Dieser Beitrag stammt von:  Martin Kötter

9.5.1945: Deutschland besiegt oder befreit?

Interview mit Frau Kniestedt, meiner Oma, geb. 1926 in Gelsenkirchen.

Meine Oma erlebte die ersten Jahre des Krieges in Gelsenkirchen bei ihren Geschwistern, Mutter und Großeltern. Ihr Vater war zu Anfang noch nicht in den Krieg marschiert, und pendelte immer zwischen seinen Eltern in Lübeck, die sehr reich waren und 3 Hotels in der Innenstadt Lübecks besaßen. Diese Hotels wurden im Krieg bei Bombenangriffen zerstört und nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. In ihrer Familie verlor im Krieg nur ihr Großvater bei einem Bombenangriff das Leben.

Martin: Wie erlebten Sie die Jahre des Krieges?
Frau Kniestedt: In den ersten Jahren des Krieges lebte ich in Gelsenkirchen bei meiner Mutter, meinen Großeltern, Geschwistern und meinem Vater. Da wir nicht sehr reich waren, ging mein Vater immer nach Lübeck und kam mit vielen Lebensmitteln zurück. Er war nicht in den Krieg gezogen. Meine Mutter machte sich immer sehr große Sorgen. Als es dann auch noch die vielen Luftangriffe überall gab, wurden auch meine Bedenken immer größer und ich versuchte ihn davon abzubringen. 1942, als ich 16 Jahre alt war, bekam ich in Gelsenkirchen eine Schnellausbildung als Krankenschwester. Ich arbeitete in einem Krankenhaus und musste viele Verletzte durch Luftangriffe versorgen. Mitte 1944 wurden wir zuhause zwei Mal ausgebombt. Meine Mutter schickte mich mit meinem Vater zusammen zu Bekannten nach Hamburg. Auch hier arbeitete ich als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Wandsbek. Mein Vater fuhr von hier ab und zu mit dem Fahrrad nach Lübeck und besorgte etwas zu essen. Man benötigte damals einen Passierschein, welchen er für die Stadt Neustadt hatte ausstellen lassen. (Neustadt gab es überall. Er sagte immer,  er müsse ins nächstgelegene.) Wir hatten eine riesige Angst, wenn er jedes Mal weg war. Da meine Verwandten in Lübeck etwas reicher waren, schickten sie mir ab und zu ein wenig Geld in das Krankenhaus. Irgend jemand bekam das einmal mit und stahl mir einen Brief mit Geld. Danach passte ich besser auf die Briefe auf.

In der restlichen Zeit des Krieges in Hamburg wurden wir noch weitere drei Mal ausgebombt. Wir verloren alles. Wenn es in Lübeck schwere Angriffe gab, fuhr mein Vater jedes Mal am nächsten Tag nach Lübeck zu seinen Eltern, um nach ihnen zu schauen. Sie wurden auch häufig ausgebombt und verloren so ziemlich alles.

In der Zeit in Hamburg hörte ich von meinen anderen Verwandten nicht viel, ich wusste also nie genau, wie es ihnen in Gelsenkirchen ging.

Martin: Wie erlebten Sie die letzten Tage des Krieges?
Frau Kniestedt: Es zeichnete sich in den letzten Tagen nach Hitlers Selbstmord schon ab, dass es fast vorbei ist. Als ich das erste mal die Meldung von Hitlers Tod hörte, konnte ich es nicht glauben. Ich dachte, die Nachrichten würden uns nur veralbern, aber als es abends durch die ganze Stadt ging und jeder darüber sprach, kam ich mir schon erleichtert vor. Am letzten Abend, 8.5., kamen die SS - Leute, die für uns zuständig waren, in unseren Block und erzählten irgend etwas, wie jeden Abend, ich hörte gar nicht genau zu. Wir gingen alle ins Bett, und am nächsten Morgen, als wir irgendwann von selbst aufwachten, waren sämtliche Nazis und SS Leute weg, es gab keinerlei Spuren von ihnen.

Martin: Hatten sie alle Dokumente mitgenommen und nichts dagelassen?
Frau Kniestedt: Sie hatten alle Dokumente verbrannt auf einem Haufen. Niemand hatte etwas davon mitbekommen. Ich ging dann am Tage nach Wandsbek zu meiner Arbeit, weil ich für meine Verwandten etwas zu essen besorgen sollte. Als ich in Wandsbek ankam, bekam ich einen riesigen Schrecken. Da kamen einige Panzer auf mich zu. Ich dachte, sie würden mich sofort über den Haufen schießen, denn ich wusste  nicht, dass der Krieg aus war. Ich versteckte mich in einem Hauseingang. Die Panzer fuhren an mir vorbei. Da konnte ich erkennen, dass es britische Panzer waren, die in die Stadt eingedrungen waren.

Martin: Der Tag danach, fühlten sie sich besiegt oder befreit?
Frau Kniestedt: Besiegt? ( Moment nachdenkend ). Befreit? Natürlich findet man sich im ersten Augenblick nach dem Krieg besiegt. Man hat immerhin, so schlimm es auch war, einen Krieg, der sieben Jahre dauerte, verloren und man hat auch viele Freunde verloren, Besitztümer. Andererseits, was meiner Meinung nach stärker ist, ist die Befreiung. Wir haben verloren, aber kamen nicht in Gefangenschaft. Wir konnten unser Leben fast normal weiterführen und wurden in den kommenden Jahren nicht unterdrückt  und uns wurde sogar beim Wiederaufbau geholfen. Insgesamt überwog die Freude, als wir die ersten Alliierten Panzer sahen. Man war froh, dass das schlimmste vorbei war und dass wir es überlebt hatten. Als Befreiung empfand man auch, dass das sinnlose Sterben ein Ende hatte.

Martin: Wie war ihr Eindruck von der gesamten Bevölkerung? Auch befreit?
F
rau Kniestedt: Ich denke, es gab in Deutschland nur wenige Leute, die sich als wirklich nur besiegt gefühlt haben. Der Großteil wird sich nur befreit gefühlt haben, denn das gesamte sinnlose Töten war ja schließlich vorbei. Und da wir, im Westen zumindest, alles wieder ohne große Zwänge aufbauen konnten, war fast jeder eigentlich zufrieden und wird sich vom Nationalsozialismus befreit gefühlt haben.

In den folgenden Jahren lebte Frau Kniestedt in Hamburg und lernte meinen Opa kennen. 1948 kam meine Mutter auf die Welt, meine Tante 2 Jahre später. Mein Opa wäre für dieses Thema als Zeitzeuge sicherlich ideal gewesen, denn er war Kampfflieger im 2. Weltkrieg und wurde auch von den Russen gefangen genommen, sprang in Sibirien im Schnee aber vom Zug und entkam den Gefangenenlagern. Er verstarb leider schon 1986 und so habe ich ihn auch kaum kennen gelernt und kann mich nicht an ihn erinnern. Meine Oma erzählte aber auch noch, dass er das Ende des Krieges als eine Befreiung gesehen hat, denn wie viele sinnlose Dinge er im Krieg tat, oder  sah, war für ihn der Ende des Krieges die Befreiung.