Dieser Eintrag stammt von Konstantinos Papakonstantinou (*1990)

Nachkriegszeit in Hamburg

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Werner Withus, damals wohnhaft in Hamburg / Dammtor

Wie sah es in Hamburg nach dem 2. Weltkrieg mit der Nahrung und der ärztlichen Versorgung aus?


"Schon vor dem Ende des 2. Weltkrieges und noch über 2 Jahre danach war die ärztliche Versorgung und besonders die Ernährung der Menschen in Hamburg, wie auch im übrigen Deutschland, mangelhaft bis schlecht. Jüngere Ärzte waren im Krieg und später evtl. in Gefangenschaft geraten. Medikamente waren nicht immer ausreichend vorhanden. Schon bald nach Kriegsanfang wurden die Lebensmittel und Kleidung zugeteilt. Es wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Die Rationen wurden im Laufe der Kriegsjahre und besonders nach Kriegsende immer geringer, so dass die Menschen immer häufiger sehr hungrig waren und mehr und mehr abmagerten, manchmal auch wegen der Unterernährung krank wurden. Nur wer Verwandte oder gute Freunde auf dem Lande hatte, konnte sich hin und wieder etwas zusätzliche Nahrung besorgen von Bauern. Wir sprachen damals von Vitamin B (B: Beziehungen).

Nach dem Kriegsende konnte man sich, wenn man genug Geld hatte oder auf dem Tauschwege auf einem der "Schwarzmärkte" etwas zum Essen besorgen.
Man sprach damals von der so genannten "Zigarettenwährung". Es wurde viel mit amerikanischen Zigaretten gehandelt, wobei 1 Camel 10 RM wert war.

Mein Vater wurde 1944 zur Wehrmacht eingezogen und kam zur Eisenbahnflak. Ein gefährlicher Job. Doch er überlebte und geriet in englische Kriegsgefangenschaft, die rund 3 Monate dauerte.

In den letzten Kriegsmonaten wurde der so genannte Volkssturm aufgestellt. Dafür wurden ältere Männer und Jungen ab etwa 14 bis 15 Jahren eingezogen. Ich musste mich Anfang 1945 bei der Kommandantur für den Volkssturm in der Alsterchaussee melden und wurde in der Wandsbeker Kaserne für den Einsatz mit Gewehr und Panzerfaust ausgebildet. Danach, ein paar Wochen vor Kriegsende, haben mein Freund Wilfried und ich uns in die Gartenlaube meines Großvaters in der Nähe des Tierparks Hagenbeck abgesetzt. Wir haben dort bis zur Kapitulation Hamburgs durch den damaligen Gauleiter Kaufmann am 4. Mai 1945 ausgeharrt. Wir wollten das Kriegsende erleben und überleben. Ich kehrte zu meiner Mutter zurück.

Als die englischen Truppen in Hamburg einmarschierten, gab es drei Tage Ausgangssperre. Der grausame Krieg war endlich vorbei! Es dauerte dann noch etwa drei Jahre, in denen nicht nur die Hamburger viel hungern und in den harten Wintern frieren mussten. Drei Jahre bis zur Währungsreform 1948 bis wir pro Person 40 DM (Deutsche Mark) Kopfgeld bekamen. Das war der Beginn des Neuanfangs. Von da an ging es langsam bergauf..."


Wie war das damals mit dem "Kohlenklau" ?

"Ich habe es selber getan. Echter Diebstahl kam relativ selten vor. Die Strafen waren sehr hoch bis hin zur Todesstrafe. Die Menschen haben sich damals in den Notzeiten, besonders bei und nach Bombenangriffen, gegenseitig sehr geholfen. In der gemeinsamen Not haben die Menschen mehr zusammengehalten. Man nannte das auch Heimatfront, besonders wegen der vielen Bombenangriffe. Wir haben damals aus den Ruinen der ausgebombten Häuser Holz, Kohle und auch ein Fahrrad ausgegraben. Das nannte man „Organisieren“. Dazu gehörte auch besonders im Winter das Beschaffen von Kohle. Güterzüge, die zwischen den Bahnhöfen Dammtor und Sternschanze anhielten, hatten offene Wagen mit Kohle, die wir jungen Leute (auch Frauen und Mädchen) enterten, um ein paar Stücken Kohle zu ergattern, damit wir Essen kochen und uns aufwärmen konnten."

Wo lebten die Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg kein Haus mehr besaßen ?

"Menschen, die durch die Bombenangriffe ihre Wohnungen oder Häuser verloren hatten, man nannte das auch "total ausgebombt", wurden in der Regel von Verwandten oder Freunden aufgenommen.
Wer so nicht unterkommen konnte, wurde bei Leuten, die freie Räume hatten, einquartiert. Hierfür gab es Regeln. So mussten wir als Teilausgebombte einen Raum von etwa 10 qm zweimal an je eine "ausgebombte" Frau abgeben."

Wie empfanden die Menschen den Tod von Adolf Hitler ?

"Der Tod des Diktators Adolf Hitler am 30. April 1945 durch Selbstmord wurde von fast allen Menschen in Hamburg, Deutschland und in der ganzen Welt mit Erleichterung aufgenommen. Die meisten Deutschen wussten bereits 1943, nachdem die deutsche 6. Armee in der Schlacht um Stalingrad geschlagen und praktisch vernichtet worden war, dass der Krieg für "Hitlerdeutschland" verloren gehen musste. Die Folgejahre bis Kriegsende waren weiterhin grausam für alle Betroffenen. Am Ende waren etwa 20 Millionen Tote zu beklagen. Durch den Rassenwahn der Nazis wurden in den Kriegsjahren auch Millionen Menschen jüdischen Glaubens in den Konzentrationslagern grausam ermordet. Der damalige 2. Weltkrieg, der mit der Kapitulation Japans nach dem Abwurf der ersten Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner endgültig endete, wird für alle Menschen ein immer warnendes Mahnmal bleiben, um Frieden in der Welt zu halten!"