Deutsche Nachkriegsgeschichte in Hamburg
Nach einem Interview mit Frau Schnelle nacherzählt

Als am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands bekannt gegeben wurde, hörte Familie Schnelle in Hamburg Radio und wartete auf Neuigkeiten. Die versteckten Juden, die endlich aus Ihren Hinterzimmern kommen konnten, und die KZ-Häftlinge, die befreit und medizinisch versorgt wurden, empfanden das Kriegsende als Befreiung. 

Auch Frau Schnelles Vater hatte als Beamter unter der Nazizeit gelitten. Er war immer gegen das nationalsozialistische System und seine Methoden gewesen .Er hatte auch nie mit „Heil Hitler“ gegrüßt. So wurde er strafversetzt und auch viele Jahre nicht befördert, was sich finanziell stark bemerkbar machte. Er musste nach dem Krieg gegen seinen Willen in den Entnazifizierungsausschuss der Reichspostdirektion von Hamburg. Dort wurden die Beamten auf ihre nationalsozialistischen Ansichten überprüft und es wurde ein Gutachten erstellt, welches nötig war, um als Beamter wieder zu arbeiten. Aus diesem Grunde schrieben ihn viele ehemalige Kollegen an und baten, ihnen zu helfen. Konnte er es mit seinem Gewissen vertreten, tat er es gern. Natürlich war es Befreiung von Hitlers Machtherrschaft und dem Krieg, doch zugleich war es für viele eine katastrophale Niederlage, durch die 12 Millionen Soldaten in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Und sie hatten Angst, Angst vor der Zukunft; denn keiner wusste, was mit Deutschland jetzt geschehen würde, oder wagte gar, an den Wiederaufbau der Hansestadt Hamburg zu glauben. 

Über das Radio erfuhr die Bevölkerung, dass Hamburg zur englischen Besatzungszone gehörte, sie die ersten Tage zu Hause bleiben sollten, und per Post, dass sie sich bei den Alliierten zu melden hätten, um einen neuen Ausweis zu erhalten. Kurz vor Kriegsende hatte der Gauleiter Kaufmann verhindert, dass die Elbbrücken gesprengt wurden, was für die Alliierten der Stadt von Vorteil war. 

Am 2.8.1945 stand dann endlich fest ,was mit dem Deutschen Reich geschehen würde. Die vier Alliierten (Russland, Frankreich, England und Amerika) sprachen sich gegen die Teilung Deutschlands aus. In der Potsdamer Konferenz wurde festgelegt:

1. Deutschland bleibt als demokratisches Land bestehen. 
2. Dezentralisierung von Wirtschaft und Verwaltung. 
3. Entmilitarisierung.

Als die Briten in Hamburg Stellung bezogen hatten, wurden für die „ Ausgebombten“ Nissenhütten aus Wellblech aufgestellt. Sehr viel war zerstört und viele, viele Menschen hatten ihre Wohnung verloren. So mussten auch Frau Schnelles Eltern, die Ihre Wohnung behalten hatten, eine Familie bei sich aufnehmen.

Die Eltern ihres zukünftigen Mannes hatten vor dem Krieg eine Bäckerei besessen. Das Gebäude war vollständig zerstört. Mit Hilfe von “Kompensationsgeschäften“ wurden die Bäckerei und 2 Wohnungen wieder aufgebaut. 
So konnte das junge Ehepaar, welches im September 1945 geheiratet hatte, in eine der Wohnungen einziehen.
Ein Jahr später wurde ihre Tochter geboren, was ihren Alltag noch erschwerte .Sie bekamen zwar monatlich Lebensmittelkarten für Nahrungsmittel, doch diese reichten gerade mal aus, um zu überleben. Für die Tochter gab es keine Hemdchen oder Windeln zu kaufen. Da Frau Schnelle Mutter geworden war, bekam sie nun eine Mütterkarte für zusätzliche Lebensmittel und Vorzugsmilch mit einer Schicht Rahm. Ansonsten konnte man nichts kaufen, nur wenn man einen Bezugsschein für Bekleidung bekam. Deshalb wichen viele auf gesetzlich verbotene Schwarzmarktgeschäfte aus. Dort versuchte man zu tauschen oder für horrendes Geld zu kaufen, was man brauchte. Mit Glück bekam man auch das Gewünschte. Wurde man dabei erwischt, musste alles abgegeben werden und man wurde zusätzlich noch bestraft. 

