedacht, da die Umstände etwas dermaßen fantastisches waren: erstens ein Laden, in dem man solche Dinge in großen Mengen vorfand, zweitens, dass das wesentlichste von allem fehlte, nämlich die "Lebensmittelkarten".

Lebensmittelkarten waren Karten mit vielen verschiedenen Abschnitten, die Familien zugeteilt wurden, die rund Monat lang mit ihnen auskommen mussten.
Mit diesen Karten ging man zu einer der Lebensmittelstellen und ließ sich beispielsweise 200 g Brot geben, woraufhin der Abschnitt für 200 g Brot vom Verkäufer abgeschnitten wurde.

Die Verkäufer hatten die "wundervolle" Aufgabe, nach Ladenschluss die eingesammelten Abschnitte auf große Bögen zu kleben, um belegen zu können, was sie den Kunden gegeben hatten. Man musste die Karten im Ganzen zu den Läden mitnehmen und nicht  etwa die einzelnen Abschnitte, da diese möglicherweise fein säuberlich von den Dokumenten der Verkäufer abgelöst worden sein könnten, nachdem sie aus den Lebensmittelstellen entwendet wurden.

Es gab bloß ein großes Problem, die Lebensmittel waren knapp und wurden deswegen nicht gerade großzügig verteilt. 
Es konnte auch durchaus passieren, dass man gerade das, was man dringend benötigte, nicht vorfand, entweder hatten die Läden diese Produkte erst gar nicht geliefert bekommen, oder sie waren schon ausverkauft, oftmals stand eine Frau zwei Stunden lang oder länger an einer Schlange und die Dame vor ihr schnappte ihr das Benötigte vor der Nase weg. 
Also hatten Hausfrauen stets ihre Lebensmittelkarten und einen Beutel bei sich, wenn sie aus dem Haus gingen und stellten sich an, wenn sie eine Schlange sahen, da es ja sein konnte, dass man noch dieses oder jenes ergattern konnte. 

Meine Mutter erklärte mir, zur Zeit meines Buches hätte es keine Lebensmittelkarten gegeben und somit nahmen die Frauen ihre Portemonnaies und gingen, für mich zu der Zeit unvorstellbar, einfach einkaufen. 
Wir Kinder wurden angewiesen, wenn wir zum Ende des Krieges beinahe jede Nacht in den Luftschutzkeller mussten, darauf zu achten, dass das Wichtigste überhaupt gerettet wurde, nämlich "Mamas schwarze Tasche", in der die Familiendokumente, die Sparbücher und natürlich die Lebensmittelkarten; ohne  die man für den Rest der Zuteilungsperiode nichts mehr bekam und mit dem, was noch übrig geblieben war, sofern jemals überhaupt etwas übrig blieb, auskommen musste; verstaut waren.

In meiner Kindheit, in der  Zeit von 1943-1948, sahen wir Kinder unsere Situation, auch wenn sie nicht schön war, als selbstverständlich,  ja gar als "normal", da wir noch keine Vergleichsmöglichkeiten hatten, unsere Situation deswegen nicht einordnen konnten und nicht genau wussten, ob es uns besser gehen konnte; natürlich weiß man, dass es einem besser ergehen kann, aber nicht inwiefern.

Wenn wir hungern mussten, wussten wir schon, dass es besser sein konnte und wünschten uns dies. Als es noch Karten gab, aßen wir, soweit ich mich entsinne, nur
sonntags Fleisch,  wir waren eine große Familie mit sieben Personen. 

Wir waren katholisch, somit gingen wir jeden Sonntag in die Kirche. 
Eines Tages, ich war etwa acht, ging ich mit meiner älteren Schwestern, warum auch immer, zu einer Messe für englische Soldaten. 
Ich saß natürlich während der englischsprachigen Messe neben einem Soldaten, der zum Ende hin meine Hand nahm, woraufhin ich sehr erschrak, und mir mit den Worten,, for your Daddy" etwas in die Hand drückte. 

