Dieser Eintrag stammt von Manuela Mirow

Deutsch = Sündenbock - Jugoslawien -
Interview mit Frau Koops (*1939)

Der Krieg war endlich vorbei und vorbei war endlich auch die Invasion der russischen und britischen Armee. Auch die deutschen Soldaten kamen nach Hause. Man sah zum ersten Mal die Väter und Ehemänner unserer Nachbarn. Es gab jedoch viele, die sehr entstellt aussahen. So sehr man sich für andere Familien über das langerwartete Wiedersehen mit Männern und Vätern freute, man trauerte jedoch auch über die, die nicht wiederkamen. 
Zu diesen nicht Wiederkommenden gehörte auch mein Vater. Wir hatten keine Nachricht erhalten, die uns mitteilte, wo, wann, wie oder ob mein Vater überhaupt wiederkommen würde. Diese Ungewissheit war sehr schlimm. Es dauerte sehr lange, bis wir erfuhren, dass er nie wiederkommen wird. 

Meine Mutter war sehr traurig, wie wir alle. Sie hatte sehr großes Heimweh, deshalb entschloss sie sich kurze Zeit später zurück zu fahren. Zurück in die Heimat (Backa). 
Eine Freundin meiner Mutter, deren Ehemann ebenfalls nicht wiedergekommen war, entschloss sich mitzukommen. Zwei Frauen, die wir nur flüchtig kannten, fragten, ob sie auch mitkommen könnten, da es, wie sie dachten, noch keinen Grenzverkehr gab. Wir nahmen sie mit, allerdings mit großem Zweifel, da sie ja illegal mitkamen.

Wir wurden entdeckt. Ich weiß bis heute nicht, wer diese Leute waren, sie wollten, dass wir aussteigen, sie haben uns angeguckt und dann die Freundin meiner Mutter erschossen. Wir wurden festgenommen. Man hat uns in das Lager Gakovo in Jugoslawien gebracht. Dort verbrachten wir unsere nächsten 1½ Jahre. Es war eine grausame Zeit. Ich könnte von der Hölle erzählen, denn ich habe dort zu spüren bekommen, was es heißt, Deutsche zu sein. Ich denke, dass diese Hölle zu vergleichen ist mit den Qualen, die die Juden in den KZ Deutschlands erleben haben. Es war schrecklich. Jede Nacht hörte man Frauen schreien, die von den Aufsehern gequält, vergewaltigt und ermordet wurden. Am nächsten Tag wurden sie einfach entsorgt, egal, ob tot oder lebendig. 

Wir hatten noch Glück, wenn man das sagen kann. Meine Mutter, meine Schwester und ich wurden nicht vergewaltigt, auch nicht getötet. Wir bekamen die Peitsche zu spüren, wurden viel geschlagen, meist für gar nichts oder nur, weil wir Deutsche waren. Wir haben gehungert, waren durstig, schmutzig. Ich hatte Läuse und Zecken auf meinem Körper. 1 ½ Jahre lang diese Qualen und meine Mutter, meine Schwester und ich haben es mehr oder weniger gut überlebt.

Danach durften wir uns frei bewegen. Dann hieß es endlich, nach Hause in die Heimat nach Backa. Dort war allerdings nichts mehr so wie vorher. Unser Haus war von anderen Leuten besetzt und wir wussten zuerst nicht, wo wir hin sollten. Wir haben eine ganze Zeit lang in den Baracken unserer Hanffabrik gehaust, bis meine Mutter endlich eine Bleibe für uns gefunden hatte. Wir hatten es allerdings immer noch sehr schwer, denn meine Mutter hatte noch keine Arbeit und Lebensmittelkarten haben wir als Deutsche nicht bekommen. Wir waren es gewohnt zu hungern und somit konnten wir einige Monate mit geschenkt bekommenen oder geklauten Essen auskommen. Wir lebten uns nur langsam wieder ein. Wir hatten nur wenig Hilfe von anderen, da niemand etwas mit Faschisten zu tun haben wollte. 

Meine Mutter hatte endlich einen Job gefunden und wir konnten uns etwas zu essen “kaufen”.

Natürlich musste ich auch zur Schule, ich war ja nun schließlich 8 Jahre alt. Ich kam in die erste Klasse. Es war sehr schwer für mich, da ich die Sprache nur sehr gebrochen sprach. Zu Hause wurde nur Deutsch gesprochen. Freunde habe ich zuerst nicht gefunden. Im Gegenteil, ich wurde auf dem Heimweg verfolgt, als “Faschistin” beschimpft. Die Kinder, die mir hinterherliefen, hatten Messer und riefen mir die ganze Zeit zu: “Wir schlachten dich ab!” 
Als ich endlich sicher und erschöpft zu Hause angekommen war, erzählte ich alles meiner Mutter, die dann mit mir zur Polizei gegangen ist. Und wir wurden nur ausgelacht.

Ein paar Jahre später hatte ich mich eingelebt, konnte die Sprache nun schon recht gut und hatte sogar in meiner Klasse einige Freunde. 

Ich war in der siebten Klasse. Zu dieser Zeit war es an unserer Schule verboten Rock´n´Roll zu tanzen. Die meisten konnten es allerdings sehr gut. Eines Tages kam unsere Lehrerin zu spät zum Unterricht und meine Freunde und ich hatten Lust zu tanzen. Ich schnappte mir einen Jungen, er war kein Deutscher, so wie ich, und tanzte mit mir Rock`n`Roll. Da kam unsere Lehrerin herein und war entsetzt, als sie mich und den Jungen tanzen sah. Sie schleppte mich in das Büro des Direktors und rief meine Mutter an. Ich wurde von der Schule geworfen. Dem Jungen ist nichts passiert. 

Solche Szenen, Demütigungen und Erniedrigungen begleiteten mich in meiner ganzen weiteren Kindheit und Jugend. 

Somit bezahlte ich die Sünden meiner Nation für den Krieg, mit dem ich als Kind nichts zu tun hatte und ihn noch gar nicht begriff.