In dieser schweren Zeit ging die Mutter von Frau Schnelle oft kilometerweit, um bei den Bauern z.B. Schmuck gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Die Hamburger versuchten das Beste aus ihrer Lage zu machen. In Schrebergärten pflanzten sie Obst und Gemüse an, hielten sich Hühner und Kaninchen, die sie schlachten durften. Großvieh wie Kühe und Schweine jedoch nur mit Meldung bei der Behörde. Im Wald wurden Tannenzapfen und Holz gesammelt, um die Wohnungen heizen zu können, denn Kohlen gab es kaum. Wer Glück hatte, besaß noch Möbeln und Kleidung aus der Vorkriegszeit. Frau Schnelle bekam von Ihrem Mann einen Webrahmen geschenkt, auf dem sie aus zerschnittenen Strümpfen eine Bettumrandung webte. Sie hatten auch Mehl zusammengespart und einem Klempner gegeben, damit er ihnen einen Wäschetopf herstellen sollte, um Wäsche darin kochen zu können. Ein befreundeter Tischler hatte ihnen sogar einen Teewagen gearbeitet. Es wurde einfach alles verwendet und verkauft. Aus Mehlsäcken nähte man Kleidung, und aus Stahlhelmen wurden Kochtöpfe und Schüsseln gefertigt.

Arbeit gab es genügend nach dem Krieg. Die „Trümmerfrauen“ säuberten die Mauersteine von den zerstörten Häusern. Diese wurden dann für den Aufbau Hamburgs wieder verwendet. 

Auch der Schulbetrieb wurde wieder möglich. Die Lehrer wurden entnazifiziert und ins Ausland geflohene Lehrer, die wieder nach Deutschland zurück gekehrt waren, wurden wieder eingesetzt. Das Verkehrsnetz war größtenteils zusammengebrochen. Es fuhren zuerst weder Busse noch Züge. Also musste alles zu Fuß erledigt werden. Vereinzelt kamen Kohlenzüge an. Dann versammelten sich an den Stellen, wo die Züge langsamer fuhren, viele Menschen, die auf die Waggons aufsprangen und die Kohlen mit bloßen Händen in mitgebrachte Säcke füllten. Kilometerweit schleppten sie diese dann nach Hause, um heizen zu können.

Den Verkehrzusammenbruch machte sich Heinrich Schnelle zu nutze. Er hatte alte Autos gekauft, repariert und weiterverkauft. Wenig später machte er dann einen Autoverleih auf und verdiente damit sein erstes Geld nach dem Krieg.

Im Großen und Ganzen erging es den Deutschen besser, als sie erwartet hatten. Sie mussten noch nicht einmal Englisch lernen. Doch wenn man die Sprach beherrschte, war es von Vorteil. Man konnte sich mit den Engländern verständigen und man konnte die auf Englisch verfassten Fragebögen bezüglich der Entnazifizierung ausfüllen. Z. B .waren unter anderem folgende Fragen zu beantworten:
Sind sie Soldat gewesen?
Haben sie der Partei angehört?
Wurden sie nationalsozialistisch ausgebildet?
Denen, die kein Englisch konnten, wurden die Fragen übersetzt.

Die nationalsozialistischen Führungsspitzen wurden auf dem Nürnberger Prozess im September 1946 verurteilt, entweder zu lebenslangen Haftstrafen oder zu Tode durch Erhängen. Andere mussten sich der Entnazifizierung unterziehen und verloren ihre meist hohen Posten.

Als die Währungsreform in den drei westlichen Zonen 1948 stattfand, war dies für alle wie ein Wunder. Über Nacht waren die Läden wieder voll und man konnte alles kaufen. Die vorher leeren Regale enthielten jetzt Köstlichkeiten wie Wurst, Käse, Fleisch, Fisch. Als „Grundkapital“ erhielt jeder vorerst 40 DM. Im Nachhinein hatte der Krieg sogar Vorteile, denn durch die Zerstörung verschwanden in einigen Stadtteilen Hamburgs, wie z.B. Hammerbrook oder Rothenburgsort die dort bestehenden dunklen Hinterhöfe. Beim Wiederaufbau entstanden moderne Gebäude.

Aber durch den Zwangsabbau der Maschinenparks bzw. Demontage als Kriegsentschädigung und Schadensersatz an die Siegermächte wurde es nur erschwert möglich, in den Fabriken neue Fertigung zu starten.