Zuerst war ich geschockt, da eine, mir fremde, Person meine Hand genommen hatte. Es war eine gelb-rote Packung. 
Meine Schwester, die ein wenig Englisch konnte, erklärte mir, dass darin Kaugummi war, was eine absolute Neuheit für mich darstellte, und was es damit auf sich hatte. Wir gingen also zu meinem Vater, das Wort, ,Daddy" hatte ich irgendwo schon einmal gehört und somit war mir der Sinn geläufig, der jedoch nicht überrascht war, und es zu kauen ablehnte, da er Kaugummi nicht mochte.
Somit kauten wir Kinder genüsslich und vergnügt, es war ein großer 
Luxus, so etwas in die Finger zu bekommen (bzw. zwischen die Zähne), auf auf dem Kaugummi herum.....

Während des Krieges ging es mit den Lebensmitteln mehr schlecht, als recht, doch bekam man das Nötigste. 

Die "schlimme" Phase begann erst nach 1945, in der sich die Dürf-
tigkeit der Nahrungsmittel, bis zur Währungsreform 1948, steigerte. 
Dann ging alles sehr schnell, von einem Tag zum Anderen, könnte man sagen, bekam man plötzlich etwas und in den nächsten zwei bis drei Jahren konnte man, wenn man genug Geld hatte,  viele Produkte kaufen, das Sortiment stieg, sehr bald, nach 1949, gab es die Karten nicht mehr. 

Die Zuteilung wurde nach 1945 willkürlicher, es gab beispielsweise eine Phase, in der wir, pro Kopf fünf Brötchen zugeteilt bekamen, was natürlich für uns Kinder gewaltig war. 

Für Kindergarten- und Schulkinder gab es nach 1945 eine Schulspeisung, wobei es zwei Qualitätsstufen gab, die eine war die "Deutsche Speisung", die merkwürdigerweise besser war, als die "Englische Speisung", die auch nur stark abgemagerte Kinder, die es wirklich nötig hatten, bekamen. 

Wir bekamen die "Englische Speisung", die meist aus irgendeinem Eintopf oder Grießbrei mit Rosinen bestand. Beliebt war eine "Kekssuppe", die wohl aus zerbröckeltem Zwieback und Magermilch war.  (Vor 1948 sah diese Speisung oftmals sehr karg aus.

Man wurde gezwungen, dieses Essen aufzuessen, einfach um festzustellen, dass die Kinder irgendetwas in den Bauch bekamen, man durfte davon eigentlich nichts mit nach Hause nehmen,  um sicherstellen zu können, dass niemand anderes einem etwas wegaß ; um die Eintöpfe und Suppen nach Hause mitnehmen zu können, wo man sie sorgfältig aufwärmte, transportierte man sie in einem Kochgeschirr am Ränzel, wobei natürlich, beispielsweise bei undichten Deckeln oder ähnlichem, oft das Mäntelchen verschmiert wurde. 

Die Hungerzeit hatte natürlich zur Folge, dass die Menschen alles aßen, was ihnen zwischen die Zähne geriet. Man brauchte auch große Mengen, da die Produkte so wenig gehaltvoll waren. Die Leute stopften sich voll und aßen, was auch noch anhielt, als es im Grunde schon wieder genug zu Essen gab,  man hatte nun einmal einen großen Nachholbedarf und  wenn man beispielsweise zu hören bekam,  dass vom Braten das Fett abgeschnitten wurde, war mir das unbegreiflich, bei uns wurde das Fett sorgfältig verteilt. 

Unser Hauptnahrungsmittel abends waren viele Jahre lang Bratkartoffeln, da diese schön gehaltvoll sind. Mittags wurden sie gekocht, so dass man sie abends mit etwas Fett und Zwiebeln zubereiten konnte, dies war lecker und zugleich sparsam. 

Die "Fresswelle" hielt an, bis man sich an die Veränderung gewöhnt hatte
."