Dieser Eintrag stammt von Anahita Rahdar *1988,
Interview mit Walter B. *1914

Jeder Rückschlag macht einen stärker

Walter B. ist 1914 geboren und war somit zu Kriegsbeginn 25 Jahre alt. Er stand einige Male vor den Trümmern seines Lebens. Dabei hat er nie aufgegeben und immer wieder von neuem begonnen. Trotzdem dankt er Gott tagtäglich dafür, dass seiner Familie und ihm nichts zugestoßen ist.

Er lebte mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Hamburg Marienthal. Schon zu Beginn des 2. Weltkriegs wurde ihr Haus ausgebombt. Gott sei Dank hat sich keiner zu dem Zeitpunkt in dem Haus befunden. Mit einem Schlag haben sie ihr ganzes Hab und Gut verloren. Doch das Wichtigste hatte man ihnen nicht genommen, ihr Leben. Die Ausbombung war ein sehr großer Rückschlag für die Familie, jedoch hat Walter B. nicht aufgegeben. Er suchte sofort nach einer Lösung. So ist er mit seiner Familie nach Bergedorf zu seinen Schwiegereltern gegangen. Dies war eine schwere Entscheidung für Walter, da er sich geschworen hatte, niemals jemandem auf der Tasche zu liegen. Aber er hat seinen Stolz überwunden, da ihm nichts wichtiger war, als das Wohlbefinden seiner Familie. Dies war ein Ausdruck seiner Stärke.

Walter B. blieb nur einige Tage bei seinen Schwiegereltern. Er ging nämlich wegen eines Arbeitsauftrages von seiner Firma „Still“ nach Polen. Er war Konstrukteur und mussten mit den Polen unter anderem Elektromotoren herstellen. Obwohl die Polen gezwungen waren, für die Deutschen zu arbeiten und Walter B. Deutscher war, behandelten sie ihn sehr gut. Ihm ging es in Polen sehr gut, bis auf die Tatsache, dass er seine Familie sehr vermisste. So machten sich seine Frau und seine drei Kinder auf den Weg nach Polen. Ihre Reise wurde in Berlin beendet. Sie kamen nicht über die Grenze nach Polen, da ihre Papiere unvollständig waren. Für Walter B. war dies sehr hart, da er sich eine Wohnung und eine schöne Einrichtung besorgt hatte. Er organisierte einen Wagen um seine Frau und die Kinder vom Bahnhof abzuholen. So stand er einige Stunden allein am Bahnhof, bis er erfuhr, dass es nicht geklappt hatte. Eine Welt brach für ihn zusammen. Doch er nahm sich zusammen und machte weiter.

Als sich der Krieg dem Ende neigte, rieten die Polen Walter B. nach Deutschland zurück zu kehren. Die Begründung lautete folgendermaßen: Wenn er nach Kriegsende weiter in Polen bleiben würde, könnte es gefährlich für ihn werden, da er Deutscher ist. So verlor er zum zweiten Mal seine Wohnung. Dies tat ihm diesmal besonders weh, da seine Familie die Wohnung noch nicht einmal gesehen hatte. Er machte sich also auf den Weg nach Hamburg. Er stieg ohne jegliche Probleme in den Zug ein und kam ohne Probleme an. Endlich, nach ungefähr fünf Jahren, hat er seine Familie wieder gesehen. Zum ersten Mal in seinem Leben weinte er vor Freude. Er kann dieses unbeschreibliche Gefühl nicht in Worte fassen. Nie wieder wollte er von seiner Familie getrennt leben.

Das Kriegsende am 8. Mai 1945 hat er mit seiner Familie in Hamburg durch das Radio miterlebt. Sie waren überaus erleichtert, dass das ganze ein Ende hatte. Nun konnte man endlich wieder in Ruhe leben. 

Walter B. und seine Familie lebten in Hamburg in der englischen Besatzungszone. Sie haben nichts Tragisches mitbekommen. Die Engländer behandelten die Menschen gut, im Gegensatz zu den Russen. Sie waren sehr glücklich, in dieser Besatzungszone zu leben auch wenn sie einige Geldprobleme hatten. Walter konnte sofort nach dem Krieg seine Arbeit bei „Still“ wieder aufnehmen. Er musste von neuem beginnen, sie besaßen nichts. So musste mit seiner Familie als Untermieter bei einer alten Dame leben. Das Essen war ein Problem, da man nur die Lebensmittelmarken für z.B. nur 50g Butter bekam. So musste man viel organisieren. Es wurde vieles das Tauschen erworben. Es war sehr schwer, alle satt zu bekommen. Deswegen mussten sie einmal, als es sehr schlimm war, die Kinderbetten gegen Kartoffeln tauschen. Nach diesem Tausch war Walter am Boden zerstört. Er fragte sich, wie oft er wohl noch von neuem anfangen musste. Doch dann hat ihm seine Frau gut zu geredet, ihn aufgebaut. Sie hat ihm gesagt, dass so viele Menschen während des Krieges gestorben sind und dass sie sich glücklich schätzen könnten, dass sie lebten und alle beisammen waren. Heute sagt Walter, wenn seine Frau nicht gewesen wäre, will er sich nicht ausmalen, was passiert wäre. 

Eines Tages bekamen Walter und seine Familie ein Care-Paket von den Amerikanern. Darin befanden sich einige Lebensmittel. Es war Glückssache, wer so ein Paket bekam. Das Paket war mehr als willkommen. Von dem Zeitpunkt an ging alles bergauf für die Familie B.. Walter hatte endlich genug zusammengespart, um seiner Familie eine eigene Wohnung zu beschaffen. Daran hatte die neue Währungsreform auch einen kleinen Anteil, da nun für klare Verhältnisse herrschten.

Von dem Wiederaufbau Hamburgs oder von den politischen Ereignissen der Nachkriegszeit hatte Walter nicht viel mitbekommen. Lediglich nur, dass die Frauen beim Wiederaufbau mithalfen. Nicht mal von der Berlin- Blockade hat er etwas mitbekommen. Er hat Tag und Nacht gearbeitet und das Resultat war zum Glück positiv.

Die Fußballweltmeisterschaft 1954 war ein krönender Abschluss für seine schwere Zeit. Sie hatten einen Fernseher in ihrer kleinen Wohnung und Walter B. konnte die Spiele mitverfolgen. Er war sehr an Fußball interessiert und nach den ersten Schwierigkeiten hat er gemerkt, dass der Sieg gelingen könnte. Im Jahre 1954 verlief ihr Leben wieder in geregelten Bahnen. Sie hatten genug zum Essen, eine eigene Wohnung mit einem Fernseher. Doch das wichtigste für ihn war, dass alle seine drei Kinder Betten besaßen. 

Heute sagt Walter B.: „Ich hätte diese schreckliche Zeit ohne den Glauben an Gott und die Liebe zu meiner Frau und meinen Kindern niemals überstanden“. Diese ganzen Rückschläge haben ihn nur noch stärker gemacht und er hat niemals aufgegeben.