Dieser Eintrag stammt von Nicole Voß

Flucht aus Naugard 

Egon Steinhorst wuchs während des 2.Weltkrieges in Naugard in Pommern auf. Ab März 1945 kam der Krieg dann immer näher. Zu diesem Zeitpunkt war Herr Steinhorst gerade mal 13 Jahre alt. Die Russen waren schon am Stadtrand und nahmen Naugard unter Beschuss. Die Soldaten wurden in kleine Grüppchen zerrissen und konnten die Stellung nicht mehr halten. Sie hatten nicht mehr genug Munition, kein Benzin, aber zum Teil Pferde, die sie den Russen abgenommen hatten. Die Granaten schlugen reihenweise in den Häusern ein. Und dann kam ein kleiner Trupp von Soldaten und sagten zu den Bewohnern: „Was macht ihr noch hier? Verschwindet! Die Russen waren schon in den Nachbardörfern. Die vergewaltigen alles was weiblich ist! Haut bloß ab! Wir halten hier so lange die Stellung wie wir noch Munition haben.“

Herr Steinhorst und seine Familie hatten ihre Sachen schon vorsichtshalber gepackt. Er hatte einen Handwagen gebaut und ein Geschirr für seinen großen Schäferhund. Und so luden sie also am 3.März des Jahres 1945 ihre Koffer auf den Handwagen, den der Hund dann ziehen musste. Die ganze Familie machte sich auf den Weg. Herr Steinhorst, seine Mutter, sein Großvater und drei seiner Geschwister. Sein Vater und sein großer Bruder waren Soldaten und eine Schwester war gerade bei einem Bauern, wo sie Landwirtschaft lernte. Am ersten Tag legten sie über 50 Kilometer zu Fuß zurück.

„Mein Großvater konnte schon bald nicht mehr laufen und so schmiss ich einige Koffer von meinem Handwagen und setzte meinen Opa auf den Wagen. Das war allerdings zu schwer für meinen Hund. Ich half ihm beim Ziehen.“, berichtet er. Am Abend holten die Soldaten die Flüchtlinge ein. Auch sie hatten sich zurückziehen müssen. Sie konnten alle nicht mehr laufen und waren hungrig und durstig und außerdem waren nachts –10°c. Die Russen kamen immer näher und direkt hinter dem Flüchtlingszug schlugen die Kugeln ein. „Erst jetzt wurde mir die Menge bewusst, mit der wir flohen. Das ganze Ausmaß hatte ich vorher nicht so recht wahrgenommen. Wir waren Tausende von Menschen. Bauern, Soldaten, Arbeiterfamilien. Alle gingen den gleichen Weg. Alle wanderten zur Oder. Denn man hoffte, dort den Russen erst mal aufhalten zu können. Es war das reinste Chaos.


An den Straßenrändern lagen haufenweise erschossene Pferde, die sie auf den Feldern aufgestapelt hatten. In den Straßengräben lagen tote Menschen, in Leinentücher eingewickelt. Denn es war ja Frost und der Boden zu hart um die Menschen mal eben schnell zu beerdigen.“ Die erste Nacht schliefen sie am Straßenrand einer Chaussee. Plötzlich kamen zwei russische Flugzeuge und beschossen die Straße mit den Flüchtlingen. Und so gab es dann noch viel mehr Tote. „Zum Glück hatten sie nicht allzu viel Munition und konnten nur zwei Runden über unseren Köpfen drehen.“ Am nächsten Tag dann holten sich die Soldaten mehrere große Geschosse aus dem Hinterland. Die stellten sie am Ende des Flüchtlingszuges auf und beschossen die russischen Verfolger. Vor diesen Kanonen hatten die Russen unheimlichen Respekt, denn sie zielten und trafen genau und so konnte man die Russen in Schach halten. Die zweite Nacht verbrachte Herr Steinhorst in einem Lokal auf dem Tanzsaal. Dort hatte man den gesamten Fußboden mit Stroh ausgelegt. So war es zwar nicht gemütlich, aber warm. Die dritte Nacht schliefen sie in einem Gutshof. Als sie am nächsten Tag an der Oder ankamen, ging es nicht vor und nicht zurück. Stau! Und das, wo ihnen die Russen im Nacken saßen. Es gab nur eine einzige Fähre, die über die Oder fuhr. Und so dauerte es Stunden bis alle über den Fluss kamen. Sie verbrachten die ganze Nacht damit, darauf zu warten, dass sie Platz auf der Fähre hatten. Auf der anderen Seite angekommen, hatten sie endlich ein bisschen Pause. Die ganze Familie konnte eine Nacht bei Verwandten schlafen.


Nach langer Zeit endlich wieder in einem richtigen Bett. Die drauffolgende Nacht verbrachten sie ebenfalls dort. Am nächsten Morgen zogen sie nach Greifswald um eine seiner Schwestern abzuholen, die dort Landwirtschaft lernte. Die folgende Nacht verbrachten sie dann in einer sogenannten Aufnahmestelle um sich am nächsten Tag auf den Weg zu seiner Schwester zu machen. Als sie dort ankamen sagten die Bauern, sie sollen erst mal ein paar Tage dort bleiben. Sie bekamen Essen und einen Schlafplatz. „Nach zwei oder drei Tagen wollten wir dann weiter zum Zug, der uns nach Hamburg bringen sollte. Allerdings musste ich dafür meinen geliebten Schäferhund Greif zurücklassen. Man hätte uns nicht erlaubt, ihn mit in den Zug zu nehmen. Der Bauer sagte mir, ich könne ihn ja nach dem Krieg wieder abholen. Daraus ist aber nie etwas geworden. Das Bild zeigt mich mit dem Hund beim Abschied auf dem Hof. Es ist das einzige Foto, das während der ganzen Flucht gemacht wurde."

Er musste ohne seinen Hund mit dem Zug nach Hamburg. Sie fuhren deshalb nach Hamburg, weil seine Schwester im Lazarett in Naugard einen Hamburger Musiker kennen gelernt hatte. Er hatte immer gesagt, wenn es hart auf hart käme, sollte die ganze Familie zu ihm nach Hamburg kommen. Das war aber gar nicht so einfach. Denn die Züge waren bis zum Rand voller Menschen. „Sie saßen sogar auf den Dächern. Es war wie im Film! Sie kamen alle aus Ostpreußen und Hinterpommern und flohen nach Westen. Zum Rhein oder eben nach Hamburg wie wir. Wir quetschten uns in einen Zug und fuhren los.“ Sie kamen in Altona in Hamburg an. Von Altona aus fuhren sie dann weiter mit der Bahn nach Bergedorf. Sie waren endlich am Ziel. Müde, aber doch glücklich. Nach 10 Tagen Flucht.