Dieser Eintrag stammt von Kátia Raimundo *1988

"Genießt den Krieg - der Frieden wird schrecklicher"
Interview mit Frau Thomas

Frau Thomas erlebte den Kriegsbeginn am Sonntag, dem 1. September 1939, in Stettin.
Dort war Frau Thomas einkaufen und eine alte Frau, die an der Kasse vor ihr stand, kaufte viel Seife ein.
Bei Frau Thomas machten sich Verwunderung und Erstaunen breit. Doch diese alte Frau hatte auch schon den ersten Weltkrieg miterlebt und wusste daher, dass man vorsorgen mußte. 
Frau Thomas erzählt, dass man während des Krieges nur Lügen vorgesetzt bekam. So wurde gesagt, die Truppen kämen voran, jedoch entsprach dies nicht der Wahrheit.
Als der Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 fehlschlug, schrieb Frau Thomas ihrer Mutter einen gefährlichen Brief, der besagte, dass sie bedauerte, dass der Anschlag fehlgeschlagen war. Sie setzte sich mit dem Brief einer enormen Gefahr aus. Die Mutter antwortete aus Angst mit vollkommenem Entsetzen über die Aussage der Tochter. Frau Thomas hatte jedoch Glück und musste keinerlei Konsequenzen dafür tragen.
Bei den Bombenanschlägen hatte sie immer große Angst. "Im Luftschutzkeller spürte man den Aufprall der Bomben, als würden sie neben einem aufschlagen." 
Ihr Mann war kein Deutscher, er war halb Südafrikaner. Deshalb entschied er sich, nachts zu arbeiten und tagsüber zu schlafen, damit er nicht auffiel.
Bei Flugzeugkämpfen gab es einen Gewinner und einen Verlierer, jedoch war man sich erst nicht bewusst, dass sich in solchen Kampfflugzeugen Menschen befinden. Es gab immer nur "den Verlierer" und "den Gewinner", jedoch war dieser "Verlierer" ein Mensch wie jeder andere. Er hatte Freunde und er hatte Familie, und er hatte eben sein Leben verloren.

Offiziell kapitulierte Deutschland am 08. Mai 1945, jedoch wurde Hamburg, die Stadt wohin Frau Thomas noch vor Kriegsende zog, schon eine Woche vorher von den Engländern befreit. "Gleich bei Eintreffen der Engländer war uns bewusst, dass es vorbei war. Es war endlich überstanden." Frau Thomas erzählte, dass die Waffen der deutschen Soldaten auf einem Haufen am Straßenrand lagen. Ein Junge wollte damit spielen, jedoch wurde er von einem benachbarten Einwohner gewarnt, er solle damit aufhören, es wäre gefährlich. Der Junge erwiderte, er könne damit umgehen, er habe einen Kursus belegt. Er nahm eine Waffe in die Hand und sie ging los. Der kleine Junge starb sofort. "Ich werde das wohl niemals vergessen, ich wollte helfen, doch es war zu spät."

Nachdem die Engländer eintrafen, war eine allgemeine Erleichterung zu spüren, da man nun in Ruhe leben konnte, ohne ständige Angst vor Bomben. Andererseits hatte man zu der Zeit schon oft zu hören bekommen, dass nach dem Krieg erst die wirklich harte Zeit beginnen würde. Das Essen war knapp und das Geld sowieso. 
Frau Thomas bemerkt, dass in dieser Zeit der Zusammenhalt viel größer war, als heute.
"Die Menschen kämpften miteinander und füreinander."
Hamburg gehörte zur britischen Besatzungszone. Hier durfte man in den ersten drei Tagen nicht aus dem Haus gehen. Ab dem dritten Tag durfte man sich bis 21:00 Uhr außerhalb des Hauses aufhalten.
Frau Thomas erzählte, dass die Engländer nett und friedlich waren. Sie taten nichts Böses und ließen die Einwohner in Ruhe. Ihr Ehemann befand sich mit seiner Familie in der amerikanischen Besatzungszone. Ihm wurde Kleidung angeboten, für den Fall, dass er eine Abmachung zur Auswanderung unterschreiben würde. Letztendlich entschied er sich, nicht zu unterschreiben, weil seine Angst überwog. Seine Schwester unterschrieb den Vertrag und bekam die versprochene Kleidung. Sie ist aber nicht ausgewandert.
Nun musste mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Man dachte, dass es vielleicht 20-30 Jahre dauern würde, die schweren Verwüstungen zu beheben. Dass es aber nur 10 Jahre gedauert hat, ist erstaunlich. Es war aber auch mit viel Arbeit verbunden, trotzdem ist es fast wie ein Wunder. Niemand hat mit so einem raschen Aufbau gerechnet. Dies war zum größten Teil der Verdienst der sogenannten "Trümmerfrauen".  Schwangere Frauen und junge Mütter waren von dieser Arbeit ausgenommen.
Oft bekam Frau Thomas während des Krieges zu hören: "Genießt den Krieg - der Frieden wird schrecklicher."

Und so schien es auch. Es gab nur sehr wenig zu essen. 
Zunächst gab es Lebensmittelkarten, mit denen beispielsweise Eier, Butter und Mehl während des Krieges gesichert waren. Nach dem Krieg waren die Menschen vom Hunger betroffen. Dies lag zunächst am Mangel an Nahrungsmitteln und der immer weiter wachsenden Zahl an Flüchtlingen. 
Die Lebensmittelkarten reichten nicht, um zu überleben. So begannen Tauschgeschäfte. 
Die Menschen fuhren in die Dörfer, weil da die wirtschaftliche Lage ein bisschen besser aussah und wollten ihr Hab und Gut (z.B. Kleidung) gegen Lebensmittel wie Kartoffeln tauschen. Zigaretten waren bei solchen Geschäften sehr bevorzugt. Man nannte so etwas "Hamsterfahrten". Es gab auch Care-Pakete, mit denen den Einwohnern geholfen wurde, jedoch war es Glückssache eines zu bekommen. Frau Thomas hat selber keines bekommen. 
Eine Glühbirne kostete zum Beispiel 60 RM. Das teuerste Brot, das Frau Thomas je gekauft hatte, kostete 125 RM. Die Frau, bei der sie es kaufte, wohnte am Lohbrügger Markt und es war nicht sauber und nicht einmal eingepackt. Aber sie kaufte es, weil sie es brauchte um zu überleben. Schließlich kam es zur Währungsreform. Sie sollte einiges verändern. 
Am Sonntag, den 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in Kraft. Die DM wurde eingeführt. Die Tauschgeschäfte wurden beendet und alle Geschäfte waren voll mit Ware. Am Anfang bekam jeder 40 DM. Später dann wurde jedem sein Anteil ausgezahlt. "Wir gewöhnten uns schnell an die DM, und meiner Meinung nach war die Währungsreform wichtig für den wirtschaftlichen Aufschwung."

Frau Thomas nahm Flüchtlinge auf, darunter waren eine Mutter (ca. 40 Jahre alt) mit ihrer Tochter (18-20 Jahre alt) und einem älteren Sohn. Die Tochter war mit einem Marineoffizier verlobt, der später auch zu Frau Thomas kam. Jedoch wollten seine Eltern nach 10 Tagen, dass er zu ihnen nach Magdeburg ginge. Er wollte, dass seine Verlobte mit ihm komme, sie blieb jedoch in Hamburg und liierte sich mit einem Engländer. Nach längerer Zeit zogen sie zu Bekannten nach Blankenese. Die Nationalsozialisten konnten sich nach dem Krieg entnazifizieren, sie zahlten lediglich eine Strafe von 80 DM. Dies war also der Preis, um sich das schlechte Gewissen freizukaufen.